Medien im Jagdfieber – teils mit Beißhemmung

20. Januar 2012 • Qualität & Ethik • von

Die Skandalisierung von Hildebrand und Wulff im Vergleich

Beginnen wir mit der eigenen Fehlprognose: Noch am Morgen, bevor der Schweizer Nationalbankpräsident Hildebrand das Handtuch warf, hatte ich im kleinen Kreis von Studierenden avisiert, aus „wissenschaftlicher Sicht“ sei der deutsche Bundespräsident Wulff der erste Rücktrittskandidat. Zu dieser Fehleinschätzung hat mich eine gediegene Studie verleitet, in der Hans Mathias Kepplinger Skandale und publizistische Konflikte unterscheidet. Dem Mainzer Medienforscher zufolge ist beiden gemeinsam, dass von den Medien „tatsächliche oder vermeintliche Misstände angeprangert“ werden. Bei Skandalen bestehe jedoch nach kurzer Zeit ein „breiter Konsens in der Einschätzung der Ursachen der Missstände sowie der Verantwortung ihrer Urheber“. Bei publizistischen Konflikten komme es dagegen zu einer öffentlichen Auseinandersetzung darüber, wie die „Ursachen der Missstände und die Verantwortung ihrer Urheber“ einzuschätzen seien.

Vergleichen wir die Causa Hildebrand mit der Causa Wulff, so sind die ursprünglichen Verfehlungen der beiden Präsidenten, die den Anlass zur Skandalisierung lieferten, in etwa „gleichwertig“, auch wenn der geldwerte Vorteil der Devisengeschäfte von Hildebrands Frau größer war und diese auch näher am Kerngeschäft des Nationalbankpräsidenten dran waren als die Kreditaufnahme des deutschen Minister- und späteren Bundespräsidenten bei “friends & family”.

Ganz unterschiedlich verlief dagegen der Prozess der Skandalisierung durch die Medien: In der Schweiz war es eher ein publizistischer Konflikt zwischen der rechtspopulistischen Weltwoche und dem Rest der Journaille, mit einigen differenzierten Zwischentönen, zum Beispiel auf seiten der Neuen Zürcher Zeitung. Karl Lüönd resümierte in der Medienwoche, die Reaktion vieler Medien sei vom „Anti-Blocher-Grundrauschen“ statt von dem „normalen journalistischen Reflex“ bestimmt gewesen. In der Tat gab es Hildebrand gegenüber eine merkwürdige Beißhemmung, wie sie in einem größeren Land mit einer angelsächsischen Journalismus-Kultur, etwa den USA oder Großbritannien, kaum vorstellbar wäre.

In Deutschland haben wir dagegen den seltenen Fall, dass von taz bis FAZ, von Bild über Frankfurter Rundschau bis hin zum öffentlich-rechtlichen Fernsehen die Medien gemeinsam den Bundespräsidenten zum Rücktritt drängen – allerdings auch, weil er, anders als Hildebrand, bei seiner Selbstverteidigung grobe Fehler beging und,schlimmer noch, wie ein Winkeladvokat ein Vertuschungsmanöver nach dem anderen unternahm.

Kepplinger, der über Jahrzehnte hinweg Skandalisierungs-Prozesse der Medien verglichen hat, resümiert, im publizistischen Konflikt gehe es „vor allem darum, wie das Urteil aussehen soll“. Im Skandal stehe „dagegen das Urteil nach kurzer Zeit fest. Es geht nur noch darum, wann und wie es exekutiert wird.“
Mich hat deshalb der Rücktritt von Hildebrand überrascht. Er hat die Urteilsfindung der Schweizer Medien erst gar nicht abgewartet. In Deutschland hat der Skandalisierungsprozess inzwischen ein neues Stadium erreicht. Sie führen gegen den Bundespräsidenten jenen „Krieg“, den Wulff in völliger Fehleinschätzung seiner Möglichkeiten dem Springer-Konzern und dem Bild-Chefredaktor angedroht hatte, und insistieren auf Urteils-Exekution, in dem sie die Kampagne täglich weitertreiben. Sie ist zu einem merkwürdigen, unappetitlichen Machtkampf eskaliert, wie er in der Schweiz bisher kaum denkbar wäre.

Es gibt noch eine Gemeinsamkeit zwischen den deutschen und den Schweizer Medien im Umgang mit Skandalen. Auf sie macht Nick Lüthi in der Medienwoche aufmerksam: „Das eigene Verhalten blieb bisher unreflektiert.“ Das gilt mit wenigen Ausnahmen für die Mainstream-Medien. Sie büßen allerdings längst die Oberhoheit und damit die Kontrolle über den Diskurs um Journalismus ein. Denn auf den einschlägigen Plattformen im Internet gibt es ja lebhafte, fortdauernde Diskussionen um diesen blinden Fleck, der weiterhin einen Mangel an Professionalität des Journalismus offenbart.

Auch wenn Wissenschaftler (siehe oben), bei Vorhersagen Vorsicht walten lassen sollen – vermutlich trifft zumindest diese Prognose zu: Egal, ob Wulff alles weiter aussitzt oder doch noch zurücktritt, am Ende wird es auf beiden Seiten Verlierer geben. Denn beide Seiten werden weiter an Glaubwürdigkeit einbüßen: die allzu scheinheilig moralisierenden Medien, die ihren Jagd-Instinkten folgen, ebenso wie die politische Klasse, die in Deutschland über Parteigrenzen hinweg in Fragen des Machterhalts noch weniger feinfühlig agiert als in der Schweiz.

PS: Kepplinger erklärt übrigens plausibel Wulffs bisheriges Verbleiben im Amt wie folgt: Er könne „nicht abgewählt oder abgesetzt werden und muss deshalb auch nicht zurücktreten“, vorausgesetzt „er hält den moralischen Druck aus“. Wulffs Kalkulation sehe „anders aus als normalerweise: Wenn er zurücktritt, verliert er alles (auch seinen Apparat)“. Wenn er durchhalte, werde er eine schwere Zeit haben, aber auch „viel Zeit, um sich einen akzeptablen Abgang zu sichern“.

Hans Mathias Kepplinger: Die Mechanismen der Skandalisierung. München: Olzog Verlag (erscheint im Februar 2012)

Erstveröffentlichung: Werbewoche Nr. 1 vom 20.1.2012 

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