Russland: Die Corona-Krise und die Medien

19. März 2020 • Aktuelle Beiträge, Internationales, Qualität & Ethik • von

In den russischen Medien findet so gut wie keine Diskussion über die Krise statt – die meisten Quellen informieren lediglich über neue Fälle und Maßnahmen. 

In Russland werden die Maßnahmen gegen die Coronavirus-Pandemie seit dem 10. März stetig ausgeweitet. Veranstaltungen mit mehr als 50 Personen sind seit dem 17. März verboten. Schulen wurden geschlossen – in St. Petersburg wird nach und nach Fernunterricht eingeführt. 15 neue Regionen haben, ebenfalls am 17. März, bestätigte Coronavirus-Fälle gemeldet. Damit ist insgesamt nun rund ein Drittel der Regionen betroffen.

Die Behörden wollen in jedem Fall Panik vermeiden. Allerdings verläuft der Informationsfluss zu den Bürgern schleppend: Es gibt weder zentrale Beratungsstellen, die allen bekannt wäre, noch eine offizielle Informationsquelle, die jeder einsehen könnte. Die meisten Menschen suchen im Internet nach Empfehlungen – diese unterscheiden sich zum Teil jedoch deutlich. Das Gesundheitsministerium hat zwar eine Seite mit zahlreichen Informationen zusammengestellt, in Online-Diskussionen oder Gesprächen im Fernsehen bezieht sich aber niemand darauf. Andere Einrichtungen wie „Rospotrebnadzor“, die russische Behörde für Verbraucherschutz, und der neu geschaffene Krisenstab geben ebenfalls Empfehlungen heraus.

Es kursieren viele Gerüchte und Verschwörungstheorien darüber, dass die niedrige Zahl der bestätigten Fälle nur dadurch zustande kommt, dass bislang wenige Menschen getestet wurden. Laut Gesundheitsministerium wurden 116.000 Tests durchgeführt, 114 davon fielen positiv aus (Stand: 17. März). Doch nur wenige vertrauen diesen Daten. So soll es aktuell keine Fälle in Sibirien oder im Fernen Osten geben – trotz der grenzüberschreitenden Migration nach China. Bisher gibt es keine verlässlichen Informationen, die gegenteilige Befürchtungen ausräumen könnten.

Ich würde die Berichterstattung über das Coronavirus in den russischen Medien nicht als Diskussion bezeichnen. Die meisten Quellen informieren lediglich über neue Fälle und Maßnahmen. Es gibt keinen grundlegenden Diskurs darüber, ob das Land auf die Pandemie vorbereitet ist oder ob die Behörden genug tun, um die Menschen zu schützen. Auch die Strategien anderer Länder werden nicht thematisiert. Lediglich die Fernsehsendungen im ersten Programm, die aufgrund des Virus ohne Publikum stattfinden, nehmen das Ausland in den Blick. Sie diskutieren dabei jedoch in einer Weise, die andere Länder oft lächerlich macht. Zudem wurde darüber debattiert, dass die Freiheit in der Welt eingeschränkt werden muss. Heute stimmt jeder dieser Aussage zu, während die Menschen vor einem halben Jahr überall dagegen protestiert hätten. Somit wird nun auch die Idee einer offenen Welt herausgefordert.

Viele Menschen missachten den Rat, sich selbst in Quarantäne zu begeben, Masken in der Öffentlichkeit zu tragen und öffentliche Veranstaltungen zu meiden. Gegen die Quarantänemaßnahmen regt sich viel persönlicher Widerstand. Ich nehme an, dass der Widerstand mit einem allgemeinen Misstrauen gegenüber dem öffentlichen Diskurs einhergeht.

 

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