Auch 6 Monate nach Charlie: Meinungsfreiheit in Gefahr

12. August 2015 • Pressefreiheit, Qualität & Ethik • von

Wer sind heute die größten Feinde der Meinungsfreiheit? Eine Mahnung, sechs Monate nach Paris und Kopenhagen.

Freedom of speech

Gewalt gegen Journalisten ist nur eine von vielen Gefahren für die Meinungsfreiheit.

#GewaltgegenJournalisten

Charlie Hebdo ist am Anfang dieses Jahres zum Symbol der Meinungsfreiheit geworden. Aber auch zu einem Symbol dafür, wie gefährdet sie ist und das nicht erst seit den Attentaten. Zwischen 2002 und 2012 wurden laut dem Committee to Protect Journalists 506 Journalisten getötet, in den zehn Jahren zuvor waren es 390. Morde an Journalisten gehören heute zu den Aufmerksamkeitsstrategien asymmetrischer Kriegsführung. Journalisten werden als Identifikationsfiguren wahrgenommen, deren Ermordung — ein schreckliches Wort in diesem Kontext – publikumswirksam im Internet inszeniert wird.

Joel Simon attestiert in seinem Buch „The New Censorship — Inside the Global Battle for Media Freedom“: „Repression and violence against journalists is at record levels, and press freedom is in decline.” Simon sieht dafür vier Gründe: Repressive Regimes, Terrorismus, digitale Überwachung und die Regionalisierung – immer mehr Medienkonzerne ziehen sich aus Kostengründen aus Krisengebieten zurück und überlassen die Berichterstattung lokalen Journalisten, die so umso mehr zu Zielscheiben werden.

#KrisederGeschäftsmodelle

Betrachtet man die Entwicklung von Charlie Hebdo, kommt man nicht umhin, einen Punkt zu ergänzen, der schon im letzten Argument Simons anklingt: fehlende finanzielle Souveränität. So zynisch es klingen mag: Erst die enorme Nachfrage seit dem 7. Januar dieses Jahres konnte Charlie Hebdo finanziell absichern. Das Magazin, dessen Geist als identitätsstiftend für die freie Gesellschaft gilt, wäre ohne diesen Rückenwind alsbald verschwunden — nicht wegen terroristischer Bedrohung, sondern aufgrund fehlender Liquidität.

Die Ritter der Meinungsfreiheit kämpfen mit dünn-rationalisierten Rüstungen. Und so bleiben die meisten lieber in der Burg, als sich in die Schlacht zu wagen. Sicher wird die öffentliche Wahrnehmung von den schillerndsten Vertretern geprägt. Doch, wie es der am Neujahrstag verstorbene Journalistik-Professor Kurt Koszyk einmal treffend formulierte: „Nicht die weithin bekannten und in Talkshows präsenten Edelfedern (…) sind ja charakteristisch für den Beruf, sondern die tausenden Wasserträger ohne Aufstiegschancen oder die Freien, die von Zeilenhonoraren oder einem Fixum überleben müssen.“ Sie sind unser Aufgebot gegen diejenigen Rattenfänger, die Unfreiheit und Fanatismus predigen. Viele, die ihren Job lieben und sich mit großer Leidenschaft in den Dienst der Öffentlichkeit stellen, doch auch viele Desillusionierte, die unter prekären Bedingungen am Rand der Belastbarkeit arbeiten.

#WenigVielfalt

Anlässlich der Gründung des „Deutschen Instituts für Zeitungskunde“ 1924 schrieb sein späterer Direktor Emil Dovifat: „Die tüchtigsten Journalisten sind immer die gewesen, die vorher gründlich wissenschaftlich arbeiten gelernt haben, die tüchtige Philologen waren oder Juristen, tüchtige Kaufleute oder Offiziere…“ Natürlich sind die Wege, die in den Journalismus führen, heute vielgestaltiger als dazumal — doch die gestiegene Vielfalt der Ausbildungswege spiegelt sich nicht zwingenderweise in einer Vielfalt derer, die journalistisch arbeiten. Wie wahrscheinlich ist es heute, dass Menschen, die ihren Beruf erfolgreich ausüben, vom publizistischen Impetus erfüllt, zu ökonomisch leidensbereiten Quereinsteigern werden? Oder wie wahrscheinlich ist es, dass ein junger Mensch, der in schwierigen Verhältnissen aufgewachsen ist, einen Beruf ergreift, der ihm keine gesicherte Zukunft mehr versprechen kann? Was macht das mit der Diversität journalistischer Stimmen? In einer Studie der TU Dortmund zu journalistischen Berufsperspektiven junger Migranten konstatieren die Autoren: Zwar sei der „gute Wille“ der Medienunternehmen spürbar, allein: An „konkreten Maßnahmen, die aus der Einsicht resultieren“, um die kulturelle Diversität in den Redaktionen tatsächlich zu erhöhen, hapere es noch immer.

#MangelndeResonanz

Doch nicht nur aus ökonomischer Perspektive ist Journalismus heute unattraktiv — unattraktiv ist er auch deshalb, weil das Ansehen des journalistischen Berufs auf einem Tiefpunkt angelangt ist.
„Lügenpresse“, das Unwort des Jahres, ist nicht nur Ausdruck eines breiten Unwissens über die Mechanismen der Massenmedien. „Lügenpresse“ ist auch Ausdruck derer, die im massenmedialen Diskurs zu wenig Resonanz erfahren. Wobei Resonanz hier nicht Anwaltschaft heißen soll – Resonanz schon im basalen Sinne von Reaktion. Der Habitus deutscher Journalisten ist aus historischen Gründen geprägt von unbedingter Unabhängigkeit. Man muss indes achtgeben, dass diese Unabhängigkeit nicht zur Isolation wird. Redaktionsentscheidungen offensiv transparent machen, sich der Diskussion mit dem Publikum stellen, Leservertreter bestimmen, Subjektivität und Fehler eingestehen — all diese Forderungen der Medienselbstkontrolle sind bisher zumeist ignoriert worden.

#DigitaleZerreißprobe

Ein weiterer Grund für diese Entfremdung ist in der zunehmenden Zentrierung gesellschaftlicher Diskurse auszumachen: Die politische Willensbildung durch demoskopische Messverfahren wird seit einigen Jahren exzessiv betrieben. In den Worten Habermas’: „Als hätten sich die Politiker den entlarvenden Blick der Systemtheorie zu eigen gemacht, folgen sie schamlos dem opportunistischen Drehbuch einer Demoskopie geleiteten Machtpragmatik…“

Die Presse folgt in weiten Teilen der fatalen Zentrierung der Merkel-Ära. Ungläubig staunend beschrieb George Packer in dem grandiosen Merkel-Portrait „The quiet German“ die deutsche Medienlandschaft als homogene Veranstaltung konsonant klingender CDU-Wähler: „The German media, reflecting the times, are increasingly centrist (…). Almost every political reporter I spoke with voted for Merkel, despite the sense that she’s making their work irrelevant.“

Parallel dazu bilden sich Filter-Blasen, in sozialen Netzwerken, in Blogs und Foren — Gegenöffentlichkeiten, die in ihrer Abgeschlossenheit Zerrspiegel massenmedialer Berichterstattung darstellen. Christoph Kucklick spricht in seinem Bestseller „Die granulare Gesellschaft“ vom „ausgedeuteten“ Menschen, vom Vermessenen, der sein Leben ständig (mit-)teilt.

Differenzierung auf der einen, Zentrierung auf der anderen Seite — die demoskopisch und digital ausgedeutete Öffentlichkeit kämpft mit systemischen Widersprüchen: in den sozialen Medien ein hochauflösender Spiegel der Individualität, im massenmedialen politischen Diskurs das Zerrbild einer widerspruchsfreien Gesellschaft.

#NationaleBrille

Wir reden mehr denn je über Europa — doch es ist das Europa der Krise, das leidige, das jeder aus der Perspektive seiner Nation betrachtet. Und doch birgt es auch eine Chance, dass Europa überhaupt in diesem Maße in das Bewusstsein der Öffentlichkeiten rückt. Es birgt die Chance für eine Öffentlichkeit, die, wie Carolin Emcke es jüngst in der SZ forderte, „mehr ist als nur mediale Spiegelung jeweils national bevorzugter Wahrnehmungs- und Deutungsmuster“.

Die Frequenz der Wirtschaftskrisen ist in den vergangenen Jahrzehnten gestiegen.Jede führte zunächst zu einer Nationalisierung und überdies zu einer Verminderung medialer Perspektiven. Ist eine Welt andauernder Krisen also auch eine Welt des medialen Gleichklangs, des medialen Isolationismus? Nicht, wenn wir mediale Resonanzräume schaffen, in denen Widersprüche zugelassen werden. Räume, die zunehmend Grenzen überschreiten, die Zusammenhänge aufzeigen und Begegnungen schaffen.

Meinungsfreiheit muss in diesem Sinn nicht nur verteidigt werden — eine freie Gesellschaft muss sich bemühen, Bedingungen für Meinungsfreiheit immer wieder neu zu erschaffen.

Eine längere Version des Beitrags erschien am 7. Juli 2015 auf medium.com/@gvnordheim. Dort will der Autor die Liste monatlich um eine weitere Gefahr ergänzen.

 

Bildquelle: flickr.com/dreamwhile

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