Googles Medienförderung: Teure Imagepflege

17. November 2020 • Digitales, Qualität & Ethik, Top • von

Rund 21,5 Millionen Euro verteilte Google im Zuge seiner „Digital News Initiative“ zwischen 2016 und 2019 an deutsche Medien. Solche Zuwendungen von Technologiefirmen sind nicht unüblich. Laut Ingo Dachwitz und Alexander Fanta sind sie jedoch auch nicht unproblematisch. Die Wissenschaftler haben Googles großzügige Spenden an Medien und Verlagshäuser in Deutschland und ganz Europa untersucht und hinterfragt. Ihre Studie „Medienmäzen Google – Wie der Datenkonzern den Journalismus umgarnt“ erschien im Oktober als Arbeitsheft bei der Otto-Brenner-Stiftung.

Dachwitz’ und Fantas Studie setzt sich aus vier Methoden, die fünf Forschungsfragen folgen, zusammen: Anhand einer standardisierten Umfrage innerhalb der Verlagshäuser soll die Frage beantwortet werden, in welchem Ausmaß Nachrichtenmedien und Journalist*innen in Deutschland Produkte von Google als Teil ihrer technischen Infrastruktur nutzen. Eine Datenanalyse von Googles Medienförderung zwischen 2016 und 2019 soll klären, wie deutsche Nachrichtenmedien von Googles finanzieller Förderung profitieren. Der Frage nach dem Wie geht die Frage nach dem Was voran: Wie sind Googles Initiativen zur Förderung von Medien entstanden? Leitfaden-Interviews mit Digitaljournalist*innen und Digitalmanager*innen sowie Interviews mit zwei Google-Managern gehen vor allem den Fragen nach, wie deutsche Nachrichtenmedien von durch Google finanzierte Veranstaltungen, Trainings und Fellowships profitieren und inwiefern Gefährdungen von den Verflechtungen zwischen dem Datenkonzern und den Medien(häusern), den Redaktionen und Journalist*innen ausgehen.

Abschließend formulieren Dachwitz und Fanta sechs Thesen, anhand derer sie zusammenzufassen versuchen, mit welchen Absichten Google europaweit – seit 2018 weltweit – Medien finanziell unterstützt, woraus diese Förderung entstanden ist und was sie für die journalistische Unabhängigkeit bedeutet.

  • „Googles Medienförderungen sind ein strategisches Instrument für die Zwecke des Konzerns.
  • Das Google-Geld weckt bei Journalist*innen Sorgen vor korrumpierender Nähe.
  • Die Google-Förderungen stärken das wirtschaftliche Ungleichgewicht zwischen den Medienhäusern.
  • Die Medienbranche büßt durch Googles Fördergelder für Forschung und Kongresse die Fähigkeit zur Eigenständigen Selbstreflektion ein.
  • Google versucht, zur dominanten technologischen Plattform für das Nachrichtenökosystem zu werden.
  • Förderungen müssen offengelegt werden und es braucht Alternativen zum Google-Geld.“

Güte aus dem Silicon Valley

Die Geschichte von Googles (offizieller) Medienförderung begann 2013 in Frankreich. Nach einem Streit mit den dortigen Verlagshäusern um das Leistungsschutzrecht willigte Google einer Schadensersatzzahlung sowie – in Absprache mit François Hollandes Regierung – der Errichtung eines 60-Millionen-Euro-schweren Fonds, dem „Digital Publishing Innovation Fonds“, ein. Laut Dachwitz und Fanta verteilte Google 55.985.112 Euro an französische Verlage – der Beginn einer europaweiten Kampagne. Als „großes Missverständnis“ beschrieb Madhav Chinnappa (Director of News Ecosystem Development) die Auseinandersetzungen zwischen Google und den europäischen Verlagen im Zuge der Debatte um ein Leistungsschutzrecht. Im Interview mit den Studienautoren sagt er: „Wir finden, dass wir viel Gutes tun, und nun werden solche Dinge über uns behauptet?“

Der Manager des [Digital Publishing Innovation] Fonds, Ludovic Blecher, wechselte später direkt zu Google.

Den großzügigen Spenden aus dem Silicon Valley waren Ansagen durch Google vorausgegangen: Als in Frankreich und Spanien ein Leistungsschutzrecht bzw. eine „Google-Abgabe“ zur Sprache kamen, drohte der Konzern damit, nationale Internetseiten aus dem Suchindex zu streichen. In Spanien stellte Google News den Betrieb ein.

„Scheckbuch-Diplomatie“ nennen Dachwitz und Fanta Googles Medienförderung, die ihren Anfang in Frankreich nahm. Seitdem wurde die teure Imagepflege ausgeweitet: 150 Millionen Euro betrug das Budget der europaweiten „Digital News Initiative“ (DNI, 2015 – 2019), doppelt so viel kann seit 2018 die globale „Google News Initiative“ (GNI) ausgeben. Dachwitz und Fanta schreiben: „Die GNI ist deutlich unverhohlener als ihre Vorgängerinnen auf das Eigeninteresse Googles gemünzt […]“. Und weiter: „Die Förderungen tragen dazu bei, Medien stärker an das Produkt-Ökosystem Googles zu binden.“ Für digitale Medien sei der Datenkonzern inzwischen systemrelevant: „Wer Infrastrukturen bereitstellt, kann Einfluss nehmen – erst recht, wenn er irgendwann der einzige Anbieter sein sollte.“ Der Vorwurf, das Fördergeld stamme aus dem Marketingbudget Googles, wurde von Seiten des Konzerns dementiert.

Google stoße, so beschreiben es die Autoren, bei den Verlagen in eine „klaffende Finanzierungslücke“. Doch müssen Medienhäuser Alternativen zu dieser Form der Finanzierung finden, zu groß seien schließlich die Gefahren für die journalistische Autonomie. „Deshalb ist es aus Sicht der Studienautoren wichtig, dass die europäische und deutsche Debatte um öffentlich-rechtliche Innovationsförderung für Medien weitergeht“, heißt es im OBS-Arbeitsheft.

Millionen für die Großen

Auffällig ist, an wen Google seine Millionen überhaupt auszahlt: Laut den Studienautoren weisen die Medienförderungen seit jeher „mehrere Schieflagen“ auf: „Der typische Profiteur des DNI-Fonds war ein etablierter, profitorientierter und westeuropäischer Verlag.“ Außerdem schien sich Google in Deutschland auf die reichweitestärksten Medien zu konzentrieren: „Nur vier der 28 geförderten Großprojekte mit einem Volumen von mehr als 300.000 Euro gingen hierzulande an Regionalverlage.“

Von den zehn größten Profiteur*innen in Deutschland ging allein der Spiegel transparent mit den Geldflüssen um. Er erhielt gut 1,5 Millionen Euro; auf einen ähnlichen Betrag schätzen die Autoren die Summe, die die Frankfurter Allgemeine Zeitung von Google erhielt.

Googles Förderungen stärken bestehende ökonomische Strukturen, erklären die Studienautoren: „In Deutschland konnten journalistische Neugründungen und Regionalverlage kaum von den Finanzspritzen profitieren.“

Nicht zuletzt auf Grundlage von Schätzungen (denn sowohl Google als auch die meisten der bedachten Verlage tun sich schwer beim Thema Transparenz) haben es Dachwitz und Fanta geschafft, die zehn größten Empfänger*innen von Förderungen aus dem DNI-Fonds aufzuschlüsseln. Die drei Medienhäuser mit der höchsten minimalen Gesamtsumme sind die „Wirtschaftswoche“, die „Deutsche Welle“ (jeweils 650.000 Euro) und das „Handelsblatt“ (625.000 Euro). Diese Summen müssen die Empfänger*innen mindestens erhalten haben, so die Berechnungen der Studienautoren. Dachwitz und Fanta gehen davon aus, dass bei allen drei Medienhäusern die maximale Gesamtsumme bei mehr als 2 Millionen Euro liegt. Die „Wirtschaftswoche“ und das „Handelsblatt“ wurden bei jeweils drei Projekten finanziell unterstützt, die „Deutsche Welle“ erhielt vier Zahlungen in Höhe von 437.500 Euro, 50.000 Euro, 25.000 Euro und einer unbekannten Summe. Weiterhin stehen auf der Liste der größten Empfänger*innen „Spiegel Online“ (850.000 + 689.116 Euro) und die DuMont Mediengruppe (mind. 600.000 Euro), die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (mind. 500.000 Euro), der „Tagesspiegel“ (mind. 550.000 Euro), Gruner + Jahr (mind. 350.000 Euro), die Funke Mediengruppe (mind. 500.000 Euro) und die dpa (mind. 350.000 Euro).

Google als Teil redaktioneller Infrastruktur

Google bietet eine Vielzahl von Produkten an, die die digitale Arbeit erleichtern sollen, darunter „Google Documents“, „Gmail“, „Google Maps“, eine Kalenderfunktion und spezifischere Angebote wie „Analytics“ und den Abonnementdienst „Subscribe“. Auch in deutschen Redaktionen werden diese Dienste in hohem Maße genutzt:

Die Ergebnisse der schriftlichen Umfrage machen deutlich, dass keines der befragten Medienhäuser gänzlich auf Produkte von Google verzichten kann.

Von den 22 Organisationen gaben 18 an, die Google-Dienste „Analytics“, „Tag Manager“ und „Search Console“ zur Verbreitung von Inhalten zu nutzen. 17 Medienhäuser bestätigen, Googles Suchmaschinenoptimierung in die redaktionellen Abläufe integriert zu haben und eigene Angebote über Apps im „Play Store“ zu vermarkten. In 16 Medienhäusern ist „Google Chrome“ der Standard-Browser.

Mit der ständigen Einführung neuer Werkzeuge für Verlage erzeuge Google Abhängigkeiten auch jenseits seiner dominanten Rolle im digitalen Werbemarkt. Dachwitz und Fanta sprechen von einer „digitalen Vereinnahmung“.

Kein Event ohne Google

Durch die Förderung von Trainings für Nachwuchsjournalist*innen, durch Stipendien und die Subvention von Forschungen (bspw. des Digital News Reports) erhebt sich Google zu einem fundamentalen Baustein der finanziellen Basis aller Debatten und Entscheidungen des Journalismus. Selbst Vorträge wie Shoshana Zuboffs „Überwachungskapitalismus und Demokratie“ (November 2019 in Berlin) werden von Google unterstützt. Die Ironie wird dann deutlich, wenn die Big-Data-Kritikerin Zuboff „1984“-Vergleiche zieht, während hinter ihr eine Präsentation mit dem Google-Logo in der Ecke flimmert.

Kaum ein Branchen-Event in Deutschland und Europa findet ohne Beteiligung des Datenkonzerns [Google] statt.

Durch die vom Unternehmen geförderten Fellowships nimmt Google im selben Zuge auch Einfluss auf die journalistische Folgegeneration: Mindestens 50 solcher Stipendien sponserte der Konzern laut Dachwitz und Fanta bisher, inklusive Redaktionspraktika bei der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, beim „Spiegel“ und „Zeit Online“.

Ein Schelm, wer Böses dabei denkt

Googles Mäzentum ist mehr als eine gütige Patronage, das streitet selbst im Konzern niemand ab. „Die Digital News Initiative ist auch ein PR-Instrument für Google, um die europäische Verlagsindustrie freundlich zu stimmen“, sagte Medienmanager Veit Dengler, der von 2016 bis 2019 Vorsitzender des DNI-Fonds-Council bei Google war, den Studienautoren. Googles News-Ecosystem-Director Chinnappa geht noch einen Schritt weiter und erklärt: „Google ist ein Ökosystem-Unternehmen. Es verdient sein Geld über die Ökosysteme, in denen es operiert. wenn es also den Ökosystemen gut geht, geht es auch Google gut.“

Medienförderung als Mittel zum Zweck: Entstanden aus einem Beschwichtigungsversuch gegenüber den französischen Presseverlagen fördert die „Google News Initiative“ heute weltweit Medien mit Millionensummen – laut Dachwitz und Fanta auch regierungsnahe Medien in Ruanda und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Nicht zuletzt aufgrund der Zeitungskrise und dem zwanghaften Umstieg auf digitale Angebote ist der deutsche Medienmarkt auf Finanzspritzen angewiesen. Dachwitz und Fanta resümieren:

Bisher scheint die Branche kaum über Mittel und Wege nachzudenken, wie sie sich weiterhin vom freundlichen Förderer und Technologiepartner emanzipieren kann. Die betroffenen Verlage, Redaktionen und Einzelpersonen beschäftigen sich offenbar nur wenig mit möglichen Schutzmaßnahmen, sondern verlassen sich auf etablierte Konzepte wie die Trennung von Redaktion und Verlag sowie bestehende Ethikrichtlinien oder suchen ad hoc nach Lösungen.

 

Lesen Sie auch das Interview mit Studienautor Alexander Fanta auf EJO

 

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