Berichterstattung über Bundestagswahlen – Befunde und Prognosen

21. September 2021 • Forschung aus 1. Hand, Qualität & Ethik, Top • von

Wie die deutsche Presse über alle Bundestagswahlkämpfe seit 1949 berichtet hat, ist Gegenstand einer Langzeitinhaltsanalyse, die zur diesjährigen Bundestagswahl fortgeführt wird. Eine ihrer Autor:innen nennt zentrale Befunde und wagt erste Prognosen.

Wahlen und Wahlkämpfe sind zentrale Ereignisse des politischen Lebens. Die mit Abstand wichtigste Informationsquelle der Bürgerinnen und Bürger über diese zentralen Ereignisse stellt die massenmediale Berichterstattung dar, denn die Politik ist ein Gesellschaftsbereich, der größtenteils außerhalb unseres eigenen Erfahrungsbereiches liegt. Die Massenmedien vermitteln sozusagen zwischen den politischen Führungseliten und den Bürgern.

Insofern ist es nicht verwunderlich, dass die Analyse der medialen Wahl(kampf)berichterstattung eine lange Tradition in der kommunikationswissen­schaftlichen Forschung hat. Als ‚Klassiker‘ gilt eine von Jürgen Wilke und Carsten Reinemann 1998 initiierte, quantitative Inhaltsanalyse der deutschen Presseberichterstattung über alle seit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 1949 stattgefundenen Bundestagswahlkämpfe, die bis heute zu jeder neuen Bundestagswahl fortgeführt werden konnte (seit 2009 unter Beteiligung der Autorin). Die Bundestagswahl am 26. September 2021 wird die zwanzigste seit 1949 sein – eine ‚Jubiläumswahl‘, sozusagen. Auch sie ist wieder Gegenstand der zuvor genannten Langzeitanalyse und wird diese auf zwanzig Messzeitpunkte erweitern – einzigartig in der deutschen Wahlkampfforschung. Analysiert wird immer das gleiche Mediensample nach immer demselben Analyseschema (um die Befunde vergleichbar zu machen), das lediglich an die inhaltlichen Besonderheiten der jeweiligen Wahl angepasst wird (etwa Kanzlerkandidaten und Themen).

Gegenstand der Analyse ist die Wahlkampfberichterstattung während der sogenannten ‚heißen Phase‘ des Wahlkampfs (vier Wochen vor der Wahl) der vier großen, überregionalen Qualitätszeitungen in der Bundesrepublik: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Die Welt, Süddeutsche Zeitung und Frankfurter Rundschau. In die Analyse einbezogen wird jeder zweite Beitrag (systematisches Auswahlintervall) auf der Titelseite, im politischen Teil, auf den Kommentar- und Reportageseiten, im Ressort Vermischtes und den Medienseiten der genannten Zeitungen, der spätestens im ersten Textabsatz die Bundestagswahl beziehungsweise den Wahlkampf und/oder mindestens eine(n) der für das Kanzleramt Kandidierende(n) erwähnt.

Die so gewonnene Zeitreihe, die sich mittlerweile über einen Untersuchungszeitraum von 72 Jahren erstreckt, ermöglicht es Veränderungen und Konstanten der Wahl(kampf)berichterstattung festzustellen. Auch, wenn die Daten zur diesjährigen Bundestagswahl noch nicht erhoben und ausgewertet wurden, erlauben die Befunde zu den vorangegangenen Wahlen vorsichtige Prognosen über die Bundestagswahlberichterstattung 2021.

Ein Aspekt der Wahlkampfberichterstattung, der von Wahljahr zu Wahljahr deutlich schwankt und bisher immer stark von äußeren Umständen der jeweiligen Wahl geprägt war (etwa den Kandidatenkonstellationen oder dem Spannungsgehalt des Wahlkampfs, also der Frage, ob der Ausgang der Wahl bereits relativ sicher erscheint, oder nicht), ist der Berichterstattungsumfang (siehe Schaubild 1).

Schaubild 1: Anzahl der Beiträge zur Wahlkampfberichterstattung in vier deutschen Tageszeitungen 1949-2017 / Basis: Hochrechnung der tatsächlichen Wahlkampfberichterstattung auf Basis einer 50%-igen Stichprobe (n = 7.037). 1949: Der Tagesspiegel statt Frankfurter Allgemeine Zeitung. (Copyright bei der Autorin)

Bezüglich der Anzahl der Beiträge zur Wahl und zum Wahlkampf erwarte ich dieses Jahr aus mehreren Gründen eine deutliche Zunahme im Vergleich zu den vorangegangenen Wahlkämpfen. Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik konkurrieren drei (statt zwei) Kandidaten um das Amt des Bundeskanzlers/der Bundeskanzlerin: Armin Laschet (CDU), Olaf Scholz (SPD) und Annalena Baerbock (Bündnis 90/Die Grünen). Diese Dreierkonstellation dürfte eine umfangreichere Wahlkampfberichterstattung bedingen und zwar aus mehreren Gründen: Zum einen, da es mehr Kandidaten gibt, über die berichtet werden kann, zum anderen, da diese Kandidaten in der Bevölkerung nicht unumstritten sind, sondern jeweils eigene, öffentlich bereits diskutierte ‚Angriffsflächen‘ bieten (Stichworte etwa: Wirecard, Cum-Ex, Plagiate, geschönter Lebenslauf, verbale Missgriffe oder unangemessene Auftritte während der Flutkatastrophe).

Darüber hinaus treten die Kanzlerkandidaten dieses Jahr nicht nur in zwei, sondern gleich drei TV-Triellen gegeneinander an – und TV-Duelle haben in der Vergangenheit immer zu einer unmittelbaren Zunahme der Wahlkampfberichterstattung geführt. Des Weiteren ist der Spannungsgehalt der diesjährigen Bundestagswahl verhältnismäßig hoch, unter anderem da die beiden größten Parteien im Deutschen Bundestag, die CDU/CSU und die SPD, langfristig betrachtet an Wählerstimmen verloren haben, was den Wahlausgang (Wer wird als Sieger, wer als Verlierer hervorgehen? Welche Koalitionen stehen in Aussicht?) ungewiss macht. Diesem Umstand geschuldet wird es vermutlich auch ein Mehr an Horse-Race-Berichterstattung im Vergleich zu früheren Wahlen geben (zuletzt lag der Anteil bei lediglich einem Prozent).

Zu den verhältnismäßig konstanten Aspekten der Wahlkampfberichterstattung gehört, dass moderne Wahlkämpfe hoch personalisierte Ereignisse sind. Seit 1980 bewegt sich der Anteil der Wahlkampfbeiträge, die einen Bezug zu mindestens einem Kanzlerkandidaten/ einer Kanzlerkandidatin herstellen, zwischen 64 und 75 Prozent. Zuletzt (2017) lag dieser Wert bei 72 Prozent (siehe Schaubild 2).

Schaubild 2: Anteil der Wahlkampfbeiträge in vier deutschen Tageszeitungen mit Kandidatenbezug 1949-2017 / Basis: 7.037 Beiträge. 1949: Der Tagesspiegel statt Frankfurter Allgemeine Zeitung. (Copyright bei der Autorin)

Aufgrund der zuvor beschriebenen Kandidatenkonstellation mit drei Konkurrenten um das Amt des Bundeskanzlers/ der Bundeskanzlerin erwarte ich auch diesmal eine stark individualisierte Wahlkampfberichterstattung mit häufigen Bezügen zu den Kandidaten. Dadurch, dass Angela Merkel nicht erneut als Kanzlerkandidatin der CDU/CSU antritt, bleibt es eine spannende Frage, auf welchen Kandidaten/ welche Kandidatin die meisten Bezüge entfallen werden. Eine Tendenz der Medienberichterstattung, die nämlich bereits mehrfach empirisch belegt worden ist, ist der sogenannte ‚Kanzlerbonus‘: Die Wahlkampfberichterstattung enthält in der Regel häufiger einen Bezug zum amtierenden Kanzler/ zur amtierenden Kanzlerin als zu seinem Herausforderer /ihrer Herausforderin. Dieser Kanzlerbonus fehlt der CDU/CSU dieses Jahr. Insgesamt scheint der allgemeine Eindruck zu sein, dass sich Olaf Scholz in diesem Wahlkampf etwas defensiver verhält und weniger stark in die Öffentlichkeit drängt als seine beiden Konkurrenten, weshalb er womöglich in der Berichterstattung weniger thematisiert werden könnte als Laschet und Baerbock.

Was die Bewertungen der Kanzlerkandidaten betrifft, so sind die diesjährigen Kanzlerkandidaten (insbesondere Laschet und Baerbock) in der Bevölkerung deutlich umstrittener als etwa Angela Merkel (CDU) und Martin Schulz (SPD): Laut einer Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen hielten im September 2021 nur 24% der Befragten Baerbock für eine geeignete Bundeskanzlerin beziehungsweise 29% Laschet für einen geeigneten Bundeskanzler. Scholz‘ Zustimmungswerte fielen im Vergleich dazu deutlich positiver aus (68% Zustimmung). Zudem zeigten sich einzelne Kandidaten im laufenden Wahlkampf (etwa in den TV-Triellen) durchaus angriffslustig und kritisierten offen ihre Kontrahenten. Insofern ist eine verhältnismäßig meinungsfreudige Berichterstattung über die Kandidaten zu erwarten mit einem Anstieg an wertenden Aussagen über die Politiker im Vergleich zur letzten Wahl (2017: im Durchschnitt nur 1,2 wertende Aussagen pro Beitrag). Gegebenenfalls nehmen auch wertende Darstellungsformen, wie Kommentare, in der Wahlkampfberichterstattung weiter zu und der Anteil der Eigenbeiträge (anstelle von Agenturmeldungen) könnte wieder etwas ansteigen. Darüber hinaus werden die Bewertungen der Kandidaten – wie in der Wahlkampfberichterstattung üblich – überwiegend negativ ausfallen, insbesondere vermutlich für Laschet und Baerbock, etwas weniger für Scholz, wobei hier die redaktionellen Linien der analysierten Zeitungen eine Rolle spielen dürften.

Thematisch wird die diesjährige Wahlkampfberichterstattung – neben den im engeren Sinne wahlkampfbezogenen Artikeln – vermutlich stärker als jemals zuvor von einem gesundheitspolitischen Thema dominiert sein: der Covid-19-Pandemie. Auch die Außenpolitik (etwa: politische Situation in Afghanistan) und das Thema Klimawandel dürften die diesjährige Wahlkampfberichterstattung thematisch prägen. Während das Thema ‚Umwelt‘ in den Wahljahren 2013 und 2017 jeweils nur zwei Prozent der Hauptthemen der Wahlkampfberichterstattung ausmachte, waren außenpolitische Themen auch früher recht häufig vertreten (11 bzw. 15% der Hauptthemen).

Diese subjektiven Prognosen, die auf unsere früheren Studienbefunde aufbauen, sind bis dato natürlich bloße Vermutungen. Ob sie sich bewahrheiten werden, wird unsere Analyse der Wahlkampfberichterstattung zeigen, die im Nachgang der Wahl in einem Sammelband von Christina Holtz-Bacha – ‚Die (Massen-)Medien im Bundestagswahlkampf 2021‘ (Arbeitstitel) – veröffentlicht wird. Gefördert wird die Studie von der FAZIT-Stiftung.

 

Literatur:

Leidecker-Sandmann, M., & Wilke, J. (2019). Aus dem Rahmen fallend oder eher „middle of the road“? Die Presseberichterstattung zur Bundestagswahl 2017 im Langzeitvergleich. In C. Holtz-Bacha (Hrsg.). Die (Massen-)Medien im Wahlkampf. Die Bundestagswahl 2017 (S. 209-242). Wiesbaden: Springer VS.

Statista Reseach Department (10.9.2021). Würden sich die folgenden Kanzlerkandidaten als Bundeskanzler/in eignen? Abgerufen von https://de.statista.com/statistik/daten/studie/940997/umfrage/umfrage-zur-nachfolge-von-angela-merkel-als-bundeskanzlerin/

Wilke, J., & Reinemann, C. (2000). Kanzlerkandidaten in der Wahlkampfberichterstattung. Eine vergleichende Studie zu den Bundestagswahlen 1949-1998. Köln, Weimar, Wien: Böhlau.

 

Bildquelle: pixabay.com

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