Digitale Medienkompetenz fördert Integration von jungen Flüchtlingen

15. Januar 2019 • Ausbildung, Digitales • von

Geflüchtete werden in den Medien oft als „die anderen“ dargestellt und sind zudem nur selten selbst als Medienmacher in der Medienlandschaft vertreten.  Stereotype über Flüchtlinge in den Medien zu bekämpfen und sie in die Gestaltung von Medien einzubeziehen ist eine große Herausforderung – eine Gruppe von Medienwissenschaftlern aus den Niederlanden hat sich ihr gestellt.

In den Niederlanden wird die Medienkompetenz Geflüchteter gestärkt, indem sie ihre eigenen Medien gestalten. Foto: MMM

In Zusammenarbeit mit der Ithaka ISK, einer niederländischen Schule, die Vorbereitungsklassen für Geflüchtete durchführt, haben die Forscher aus Utrecht ein Programm namens „Medienkompetenz durch die Gestaltung von Medien“ entwickelt. Ihr Ziel: Flüchtlingen zu zeigen, wie sie ihre eigenen Online-Medieninhalte erstellen können. Dies soll sie befähigen, ihre eigenen Geschichten zu erzählen und selbst zu bestimmen, wie sie dargestellt werden.

Das Medienkompetenz-Projekt wurde in den vergangenen zwei Jahren zweimal durchgeführt. In diesem Rahmen schulten Sanne Sprenger, Ena Omerović, Hemmo Bruinenberg und Koen Leurs vom Lehrstuhl für Medien und Kultur an der Universität Utrecht, Lehrer und 150 geflüchtete Schüler im Alter zwischen 12 und 18 Jahren in Techniken der visuellen Medienproduktion.

Für eine bessere Ausbildung in Medienkompetenz

„Es begann alles damit, dass sich eine Schule an uns wandte, weil die Lehrer mit den in den Niederlanden angebotenen Programmen zur Medienkompetenz nicht zufrieden waren. Die verfügbaren Lehrpläne konzentrierten sich hauptsächlich darauf, die Schüler über die Risiken der Nutzung digitaler Medien und die Gefahren des ‚Sextings‘ zu informieren, wobei möglichen produktiven Formen der Mediennutzung weniger Aufmerksamkeit geschenkt wurde“, sagt Leurs. Die Schulleiter hätten auch bemerkt, dass jeder als Flüchtling in die Niederlande gekommene Schüler ein Handy hatte, aber sie seien sich nicht sicher, wie sie die Mobiltelefone in der pädagogischen Praxis nutzen sollten.

Das neue Curriculum wurde in Zusammenarbeit mit Lehrern und Schülern entwickelt und während der vergangenen zwei Jahre immer wieder angepasst. Laut Leurs bestand großes Interesse an Kursen zur Medienproduktion und solchen, die vermitteln, wie das Mediensystem funktioniert. Mit einem „Trial-and-Error“-Ansatz lehrte das Programm die Schüler, „ins Feld“ zu gehen und ihre eigenen Geschichten, Videos oder Videoblogs zu produzieren. Es wurden technische Fertigkeiten wie Beleuchtung, Komposition, Framing von Aufnahmen und Tonschnitt vermittelt. Ein weiterer Schwerpunkt war es, den Schülern zu zeigen, wie narrative Überzeugung funktioniert.

Zu den Aufgaben gehörten auch Experimente zum Thema Privatsphäre: Die Schüler wurden aufgefordert, ihre Handys an Klassenkameraden zu übergeben und dann zu diskutieren, auf welche Apps und Inhalte diese zugreifen dürfen und welche privat bleiben sollten; sie schufen neue Geschichten, indem sie ausgewählte Fotos aus ihren Smartphone-Archiven kombinierten; sie produzierten Nachrichten und sie kreierten Werbespots und Propagandavideos.

„Wir haben unsere Anweisungen sehr knapp gehalten und junge Leute zum Experimentieren eingeladen. Wir haben sie selbst entscheiden lassen, was eine gute Szene für ein Interview wäre und wen sie interviewen möchten. Da sich die Schule in einem Einkaufszentrum befand, konnten die Schüler hinausgehen und Ladenbesitzer und Busfahrer über den Alltag in den Niederlanden befragen“, erklärt Koen Leurs die Vorgehensweise der Forscher.

Darüber hinaus wurde den Schülern beigebracht, wie sie als Vlogger ihre eigenen Geschichten erzählen und über ihre Lebenserfahrungen und tägliche Aktivitäten wie Musik und Sport berichten können. Neben den praktischen Fähigkeiten schulte das Programm auch die Analyse- und Kritikfähigkeit der Schüler.

Perspektive für die Zukunft

Leurs hofft, dass das Training in digitaler Medienkompetenz Flüchtlingen helfen kann, ihre Probleme auszudrücken und typischen Klischees oder Vorurteilen auf verschiedenen Ebenen entgegenzutreten. Einerseits lernen sie zu verstehen, wie und warum bestimmte Botschaften entstehen und warum Nachrichtenmedien bestimmte Framings verwenden, um die Aufmerksamkeit des Publikums durch sensationelle, extreme oder stereotype Geschichten zu gewinnen. Wenn junge Flüchtlinge lernen, wie sie ihre persönlichen Interessen und Talente (mit-)teilen und sich so als normale Mitbürger präsentieren können, schaffen sie ihre eigene Darstellung als Gegenentwurf zu den Stereotypen, die von den Mainstream-Medien gefördert werden.

Flüchtlinge in Medienkompetenz zu unterrichten hat jedoch noch einen weiteren Effekt: Es gibt den Schülern eine Perspektive für die Zukunft. Leurs und seine Kollegen erkannten schnell, dass mehrere von ihnen großes Interesse am Bereich der Medienproduktion zeigten. Einige möchten später in Grafikdesign und Fotografie hineinschnuppern, während andere versuchen möchten, Vlogger zu werden. Das Programm bot in diesem Kontext auch praktische Hilfe: Zusammen mit den Forschern produzierten die Flüchtlinge ihre eigenen Video-CVs, die einigen von ihnen halfen, einen Job zu finden. Andere nutzten diese Video-Lebensläufe, um sich an Hochschulen zu bewerben.

Obwohl sich das Training auf audiovisuelle Medien fokussiert, trägt der Kurs auch zum Spracherwerb der Geflüchteten bei, wodurch die Machtstrukturen in den Familien neu sortiert werden. Kinder erlernen die neue Sprache und kulturelle Fähigkeiten oft schneller als ihre Eltern, die meist weniger intensive Kurse besuchen. Sie werden „Sprachvermittler“ und „Sprecher“ für ihre Familien, indem sie zum Beispiel zwischen ihren Eltern und Ärzten, Dienstleistern oder Behördenmitarbeitern vermitteln. Es sind also nicht nur die Schüler, die von den Trainings profitieren, sondern am Ende könnten auch ihre Familien einen Nutzen daraus ziehen.

Das Forscherteam hat einen wissenschaftlichen Aufsatz mit dem Titel „Critical media literacy through making media: A key to participation for young migrants?” veröffentlicht, der hier abrufbar ist.  Es betreibt auch einen Blog.

 

Dieser Beitrag erschien zuerst auf der englischen EJO-Seite: Can We Empower Young Refugees Through Digital Media Literacy Education?

Übersetzung: Johanna Mack/Tina Bettels-Schwabbauer

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