Publikumsbeteiligung – wie weit geht sie?

21. Februar 2018 • Digitales, Qualität & Ethik • von

Publikumsbeteiligung im Journalismus ist in Mode – aber was tun Medien wirklich, um ihre Nutzer einzubinden? Ein Forscherteam aus den USA ist dieser Frage nachgegangen und hat dazu Journalisten aus Deutschland, der Schweiz, Österreich, Großbritannien und den USA befragt.

Regina G. Lawrence, Damian Radcliffe und Thomas R. Schmidt von der University of Oregon haben für ihre transatlantische Studie „Practicing Engagement: Participatory Journalism in the Web 2.0 era“ Interviews mit leitenden Redakteuren und Journalisten von traditionellen Medien wie Neue Zürcher Zeitung (Schweiz) und The Dallas Morning News (USA), Multiplattform-Unternehmen wie Kurier (Österreich) und BBC (Großbritannien) und Startups wie Billy Penn (USA) und Krautreporter (Deutschland) geführt. Diese Medien wurden ausgewählt, um Vielfalt in Bezug auf Größe, Geschäftsmodell und Eigentumsverhältnisse zu garantieren.

Was bedeutet Publikumsbeteiligung für die Medien?

Wie das Forscherteam feststellt, besteht die häufigste Form der Publikumsbeteiligung in der Bereitstellung einer digitalen Plattform, auf der Nutzerkommentare veröffentlicht werden – ein Feedback-Mechanismus, der nicht neu, aber durch Technologie einfacher geworden ist.

Da die Interaktion mit Lesern häufig auf Facebook, Twitter und anderen Plattformen von Drittanbietern stattfindet, geht es zunehmend darum, „wie, wo und warum“ das Publikum Inhalte findet, heißt es in der Studie. Für einige Redaktionen bieten diese Daten eine Art Feedback-Schleife, die die Berichterstattung prägt.

So bemerkt Robyn Tomlin von der Dallas Morning News, dass die Möglichkeit, sich auf verschiedenen Ebenen in das Nutzerverhalten hineinzuversetzen, sogar einen Einfluss auf redaktionelle Entscheidungen habe. Die Auswahl der Geschichten, die veröffentlicht oder nicht veröffentlicht werden, habe sich dadurch eindeutig verändert, ebenso die Art und Weise, wie sie erzählt würden.

Einige befragte Redakteure und Journalisten sehen Publikumsbeteiligung als ein Mittel, Leser zur Teilnahme zu bewegen, sei es an persönlichen Dialogen, die von der Redaktion veranstaltet werden, oder an der Berichterstattung. Beim hyperlokalen Startup Billy Penn wird der größte Teil der Einnahmen durch Veranstaltungen generiert, das Mitgliedschaftsmodell des Guardian beinhaltet unter anderem einen Online-Buchclub, die Möglichkeit, die Redaktionsräume kennenzulernen sowie Veranstaltungen, auf denen Journalisten des Guardian Frage und Antwort stehen. Bei der Süddeutschen Zeitung können die Leser abstimmen, über welche Themen berichtet werden soll und Krautreporter fragt monatlich seine Leser nach Beitragsideen.

Die meisten Interviewpartner verstehen aber unter Publikumsbeteiligung, dass die Nutzer auf Nachrichteninhalte reagieren und nicht, dass sie an der Auswahl und Gestaltung der Nachrichten mitwirken.

Publikumsbeteiligung ist schwierig

Die Beteiligung des Publikums mit all ihren Facetten hat viele Journalisten zu einem Umdenken gebracht, heißt es in der Studie. Sie wissen nun, dass ihr Job nicht erledigt ist, sobald ein Artikel gedruckt oder veröffentlicht wurde. Für viele Medienunternehmen beinhaltet die Publikumsbeteiligung jedoch vor allem, Nutzer Beiträge kommentieren zu lassen und Inhalte mithilfe von Online-Analysen zu optimieren oder neu zu gestalten. Wie einige Redakteure berichten, würden selbst Online-Foren als häufigste Form der Publikumsbeteiligung oft nicht als kosteneffizient angesehen. Gründe seien die geringe Resonanz der Leser, die geringe Qualität der Diskussion und der hohe Bedarf an redaktioneller Kontrolle.

Aber eine primäre Herausforderung, so das Forscherteam, liegt in der journalistischen Kultur begründet: Das Widerstreben des Journalismus, seine Autonomie aufzugeben. Medien ziehen deshalb die Interaktion mit dem Publikum eher in Betracht, wenn es um Reaktionen auf Nachrichteninhalte geht, als wenn es darum geht, sie in die Erstellung von Nachrichten einzubinden.

„Letztendlich kommen wir zu dem Schluss, dass trotz des weit verbreiteten Konsens, dass eine Publikumsbeteiligung im Journalismus strategisch notwendig ist, sie für viele Redaktionen aufgrund technologischer und wirtschaftlicher Zwänge und der seit langem bestehenden traditionellen Redaktionskultur schwierig werden kann“, so Lawrence, Radcliffe und Schmidt. Den „partizipatorischen Idealismus“, den sich die Verfechter einer stärkeren Publikumsbeteiligung vorgestellt hätten, habe keins der analysierten Medien erreicht.

Originalversion auf Englisch: Is ‘Engagement’ Anything More than a Media Buzzword?

Bildquelle: pixabay.com

 

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