China und Russland: Propaganda-Allianz oder strategische Verstärkung?

23. September 2026 • Forschung aus 1. Hand, Internationales, Top • von

Die russische Flagge schiebt sich über die chinesische.

Russland und China inszenieren sich gern als Partner im Widerstand gegen eine westlich dominierte Weltordnung. Doch erzählen ihre internationalen Staatssender tatsächlich dieselbe Geschichte über den Krieg gegen die Ukraine?

Eine groß angelegte Analyse von fast 100.000 Videos, die Anfang September auf der Konferenz der European Communication Research and Education Association (ECREA) in Brno vorgestellt wurde, zeigt: Der russische Sender RT und der chinesische CGTN verbreiten keine einheitliche Propaganda. Stattdessen übernimmt der chinesische Sender bestimmte russische Narrative selektiv, verändert ihre Tonlage und passt sie den eigenen außenpolitischen Interessen an.

Russland und China haben geteilte Interessen

Als Wladimir Putin und Xi Jinping am 4. Februar 2022 in Peking eine Partnerschaft „ohne Grenzen“ verkündeten, lagen nur wenige Wochen zwischen dem demonstrativen Schulterschluss und dem russischen Großangriff auf die Ukraine. Seither wird häufig von einer engen politischen und medialen Allianz zwischen Moskau und Peking gesprochen.

Tatsächlich teilen beide Regierungen die Kritik an einer von den USA geprägten internationalen Ordnung. Beide werfen dem Westen Doppelmoral vor und präsentieren sich als Vertreter einer multipolaren Welt. Doch aus einer gemeinsamen geopolitischen Unzufriedenheit folgt noch kein gemeinsames mediales Drehbuch.

Eine Studie von Dani Madrid-Morales und Ilya Yablokov von der University of Sheffield sowie Aybüke Atalay von der University of Glasgow untersucht deshalb, wo die internationalen Narrative Russlands und Chinas tatsächlich übereinstimmen – und wo sie auseinandergehen. Analysiert wurden die englisch- und spanischsprachigen Videobeiträge der staatlich kontrollierten Auslandssender RT und CGTN. Als westlicher Vergleichsmaßstab diente France 24.

Das Ergebnis: Die Sender agieren weder vollständig abgestimmt noch unabhängig voneinander. Einige russische Narrative gelangen in das Programm von CGTN. Dort werden sie jedoch sprachlich und argumentativ so verändert, dass sie zur chinesischen Selbstdarstellung passen. Umgekehrt finden genuin chinesische Narrative bei RT kaum Resonanz. Die Forschenden bezeichnen dieses Muster als „strategische Verstärkung“ (strategic amplification).

RT bleibt deutlich konfrontativer

Die Untersuchung umfasste 99.867 englisch- und spanischsprachige Videos. Für RT griffen die Forschenden auf die Plattform Odysee zurück, nachdem der Sender von großen westlichen Plattformen verbannt worden war. Die Beiträge von CGTN und France 24 wurden über YouTube erhoben.

Verglichen wurden zwei Zeiträume: das erste Kriegsjahr von Januar bis Dezember 2022 sowie die Phase von Juli 2024 bis Juni 2025. Damit lässt sich nicht nur feststellen, welche Narrative die Sender verwendeten, sondern auch, wie sich ihre Berichterstattung im Verlauf des Krieges veränderte.

Fehlende Untertitel wurden mit der Spracherkennungssoftware Whisper transkribiert. Anschließend identifizierten die Forschenden mit Hilfe eines Wörterbuchverfahrens jene Videos, die sich substanziell mit der Ukraine beschäftigten.

Die Analyse unterschied drei Gruppen von Narrativen:

  • Narrative über die internationale Ordnung: westliche Doppelmoral, westliche Propaganda oder die Kritik an Sanktionen
  • Identitätsnarrative: Russland als defensiver Akteur, China als friedlicher Vermittler oder die Ukraine als rechtsextremer Staat
  • konfliktbezogene Narrative: etwa die Behauptung, die Ukraine verliere den Krieg, die Berichterstattung betreibe eine emotionalisierende Militarisierung oder die Regierung in Kyjiw verfolge religiöse Gruppen

Zunächst sichteten und codierten drei Personen einen Teil des Materials. Aus diesen Codierungen entstand ein Referenzdatensatz, mit dem verschiedene KI-Modelle getestet wurden. Das am besten geeignete Modell wurde anschließend auf den Gesamtkorpus angewandt.

Dabei zeigte sich auch eine wichtige methodische Lektion: Das neueste Sprachmodell lieferte nicht automatisch die zuverlässigsten Ergebnisse. GPT-5.1 schnitt bei der Klassifikation schlechter ab als GPT-4.1 und GPT-5.2. Für die Forschenden folgt daraus, dass KI-Modelle für jede wissenschaftliche Aufgabe eigens validiert werden müssen. Die Modellgeneration allein sagt wenig über die Qualität der Ergebnisse aus.

China erzählt vor allem seine eigene Geschichte

Während RT Russland als bedrohte und zur Gegenwehr gezwungene Macht inszeniert, stellt CGTN zunehmend China in den Mittelpunkt. Besonders deutlich wird dies beim Narrativ vom friedlichen Vermittler: Im Jahr 2022 erschien China in 7,9 Prozent der untersuchten englischsprachigen CGTN-Beiträge als Friedensmacht. Im zweiten Untersuchungszeitraum stieg der Anteil auf 19,7 Prozent. Bei RT spielte diese Darstellung mit 0,3 beziehungsweise 1,4 Prozent praktisch keine Rolle.

Dies untermauert einen weiteren zentralen Befund: Russische Narrative werden von CGTN zum Teil aufgenommen, chinesische Narrative wandern jedoch kaum in die entgegengesetzte Richtung. Die medialen Einflüsse sind asymmetrisch. Diese Asymmetrie spiegelt auch das politische Verhältnis zwischen beiden Ländern. Russland gilt wirtschaftlich und international zunehmend als der schwächere Partner.

Dieselbe Behauptung, eine andere Verpackung

Wie unterschiedlich die Sender ähnliche Botschaften präsentieren, zeigt auch die Kritik an westlichen Sanktionen. RT deutete die nach dem Angriff auf die Ukraine verhängten Sanktionen in einem Beitrag als Teil eines lange vorbereiteten Plans. Ziel sei es gewesen, Russland „in die Knie zu zwingen“. Der Beitrag arbeitete mit verschwörungstheoretischen Andeutungen, Spott und einer emotional aufgeladenen Sprache. Die Sanktionen erschienen als Beweis für eine von den USA gesteuerte Verschwörung gegen Russland.

CGTN transportierte eine ähnliche Grundthese. Ein Sprecher des chinesischen Außenministeriums und eingeladene Ökonomen argumentierten, die Sanktionen verschärften internationale Krisen und seien Ausdruck amerikanischer Hegemonie. Als Beleg wurde unter anderem angeführt, dass sich 140 von 190 Staaten den Sanktionen nicht angeschlossen hätten.

Das russische Narrativ erscheint bei CGTN gewissermaßen „im Anzug“: nicht als emotionaler Angriff, sondern als institutionelle, juristische und wirtschaftliche Kritik. Zugleich positioniert sich China als vernünftige und verantwortungsbewusste Großmacht. CGTN übernimmt die russische Botschaft damit nicht einfach. Der Sender wäscht sie sprachlich, verbindet sie mit Expertenwissen und integriert sie in Chinas eigene außenpolitische Selbstdarstellung.

Keine Propaganda-Allianz, sondern strategische Verstärkung

Die Studie widerspricht der Vorstellung, Russland und China bildeten eine geschlossene mediale Propagandafront. Ihre Auslandssender folgen unterschiedlichen Prioritäten, Kommunikationsstilen und nationalen Interessen. Dennoch sind ihre Narrative nicht voneinander getrennt. CGTN verstärkt ausgewählte russische Deutungen – insbesondere die Kritik an westlicher Doppelmoral, Sanktionen und US-amerikanischer Hegemonie.

Dabei werden die Aussagen moderiert und in ein chinesisches Narrativ von Stabilität, Friedfertigkeit und verantwortungsvoller Weltpolitik eingebettet. RT übernimmt die chinesische Selbstdarstellung dagegen kaum. „Strategische Verstärkung“ beschreibt hier eine neue Form autoritärer Medienkooperation: keine gleichberechtigte Partnerschaft und keine vollständig koordinierte Propaganda, sondern eine selektive und asymmetrische Zirkulation von Narrativen.

Für die Analyse internationaler Desinformation ist diese Unterscheidung wichtig: Problematische Narrative verbreiten sich nicht immer als wortgleiche Botschaften oder sichtbar koordinierte Kampagnen. Sie können ihren Ton, ihre Begründungen und ihre journalistische Verpackung verändern, während der politische Kern erhalten bleibt. Die schwächere Macht produziert in diesem Fall die offensiveren Deutungen. Die stärkere Macht hingegen entscheidet, welche davon anschlussfähig gemacht werden.

Zur Studie: Die Untersuchung „Russo-Chinese narrative alignment in international broadcasting: The case of Russia’s invasion of Ukraine“ wurde von Dani Madrid-Morales und Ilya Yablokov von der University of Sheffield sowie Aybüke Atalay von der University of Glasgow durchgeführt. Weitere Informationen: https://www.danimadrid.net

Beitragsbild: Canva

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