Fehler über Fehler

7. Oktober 2010 • Qualität & Ethik • von

Forschungsprojekt über Präzision und Glaubwürdigkeit im Journalismus fördert überraschende Ergebnisse zu Tage

Dass Journalismus schnelllebig und damit anfällig für Fehler ist, dessen sind sich die meisten erfahrenen Medienpraktiker bewusst. Wie häufig sich indes Redaktionen irren und fehlerhafte Berichterstattung in Umlauf setzen, war zumindest in Europa bislang kaum bekannt. Jetzt gibt es für die Schweiz und Italien immerhin erste Zahlen, die aufhorchen lassen.

Auch in den USA sind die Forschungsergebnisse, die zu diesem Thema dort seit Jahrzehnten erstellt wurden, vom Umfang her überschaubar. Aber sie überraschen selbst heute noch “alte Füchse” aus der Medienpraxis:

  • Knapp die Hälfte aller untersuchten Zeitungsartikel (46%) enthalten Fehler. Zu diesem bestürzenden Befund gelangte Mitchell Charnley, ein Grenzgänger zwischen Journalismus und Publizistikwissenschaft, bereits 1936 in seiner Pionierstudie zur Glaubwürdigkeit und Fehleranfälligkeit amerikanischer Tageszeitungen.
  • Heute wird noch schludriger als damals gearbeitet. 61 Prozent der selbst erstellten Berichte und Features in Zeitungen enthalten mindestens einen Fehler – so ermittelte Scott R. Maier (2005) von der University of Oregon in der bisher größten und letzten amerikanischen Studie. Wer verfolgt hat, wie die Glaubwürdigkeit der US-Medien sank und wie dort im letzten Jahrzehnt die Redaktionen ausgedünnt wurden, den wird das kaum verwundern.

Scott Maiers Studie war Ausgangspunkt für unser eigenes Forschungsprojekt zur “Präzision und Glaubwürdigkeit der Berichterstattung von Regionalzeitungen in der Schweiz und Italien”, das der Schweizer Nationalfonds finanziert hat. Ziel war es, die Fehleranfälligkeit der Berichterstattung ausgewählter Tageszeitungen zu erfassen und herauszubekommen, wie sich die Berichterstattungsmängel auf die Glaubwürdigkeit des Journalismus auswirken.

Im empirischen Teil des Forschungsprojektes wurden jeweils die Informationsquellen der Journalisten zur Genauigkeit der Berichterstattung befragt. Dafür filterten wir in fünf Regionalzeitungen aus der deutschen Schweiz und Italien je 1.000 Artikel stichprobenmäßig heraus und ermittelten die Personen, die in den Beiträgen als wichtigste Quellen genannt sind. Wir befragten diese schriftlich, um Fehler zu identifizieren und nach verschiedenen Kategorien zu klassifizieren.

Um der Vergleichbarkeit der Daten willen basierte die Methodik auf den Pionierstudien von Charnley und Maier. Bemerkenswert war aber bereits der Unterschied bei der Rücklaufquote: Für die Schweiz betrug sie rund 50 Prozent, in Italien lag sie bei knapp 15 Prozent. (Angesichts der niedrigen Rücklaufquote für Italien sind die hier präsentierten Ergebnisse bestenfalls als explorativ zu betrachten.) Maier (2005) konnte dagegen in den USA 68 Prozent erzielen.

Die Umfrageresultate zeigen, dass die befragten Quellen – für uns überraschend – in der Schweiz mehr Berichterstattungsmängel feststellten als in Italien oder den USA. Faktische Fehler, so genannte “hard errors” wie falsch geschriebene Namen, Angaben zum Ort des Geschehens oder verzerrt wiedergegebene Zitate, bemängeln die Befragten in 60 Prozent der untersuchten Schweizer Beiträge, dagegen in Italien in 52 Prozent und in den USA nur in 48 Prozent, also jeweils “nur” in rund der Hälfte aller Artikel.

Die niedrigere Fehlerquote in den USA ist plausibel erklärbar. Sie lässt sich zum einen auf die unterschiedliche Organisation der Zeitungsredaktionen zurückführen: Journalisten in der Schweiz und Italien verfügen über eine relativ große gestalterische Autonomie, es gibt keine Arbeitsteilung zwischen “Reporters” und “Editors” wie in den USA – und damit auch weniger Kontrolle der einzelnen Journalisten. Auch die Korrekturspalten, die in den USA üblich sind, tragen zur Fehlervermeidung bei, weil sie die Journalisten sensibilisieren und weil auch kein Journalist gerne mit seinen Fehlleistungen in der Korrekturspalte und damit vor den Kollegen “am Pranger” steht.

Rätsel gibt dagegen zunächst die im Vergleich zur Schweiz niedrige Fehlerquote in Italien auf. Nach allem, was wir wissen, sind Schweizer Regionalzeitungen redaktionell besser ausgestattet als italienische. Es bieten sich zwei einleuchtende Erklärungen für das unerwartete Ergebnis an: Denkbar ist, dass die italienischen Quellen deshalb weniger Berichterstattungsfehler entdeckt haben, weil die Journalisten häufiger deren PR-Texte per Copy&paste-Befehl in “Journalismus” verwandeln als ihre Schweizer Kollegen.

Sollten letztere sich mehr um Eigenberichterstattung und Ergänzungen bemühen, würde ihre Arbeit zugleich fehleranfälliger. Zum anderen könnte es sein, dass die deutsch-schweizerischen Quellen bei der Bewertung pingeliger waren als die italienischen Befragten – also in punkto Berichterstattungsgenauigkeit höhere Erwartungen haben. (Da unser primäres Erkenntnisinteresse nicht auf unterschiedliche Erwartungshaltungen der Quellen zielte, war auch das Erhebungsinstrument nicht auf diese Fragestellung hin ausgerichtet. Deshalb lassen sich diesbezüglich unsererseits keine präziseren Aussagen machen.)

Vier faktische Fehler wurden von den Befragten besonders häufig moniert: Reißerische Überschriften, die den Tenor des tatsächlichen Geschehens nicht widerspiegeln, entstellte Zitate, falsch wiedergegebene Zahlen und Orthografiemängel (vgl. Tabelle).

In der Schweiz und in Italien monierten die Befragten in jeder Kategorie – mit Ausnahme der falschen Zahlenangaben – deutlich mehr Fehler als in den USA. Insgesamt ist es aber verblüffend, wie sich die Resultate gleichen. Die Fehleranfälligkeit des Journalismus scheint somit ein generelles Problem zu sein, und auch die Fehlertypologie ähnelt sich über die Kulturgrenzen hinweg. Der Einfluss der spezifischen journalistischen Besonderheiten des jeweiligen Mediensystems scheint deshalb weniger prägend, als von uns zunächst vermutet.

Wenn die Quellen die Schwere der ermittelten Fehler beurteilen, ergibt sich neuerlich ein überraschendes Bild: Auf einer Likert-Skala von 1 (leichter Fehler) bis 7 (gravierender Fehler) gewichteten die Schweizer die Mängel mit durchschnittlich 2,5, also als weniger gravierend im Vergleich zu den Quellen in Italien (2,7) oder in den USA (2,8).

Auch ist die Bereitschaft der Quellen, sich erneut als Informationslieferanten zur Verfügung zu stellen, in der Schweiz (56%) deutlich höher als in Italien (38%) oder in Amerika (36%).

Zusammengenommen stützen diese beiden Befunde unsere Interpretation, dass die Schweizer Quellen es einerseits genauer nehmen und auch unwesentlichere Fehler aufgelistet haben als die Italiener – sich aber andererseits auch der Geringfügigkeit der journalistischen “Verfehlungen” bewusst sind, so dass diese offenbar die Auskunftsbereitschaft der Quellen und die Glaubwürdigkeit der Zeitungen wenig beeinträchtigen.

Denn angesichts des hohen Fehleranteils ist das Vertrauen in die Zeitungen nahezu ungebrochen: Auf einer weiteren 7-Punkte-Skala, wobei 1 für unglaubwürdig und 7 für sehr glaubwürdig steht, stuften die Befragten in der Schweiz die Zeitungen trotz des höchsten Fehleraufkommens als sehr glaubwürdig ein (5,5). Die Zeitungen in den USA erzielten 5,1, die in Italien 5,2 Punkte.

Das Fazit der Studie fällt bezüglich der Fehleranzahl deutlich negativ aus: Jeder zweite Beitrag in den untersuchten Ländern enthält mindestens einen Fehler – und damit einen zuviel. Nicht alle Fehler sind aber offenbar so gravierend, dass sie sich direkt und negativ auf die Glaubwürdigkeit der Zeitungen auswirken.

Trotzdem sollten sich die Redaktionen deutlich intensiver mit der Berichterstattungs-Akkuratesse auseinandersetzen, vor allem in Zeiten zunehmender Digitalisierung. Unfraglich ist es die beste Lösung, Fehler zu vermeiden. Gerade in der schnelllebigen digitalen Welt zeichnet sich seriöser Journalismus indes auch dadurch aus, dass Redaktionen – wie schon vor Jahren vom “Pionier” der Fehlerforschung im deutschen Sprachraum, Bernd Wetzenbacher, angeregt – endlich lernen, mit den eigenen Fehlern angemessen umzugehen.

Möglichkeiten gibt es viele, angelsächsische Medien leben einige davon bereits seit langem vor: Correction Corners, in denen Fehler zuverlässig und freiwillig berichtigt werden, Editor’s Notes, mit denen man gravierende Berichterstattungsmängel zumindest nachträglich erklärt, und Ombudsleute, die als Beschwerdeinstanzen fungieren und systematisch Fehlern nachspüren, könnten erste Schritte zu einem glaubwürdigen Umgang mit Berichterstattungsfehlern sein.

Literatur:

  • Charnley, Mitchell (1936): Preliminary Notes on a Study of Newspaper Accuracy. In: Journalism Quarterly, 13. Jg., S. 394-401.
  • Maier, Scott (2005): Accuracy Matters: A Cross-market Assessment of Newspaper Error and Credibility. In: Journalism and Mass Communication Quarterly, 82. Jg., S. 533-551.
  • Wetzenbacher, Bernd (1998): So stimmt’s. Die Korrekturspalte – Teil eines innerredaktionellen Qualitätsmanagementsystems? Abschlußarbeit im Studiengang Journalisten-Weiterbildung, Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, FU Berlin 1998.

Erstveröffentlichung: Journalistik Journal 2/2010

Auch erschienen als Kurzfassung in: Neue Zürcher Zeitung

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