Allô Place Beauvau: Projekt dokumentiert Gewalt gegen Gelbwesten

8. Juli 2019 • Digitales, Internationales • von

Mit seiner Twitter-Dokumentation von Polizeigewalt während der Gelbwesten-Proteste hat der französische Journalist David Dufresne ein Tabu gebrochen. Innerhalb weniger Monate hat sich aus wenigen Tweets das Datenjournalismus-Projekt „Allô Place Beauvau“ entwickelt. Im Interview mit Marthe Rubio vom GIJN erzählt Dufresne, wie es dazu kam.

Der französische Journalist David Dufresne hat das Projekt „Allô Place Beauvau“ ins Leben gerufen. (Foto: Patrice Normand)

Seit November 2018 halten die Proteste der sogenannten Gelbwesten französische Medien und Journalisten in Atem. Die Bewegung, die sich unabhängig von offiziellen Meinungsträgern und ohne Partei- oder Gewerkschaftsbezug organisiert, stellt die bisherige Berichterstattung über Demonstrationen in Frankreich in Frage. Wen soll ein Reporter interviewen, wenn es keine offiziellen Wortführer gibt? Welche Quellen – abgesehen von Polizeistatistiken – liefern Informationen über die Anzahl der Demonstranten, wenn keine Gewerkschaft die Teilnehmerzahlen erfasst, wie es sonst bei vielen Protesten der Fall ist?

Am stärksten zeigte sich das Ungleichgewicht der medialen Berichterstattung über die Gelbwesten aber beim Thema Polizeigewalt. Welche Erklärung kann es dafür geben, dass viele Medien wochenlang über Gewalttaten durch Demonstranten berichtet haben, die Informationen über Polizeigewalt gegen Demonstranten aber zurückgehalten haben? Der freie Journalist David Dufresne hat mit seinem Projekt Allô Place Beauvau Licht ins Dunkel gebracht.  Angestoßen von einem Tweet am 4. Dezember 2018 ist es inzwischen die Hauptquelle zum Thema Polizeigewalt gegen die Gelbwesten geworden. Das Projekt, das seit Januar prominent auf der französischen investigativen Website Mediapart platziert ist, dokumentiert, dass bislang unter den Demonstranten 289 am Kopf verletzt wurden, 24 ein Auge verloren und fünf eine Hand verloren haben. Eine Frau ist gestorben. Dufresnes Arbeit hat viel Zuspruch von Seiten zahlreicher Medien in Frankreich bekommen, außerdem wurde er mit dem „Grand Prix du Journalisme“ ausgezeichnet.

Im Interview mit Marthe Rubio, zuständig für die frankophone Region des Global Investigative Journalism Network (GIJN), erzählt der freie Journalist, der auch an der Universität Neuchâtel lehrt, die Entstehungsgeschichte des Projekts, das Journalismus, Aktivismus und Warnruf vereint.

Marthe Rubio: Wie ist „Allô Place Beauveau“ entstanden?

David Dufresne: Alles begann am 1. Dezember, während der dritten Gelbwesten-Demo, als ich plötzlich Videos und Bilder von verletzten Gelbwesten-Anhängern in den sozialen Medien kursieren sah. In den Mainstream-Medien fand ich jedoch nichts über diese Vorfälle. Ich war perplex über das, was ich da sah, über die Gewalt, die Methoden, die angewandt wurden und wie unangreifbar sich die Polizei offenbar fühlte. Ich begann daher, den französischen Innenminister auf Twitter anzusprechen und in meinen Tweets Gewalttaten durch die Polizei anzuprangern.

Wann immer ich einen neuen Beweis für Polizeigewalt authentifiziert hatte, schrieb ich einen Tweet mit der immer gleichen Botschaft: „Allô @Place_Beauvau [Twitter-Account und Ort des französischen Innenministeriums; Anm. d. Red.], ich möchte einen Vorfall melden…“  und postete den jeweiligen Beweis für eine Gewalttat der Polizei [ein Foto oder Video, Anm. d. Red.]. Ich wählte bewusst eine nüchterne Nachricht, ohne zu kommentieren. Ich wollte etwas sehr Einfaches und Systematisches schaffen, mit Ort, Datum und Quelle. Das hatte ich von Anfang an im Kopf. Ich habe mich entschieden, den Twitter-Account des Ministers direkt zu adressieren, weil die öffentliche Ordnung eine politische Angelegenheit ist und es eine Aufgabe des Ministeriums ist, Polizeigewalt nachzugehen. Nachdem ich die ersten Tweets gepostet hatte, dachte ich wirklich, die Entgleisungen würden schnell aufhören. Aber das Gegenteil ist eingetreten: Ich hätte niemals gedacht, dass wir am Ende mehr als 700 Fälle finden würden, in denen Demonstranten von Ordnungskräften verletzt wurden.

Wie arbeiten Sie?

Ich habe eine zentrale Richtschnur: Nichts veröffentlichen, was nicht dokumentiert ist. Mit dokumentiert meine ich, dass es mindestens ein Foto, Video oder eine medizinische Bescheinigung gibt, wie zum Beispiel eine Röntgenaufnahme… Die meiste Zeit habe ich in die Recherche investiert – mit Google, und mit Metadaten, die ich mithilfe von Tools wie metapicz.com generieren konnte.

„Wenn Polizeigewalt nicht in den traditionellen Medien zur Sprache kommt, dann ist es, als würde sie gar nicht existieren. Die Politik muss sich dann nicht erklären.”

Die meiste Zeit verbringe ich damit, auf Beweismittel zu einem Vorfall zu warten, zum Beispiel auf weitere Zeugenaussagen. Am Anfang fehlten mir die Kontakte, sodass ich die Bilder selbst auf Twitter, Facebook etc. zusammensuchen musste. Heute treten die Opfer, ihre Angehörigen oder diejenigen, die einen Vorfall gefilmt haben, meist selbst an mich heran. Ich kommuniziere fast immer per Telefon oder E-Mail mit ihnen. In jedem Fall habe ich ihre Kontaktdaten. Ich habe einen schriftlichen Nachweis.

Wie erklären Sie sich das anfängliche Schweigen der Medien zu den polizeilichen Repressalien?

Allô Place Beauvau“ visualisiert verschiedene Arten von Verletzungen, die Gelbwesten-Anhänger erlitten haben. Ich glaube, dass eine Bewegung wie die „Gilets Jaunes“ die Medienmaschinerie in Frage stellen. Es ist eine Bewegung, die die Medien überfordert, es fällt ihnen schwer, Schritt zu halten. Ich weiß, dass Reporter von Nachrichtensendern als erstes darunter leiden. Sie sagen, dass sie polizeiliche Übergriffe gefilmt haben, aber dass ihr Material von der Chefredaktion abgelehnt wurde. Dieses Schweigen der Medien erlaubt der Politik, derartige Vorfälle zu bestreiten. Wenn über Polizeigewalt nicht in den traditionellen Medien berichtet wird, dann ist es, als würde sie gar nicht existieren. Die Politik muss sich dann nicht erklären. Die meisten Mainstream-Medien haben völlig vergessen, dass sie in Frankreich die Rolle einer Gegenmacht zur Politik innehaben. Oft sind sie der politischen Kommunikation zu nah. Für sie ist es sehr anstrengend, selbstständig zu denken. Sie geben sich mit Verleugnungen und offiziellen Zahlen zufrieden. Polizeireporter fürchten außerdem, sich mit ihren Quellen in die Haare zu kriegen, und sind zudem der Schweigepflicht unterworfen. Und auf einmal ist es explodiert.

Warum kam es zu dieser Explosion?

Die Welt hat sich verändert, Die Nachrichtensender sind nicht mehr die einzigen, die über Informationen berichten. Die Zeitungen sind nicht mehr die einzigen, die Fakten kontextualisieren. Jetzt muss man auch die sozialen Medien mitbedenken. Sie erlauben den Bürgern, Informationen, Zeugenberichte, Videos zu verbreiten – und das, ohne den Umweg über die traditionellen Medien zu gehen. Diese Entwicklung muss nicht unbedingt als positiv oder angemessen bewertet werden, aber es handelt sich um einen Paradigmenwechsel.

Die gleiche Meinungsfreiheit herrscht bei vielen alternativen Medien, die ihre Arbeit über soziale Plattformen wie Twitter, Facebook und Youtube verbreiten. „Allô Place Beauvau“ ist auf große Resonanz gestoßen, weil ich die Polizeigewalt auf Twitter veröffentlicht habe, das in Frankreich sehr stark von Journalisten genutzt wird. Twitter ist manchmal wie ein neuer AFP-Feed (französische Nachrichtenagentur; Anm. d. EJO-Red.)  für die Journalisten. Die Journalisten bemerkten sofort: Da tut sich etwas! Die traditionellen Medien begannen daraufhin, meine Arbeit aufzugreifen.

Sehen Sie die sozialen Netzwerke als Verbündete? 

Aber sicher! Für eine Reportage gehe ich in die sozialen Netzwerke, so wie ich vor 20 Jahren zum Imbiss am Bahnhof einer kleinen Stadt gegangen bin. Sie sind der Puls der Gesellschaft. Die sozialen Netzwerke sind ein absolut wunderbares Feld für investigative Arbeit. Ich sehe sie überhaupt nicht als Konkurrenz. Die Medien konzentrieren sich heute hauptsächlich auf „Fake News“. Natürlich müssen Fake News enttarnt werden, aber wer sagt, dass alles, was über die den sozialen Medien verbreitet wird, null und nichtig sei, hat eine weltfremde Vorstellung. Es muss sortiert werden, und an dieser Stelle spielen Journalisten, Soziologen, Forscher und Künstler wichtige Rollen. Heutzutage einer Facebook-Gruppe der Gelbwesten beizutreten, ist so ähnlich, wie vor 20 Jahren auf eine Generalversammlung der Gewerkschaft zu gehen. Soziale Netzwerke sind an sich weder gut noch schlecht – sie sind einfach da.

Denken Sie, dass es für diese Arbeit von Vorteil war, dass Sie als freier und damit unabhängiger Journalist arbeiten?

Das ist unbestreitbar ein Vorteil, da ich nichts zu verlieren habe. Es ist mir egal, ob ich mir Ärger mit den Polizisten einhandele – und es scheint tatsächlich eher das Gegenteil der Fall zu sein. Einige Polizisten scheinen mich mehr zu respektieren als sogenannte „Verwaltungsjournalisten“ (die Gewalt von institutioneller Seite banalisieren, Anm. d. Red.). Nicht ohne Grund rufen mich auch Polizisten an und liefern mir Beweismittel. Im Moment arbeite ich zum Beispiel mit einem Polizeiausbilder zusammen, der mir hilft, die Videos zu entschlüsseln. Andererseits glaube ich aber auch, dass jeder in einer Redaktion angestellte Journalist in Frankreich diese Arbeit ebenfalls hätte erledigen können.

Ihre Arbeit hat eine neue Dimension angenommen, seit die von Ihnen dokumentierten Gewalttaten auf der Website Mediapart analysiert und visualisiert worden sind. Zum ersten Mal gab es Zahlen, mit denen das Ausmaß der polizeilichen Repressionen zu ermessen war. Wie hat sich Ihre Arbeit vom Einzelkämpferprojekt zum Datenjournalismuskollektiv entwickelt? 

Die investigatve Website Mediapart veröffentlicht seit Januar die Dokumentation von David Dufresne.

Den Anfang meiner Arbeit kennzeichneten wirklich Betroffenheit und Wut. Zu Beginn ging es mir nicht um eine längere Verpflichtung. Im Gespräch mit befreundeten Programmierern,  Hans Lemuet  vom Etamin Studio und Philippe Rivière von Visionscarto, habe ich verstanden, dass man aus meinen Tweets eine Datenbank erstellen könnte. Ich bin quasi der Monsieur Jourdain der Datenbank (Monsieur Jourdain ist die Hauptfigur aus Molières Le Bourgeois Genthilhomme; diese Redewendung bedeutet im Französischen, dass man in einer Sache Erfolg hat, ohne sich dessen bewusst zu sein; Anm. der Red.)– mir war nicht klar, wohin meine Unternehmung führte! Heute werden alle meine Tweets automatisch in eine Datenbank übertragen. Wir nutzen die Technologie Airtable.com, die sicherer und flexibler ist als GoogleSheet. Die Schlüsselwörter sind direkt eingebunden: Die Stadt, die Waffe, das Datum, die Nummer der Meldung etc. Wir fügen einige Informationen hinzu, prüfen alles, und die Datenbank und die Grafiken werden automatisch aktualisiert. Die Visualisierung der Daten ist ein echter Mehrwert.   Durch sie konnte eine gewisse Systematik in der Polizeigewalt aufgezeigt werden.

Hat auch die Platzierung des Projekts bei Mediapart die Karten neu gemischt?

Ja, definitiv, es bietet uns eine Zuflucht. Wenn man sich in einer solchen akuten Krisensituation in Konfrontation mit dem Staat findet, ist die Unterstützung durch Mediapart ein Schutz und eine Legitimation für unsere Arbeit. Die Stärke von Mediapart ist, dass es ein Medium ist, das total unabhängig und frei von aller Publikums- oder Marktlogik ist. Es kann ein Projekt auch langfristig unterbringen.

Welchen politischen Einfluss hatte „Allô Place Beauvau“ ?

Die Ergebnisse unserer Arbeit wurde sowohl vom Senat als auch von Europaabgeordneten genutzt.  Ich wurde ins Parlament nach Straßburg eingeladen, um darüber zu berichten. Die Menschenrechtsbeauftragte des Europarats hat sich in ihrem Bericht über Frankreich auf mich bezogen; die UNO, Amnesty International und andere ebenfalls. Weder der Innenminister noch der Premierminister haben meine Arbeit in Frage gestellt.

Alle Tweets von David Dufresne werden automatisch in eine Datenbank exportiert und nach Art der Verletzung, Art der verwendeten Waffe, Standort usw. kategorisiert. (Foto: David Dufresne/Mediapart)

Wenn man heute auf „Allô Place Beauvau“ geht, entdeckt man eine unendliche und schwer zu sichtende Liste von Fotos von Verletzungen. Wie stellen Sie sich die grafische Gestaltung vor?

Im Januar haben wir mit der Entwicklung für einen Launch am 24. Januar begonnen. Zu diesem Zeitpunkt gab es 200 Meldungen. Wir hätten nicht damit gerechnet, dass es mal 800 werden würden. Daher gibt es nun so viel zu scrollen Es ist mühsam und nimmt kein Ende.

Für uns war es auch wichtig, grafisch ein Mobiltelefon darzustellen: Es soll eine Hommage daran sein, dass heutzutage jeder filmt und fotografiert. Mit diesem visuellen Element zeigen wir einen wesentlichen Aspekt, der die Daten beeinflusst.

Während eines Interviews im Januar sind sie in Tränen ausgebrochen. Wie gehen Sie mit der Gewalt der Bilder um?

Das ist wirklich schwierig. Zu Beginn habe ich sehr wenig geschlafen und war extrem müde. Es gab das Drama mit dem 15-jährigen Lilian, der ein Gummigeschoss abbekommen hat, obwohl er noch nicht einmal an einer Demonstration teilgenommen hatte. Sein Foto groß auf dem Bildschirm von Arrêt sur image zu sehen, hat mir den Rest gegeben, weil ich auch in Kontakt mit seiner Familie war und wusste, was hinter ihrem Leid steckte. Darauf war ich nicht vorbereitet. Heute geht es mir besser. Ich habe keine psychologische Ausbildung und es war wie ein Faustschlag ins Gesicht, aber das hat mich auch motiviert, weiterzumachen. Am schwersten ist die Verzweiflung, die Hilflosigkeit, das Leid der Opfer zu ertragen. Es gibt Opfer, die sich einschließen und mit niemandem mehr reden. Es ist schrecklich.

Glauben Sie, dass Ihre Arbeit auch in anderen Bereichen weitergeführt werden könnte?

Ich weiß, dass jemand ein ähnliches Projekt zur Sammlung von Daten zu Arbeitsunfällen in Frankreich gestartet hat. Ein Projekt zum Thema sexuelle Belästigung ist ebenfalls im Entstehen.

Haben Sie Fehler gemacht?

Oft genug haben Leute mir ungenaue Informationen zugespielt, einige wenige haben mich sogar täuschen wollen, aber dank der Bildrecherche und der Metadaten lassen sich falsche Informationen leicht aufdecken, Es gab Gerüchte, zum Beispiel über eine Tote, die gar nicht tot sei, oder um jemanden, dessen Gesicht angeblich von einem Gummigeschoss getroffen wurde, obwohl in Wahrheit seine E-Zigarette explodiert war. Solche Meldungen haben wir niemals weitergegeben.

 

David Dufresne gehörte 2008 zum Gründungsteam der französischen investigativen Website Mediapart und arbeitet seit 30 Jahren als Freelancer und Redakteur in verschiedenen Redaktionen. Er hat ein Faible für Experimente, die neue Technologien mit neuen journalistischen Formen verbinden. Innerhalb von zehn Jahren hat er mehrere innovative Ideen realisiert: die Web-Dokumentation Prison Valley über US-amerikanische Gefängnisse, das interaktive dokumentarische Spiel Fort McMoney über die kanadische Ölindustrie und L’infiltre, eine App, die eine politische Fiktion über die Front National präsentiert.

 

Die französische Version dieses Artikels wurde zuerst am 28. Mai 2019 auf der Website des Global Investigative Journalism Network unter der Creative Commons-Lizenz und am 29. Mai auf der französischen EJO-Seite veröffentlicht. Übersetzung aus dem Französischen von Johanna Mack.

 

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