Zahlen brauchen Überprüfung

14. Juni 2021 • Aktuelle Beiträge, Qualität & Ethik • von

Die Glaubwürdigkeit von Journalismus beruht stark auf dem Vertrauen, dass Fakten geprüft werden. Allerdings vernachlässigen viele Journalisten und Journalistinnen, dass auch Zahlen Fakten sind.

Numerische Informationen gehören ganz wesentlich zum Journalismus – und nicht erst, seit die Digitalisierung das Konzept des Datenjournalismus und seine raffinierten Visualisierungen geboren hat. B.T. Lawson von der Uni Loughborough hat in „Journalism Practice“ eine Studie darüber veröffentlicht, wie Reporter in ihrer Berichterstattung über sieben humanitäre Krisen im Jahr 2017 Zahlen verwendeten. Lawson analysierte 978 Nachrichtenartikel aus britischen Medien darauf, ob Statistiken gegengeprüft, in Frage gestellt oder mit anderen Daten verglichen wurden. Und er fragte 16 Journalisten, wie sie damit umgegangen sind.

Zahlen wurden in der Regel nicht überprüft, wie man dies bei anderen Fakten routinemäßig macht. Stattdessen versicherte man sich der Glaubwürdigkeit der „Quelle“ der Daten. Viele stützten sich auf Zahlen, die beispielsweise Nichtregierungsorganisationen oder die Vereinten Nationen bereitstellten. Organisationen erschienen als vertrauenswürdig, wenn sie im Ruf stehen, genau zu arbeiten, sich sehr für die Zivilgesellschaft engagieren und wenn Journalisten gute Erfahrungen mit ihnen hatten. Besonders vertrauenswürdig und rational wirkten offenbar Datenbanken, die mit einer vertrauenswürdigen Quelle verbunden sind. Viele Journalisten verstecken sich hinter solchen Quellen, so Lawson: Wäre ein Fehler in den Daten, dann läge das an denen – Journalismus wäre aus dem Schneider.

Es gilt die Zwei-Quellen-Regel

Auch numerische Informationen sind zu prüfen, die (mindestens) Zwei-Quellen-Regel oder der direkte Datencheck muss auch hier gelten. Das erfordert ein Umdenken der Organisationen. Es genügt nicht, Zahlen zum Corona-Virus in Texten und als Grafiken zur Verfügung zu stellen. Insbesondere Datenjournalismus benötigt tagesaktuelle und maschinenlesbare Daten, um den gesellschaftlichen Diskurs über Krisenentscheidungen angemessen beobachten zu können.

 

B.T. Lawson (27.5.2021): Hiding Behind Databases, Institutions and Actors: How Journalists Use Statistics in Reporting Humanitarian Crises. Journalism Practice, 27.5.2021, https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/17512786.2021.1930106

 

Erstveröffentlichung: tagesspiegel.de vom 13. Juni 2021

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