Im Fokus: Populismus, Plattformen und Podcasting

19. Juni 2019 • Aktuelle Beiträge, Digitales, Redaktion & Ökonomie • by

Im Fokus des diesjährigen Digital News Report stehen die Auswirkungen des Populismus, die Rolle der großen Technologieplattformen und die Entwicklung von Online-Geschäftsmodellen – Themen, die für die Zukunft des Journalismus und der Medien von entscheidender Bedeutung sind.

Der Bericht, der vergangene Woche vom Reuters Institute for the Study of Journalism veröffentlicht wurde, bietet auf der Grundlage einer YouGov-Befragung unter 75.000 Online-Nachrichtenkonsumenten in 38 Ländern und sechs Kontinenten neue Erkenntnisse über den digitalen Nachrichtenkonsum.

Hauptautor Nic Newman stellt fest, dass der Bericht 2019 in einem Jahr herauskommt, das von  „zunehmendem Populismus, politischer und wirtschaftlicher Instabilität sowie steigender Bedenken über riesige Technologieunternehmen und deren Auswirkungen auf die Gesellschaft” geprägt ist.

Newman sagt, dass Medien zwar die  Berichterstattung über diese Trends bestimmt haben, gleichzeitig aber von ihnen herausgefordert würden, so dass eine Branche, die seit mehr als einem Jahrzehnt digitale Umwälzung erlebe, weiter geschwächt würde.

Die Macht der Plattformen – und die gnadenlose Effizienz ihrer Werbeaktivitäten – hat die Geschäftsmodelle der Medien untergraben und auch zu einer Reihe von Entlassungen in den traditionellen (z.B. Gannett) und digitalen Medien (z.B. Mic, BuzzFeed) beigetragen.

„Die politische Polarisierung hat das Wachstum parteipolitischer Programmatik im Internet begünstigt. Zusammen mit Clickbaiting und verschiedenen Formen von Fehlinformationen hat sie das Vertrauen in die Medien weiter untergraben und die Frage, wie eine ausgewogene und faire Berichterstattung im digitalen Zeitalter gewährleistet werden kann, neu aufgeworfen“.

Vor dem Hintergrund der anhaltenden instabilen Lage hebt der Bericht einige Verlagerungen der Schwerpunkte von Medienunternehmen hervor:

  • Medienunternehmen setzen zunehmend auf Abonnements und Mitgliedschaften oder andere Zahlungsformen der Online-Nutzer.
  • Plattformen überdenken ihre Verantwortung angesichts von Ereignissen (wie die Angriffe von Christchurch, der Selbstmord der 14-jährigen Britin Molly Russell) und regulatorischen Auseinandersetzungen, wobei Facebook mehr und mehr sein Geschäft auf Messaging-Apps und -Gruppen ausrichtet.
  • Das Publikum lässt sich weiterhin für On-Demand-Formate begeistern und hat sowohl Podcasts als auch Sprachtechnologien für sich entdeckt.

Vertrauen in die Medien

Inmitten all dieser rasanten Veränderungen, so der Bericht, beginnen einige, sich zu fragen, ob die Medien noch immer ihre grundlegende Mission erfüllen, die Mächtigen zur Rechenschaft zu ziehen und dem Publikum zu helfen, die Welt um sie herum zu verstehen.

Große Umbrüche wie die Gelbwesten-Proteste in Frankreich oder der Brexit in Großbritannien haben sich auf die wahrgenommene Unparteilichkeit der Medien ausgewirkt, was wiederum das Vertrauen in die Medien beeinträchtigt.

Wie der Digital News Report feststellt, ist die Vermeidung von Nachrichten ein zunehmendes Phänomen. 32 Prozent der Befragten weltweit geben an, dass sie Nachrichten aktiv meiden – das sind sechs Prozentpunkte mehr als vor zwei Jahren. Im Vereinigten Königreich ist diese Zahl um elf Prozentpunkte gestiegen, angetrieben von Langeweile, Wut oder Traurigkeit über den Brexit. Knapp 60 Prozent der Befragten sagen, dass sie keine Nachrichten konsumieren, weil diese einen negativen Einfluss auf ihre Stimmung haben.

Weitere wichtige Erkenntnisse aus dem Digital News Report 2019 sind:

  • Trotz der Bemühungen der Nachrichtenindustrie ist die Zahl derjenigen, die bereit sind, für Online-Nachrichten zu zahlen – sei es in Form von Abos, Mitgliedschaften oder Spenden – nur gering gestiegen. Das Wachstum beschränkt sich auf eine Handvoll Länder, vor allem in Skandinavien. In Norwegen sind 34 Prozent der Online-Nutzer bereit, für Online-Inhalte zu zahlen, in Schweden 27 Prozent.
  • Aber selbst in Ländern mit einem höheren Zahlungsniveau hat die überwiegende Mehrheit nur ein einziges Online-Abo. In den meisten Ländern ziehen es Konsumenten zudem vor, ihr begrenztes Budget lieber für Unterhaltung (Netflix/Spotify) als für Nachrichten auszugeben.
  • Wie der Bericht zeigt, verbringen in vielen Ländern die Menschen immer weniger Zeit mit Facebook und mehr Zeit mit WhatsApp und Instagram. Nur wenige Nutzer verlassen Facebook jedoch ganz; es bleibt bei weitem das wichtigste soziale Netzwerk für Nachrichten.
  • Die Art des Konsums von Nachrichten wird aber immer privater, da Messaging-Apps überall weiterwachsen. WhatsApp hat sich zu einem primären Netzwerk für die Diskussion und den Austausch von Nachrichten in Ländern des globalen Südens wie Brasilien (53%), Malaysia (50%) und Südafrika (49%) entwickelt. In diesen Ländern ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Bürger Mitglieder großer WhatsApp-Gruppen mit ihnen unbekannten Personen sind, weitaus höher als im Westen – ein Trend, der auch zeigt, wie Messaging-Apps verwendet werden können, um Informationen leicht und in großem Maßstab auszutauschen und so auch die Verbreitung von Desinformation zu fördern.
  • Trotz der Bemühungen von Plattformen und Medien, das Vertrauen der Öffentlichkeit in sie wieder zu stärken, ist die Besorgnis über Desinformation nach wie vor hoch.
  • In allen Ländern ist das durchschnittliche Vertrauen in Nachrichten um zwei Prozentpunkte auf 42% gesunken. Weniger als die Hälfte der Befragten (49%) stimmt zu, dass sie den von ihnen genutzten Nachrichtenmedien vertrauen.

Weitere Details zu diesen und vielen weiteren Entwicklungen finden Sie im vollständigen Digital News Report 2019, der hier heruntergeladen werden kann.

 

Am Reuters Institute for the Study of Journalism, das den Digital News Report herausgibt, ist das englische EJO angesiedelt.

 

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