Tsunami für die Pressefreiheit

4. Mai 2020 • Aktuelle Beiträge, Pressefreiheit, Qualität & Ethik • von

Die NGO Reporter ohne Grenzen hat auch dieses Jahr wieder ihr weltweites Ranking zur Pressefreiheit veröffentlicht. In Zeiten von Corona besteht freilich mehr als sonst die Gefahr, dass es eher als Beruhigungspille wirkt, statt das zu tun, was es eigentlich tun sollte: uns alle in alarmistischen Zeiten wachrütteln.

Es gibt noch gefährlichere Bedrohungen als das Covid 19-Virus, und wir sollten nicht unterschätzen, wie viele Machthaber und Möchtegern-Muskelprotze und -Potentaten in aller Welt (auch in Demokratien, auch innerhalb der EU, auch im deutschsprachigen Raum…) nur allzu gerne dem Virus vertrauen – in der Hoffnung, dass „es“ bei weiteren Einschränkungen  von Presse- und Meinungsfreiheit „ganze Arbeit“ leistet.

Das Ranking ist deshalb gefährlich. Es lenkt das Augenmerk vornehmlich auf relative Veränderungen – und da scheint im deutschsprachigen Raum doch weiterhin alles im „grünen Bereich“: Auf den vorderen Plätzen rangieren wie eh und je Skandinavien und die Niederlande. Die Musterdemokratie Schweiz ist diesmal auf Platz 8 gelandet (Vorjahr 6), Deutschland konnte sich auf Rang 11 verbessern (Vorjahr 13), und Österreich findet sich auf dem noch immer respektablem Platz 18 (Vorjahr 16). Alle drei DACH-Länder sind damit deutlich vor Frankreich (Platz 34), dem Vereinigten Königreich (Platz 35), Italien (Platz 41), und den USA (Platz 45). Dass sich Jamaika und Costa Rica zwischen die Niederlande und die Schweiz geschoben haben, wird bei einigen Stirnrunzeln verursachen – und leise Zweifel an der Stimmigkeit des Rankings, das letztlich unvergleichbare Kulturen miteinander vergleicht und mit seiner Reihenfolge eine Bewertungs-Präzision vortäuscht, wo realistischerweise allenfalls Cluster halbwegs aussagekräftig wären.

Die eigentliche Gefahr und das Hauptproblem gerät mit dem Ranking allerdings außer Sicht: Wenn sich die Pressefreiheit allerorten verschlechtert, schlägt sich das in der Rangliste nicht nieder. Genau mit dieser Bedrohung leben wir aber in den Demokratien zusehends – und sie verschärft sich seit dem Corona-Ausbruch.

Denn Pressefreiheit, sprich: Recherche und unabhängigen Journalismus, müssen sich Medienunternehmen angesichts schwindelerregend schwindender Werbeerlöse auch leisten können. Und so schlecht, wie es um unser aller Zahlungsbereitschaft für soliden, sauberen und professionellen Journalismus bestellt ist, hängen die immer schlechter ausgestatteten Redaktionen immer mehr am Tropf von staatlicher Presseförderung, welche die regierungslammfrommen Medien belohnt, sowie von Kommunikationsabteilungen von Ministerien, Unternehmen und Non-Profit-Organisationen, welche die Redaktionen mit Nachrichten füttern. Sie beliefern die Redaktionen teils mit auf den ersten Blick kaum erkennbarer PR, gelegentlich mit dreister Propaganda, aber allemal mit einseitig vorselektierter Information. Und welcher Journalist hat schon Zeit und Muße, die fehlende andere Hälfte der „ganzen Wahrheit“ in mühseliger Kleinarbeit herauszufinden? Welche Redaktion gibt schon zu, dass sie keinen Wissenschaftsjournalisten an Bord hat, der die Statements von Virologen und Epidemiologen kritisch einordnen und bewerten könnte? Und dass es auch an Medienjournalisten fehlt, die mitverfolgen könnten, wo ganze Redaktionen Honigspuren auf den Leim gehen, die Dritte für sie legen? Oder eben auch Schreckensszenarien weiterverbreiten, mit denen uns Angst eingeflößt wird, damit wir „freiwillig“ im Zweifel um unserer Gesundheit willen auf unsere Grundrechte verzichten?

Inwieweit die Regierungen schuld sind und mit ihren „alternativlosen“ und – wie sich inzwischen mutmaßen lässt –  unverhältnismäßigen Shutdowns die Misere angezettelt haben, werden Inhaltsanalysen von Medienforschern sowie Historiker zu klären haben. Es könnten auch die Medien selbst gewesen sein, die dem menschlichen Herdentrieb verfallen sind und mit ihrer wochenlangen, geradezu coronamonomanen Berichterstattung erst das Meinungsklima erzeugt haben, das politischen Handlungsbedarf erzeugte und den Shutdown „alternativlos“ werden ließ.

Medien sind in Demokratien mächtig. Ohne nachhaltige Unterstützung seitens des Fernsehens und der Presse hätte Margaret Thatcher nicht in den Falkland-Krieg ziehen und George W. Bush nicht den Irak-Krieg anzetteln können. Ob das beim Lockdown anlässlich der Pandemie und beim „Krieg“ gegen das Corona-Virus grundsätzlich anders ist, wissen wir noch nicht. Aber zumindest Fragen drängen sich angesichts der Tatsache auf, dass die Nachrichtenmedien, insbesondere die TV-News seit Wochen und wie nie zuvor fast nur noch ein einziges Thema kannten und kennen. Haben die Medien mehr Angst und Schrecken geschürt als nötig? Haben sie mit ihrer erstaunlich konsonanten Berichterstattung den Boden bereitet, die Politik der Regierung als „alternativlos“ erscheinen zu lassen?

Für die Pressefreiheit droht jedenfalls der Corona-Shutdown mit all seinen wirtschaftlichen Kollateralschäden zu einem Tsunami zu werden, der sich erst allmählich aufbaut, vermutlich aber in unseren freiheitlichen Gesellschaften länger wüten wird als das Covid 19-Virus.

Erstveröffentlichung: Die Furche – Die österreichische Wochenzeitung vom 29. April 2020

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