Dissonante Öffentlichkeiten

7. Januar 2019 • Aktuelle Beiträge, Qualität & Ethik • von

Konventionelle Vorstellungen von Öffentlichkeit und gesellschaftlicher Kommunikation stammen aus einer vordigitalen Welt und funktionieren nicht mehr im Zeitalter des Nebeneinanders von Massenmedien, Onlineplattformen und sozialen Medien. Funktionieren meint hier: Sie erklären nicht mehr, sie erlauben keine zuverlässigen Prognosen und sie verleiten zu den falschen Strategien in der politischen Auseinandersetzung.

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Kennzeichnend für diese überkommene Vorstellung von Öffentlichkeit sind z.B. die Unterscheidung von Publikum und Kommunikator, die Schleusenwärterfunktion der Massenmedien und der konsensorientierte Diskurs über gesellschaftliche Streitfragen. Das Idealbild einer solchen Öffentlichkeitsvorstellung ist die mediale Arena, in der sich politische Akteure zuerst auf die relevanten Themen und dann auf eine rationale Lösung der gesellschaftlichen Probleme einigen.

Dagegen setzen die Kommunikationswissenschaftlerinnen Barbara Pfetsch, Maria Löblich (Freie Universität Berlin) und Christiane Eilders (Heinrich Heine Universität Düsseldorf) eine neue Konzeption dissonanter Öffentlichkeiten.* Nach dieser Vorstellung von gesellschaftlicher Kommunikation stehen vielfältige, synchrone, sich zum Teil widersprechende und zum Teil  bezuglose Stimmen und Akteure nebeneinander im Wettbewerb um Aufmerksamkeit, Deutungshoheit und Zustimmung. Kommunikative Macht und politscher Einfluss organisiert sich in den digitalen Medien neu – und zum Teil chaotisch – innerhalb vielstimmiger Netzwerke, in denen neue, bisher noch unerforschte Gesetzmäßigkeiten gelten.

Diese Vorstellung ist nur auf den ersten Blick mit einem Bedeutungsverlust für Massenmedien und Journalismus verknüpft. In solchen hybriden Mediensystemen mit privaten und öffentlichen Kommunikatoren sind journalistische Instanzen nicht mehr machtvolle Türsteher und exklusive Bestimmer der politischen Tagesordnung. Medien wandeln sich zu Akteuren in kommunikativen Netzwerken, die Glaubwürdigkeit und Relevanz zuweisen – weil sie unabhängig und transparent das Netz beobachten, es analysieren und Bezüge herstellen.

 

*Barbara Pfetsch, Maria Löblich und Christiane Eilders (2018): Dissonante Öffentlichkeiten als Perspektive kommunikationswissenschaftlicher Theoriebildung. In Publizistik 63 (4): S. 477-495 (Online unter https://doi.org/10.1007/s11616-018-0441-1)

 

Erstveröffentlichung:  tagesspiegel.de vom 06. Januar 2019

Bildquelle: wikimedia commons

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