Therapien wider die „Infodemie“

10. Februar 2020 • Aktuelle Beiträge, Qualität & Ethik • von

In Asien hat das Coronavirus eine Grippe-Pandemie ausgelöst, in Europa macht die Infektion mit viral grassierenden Desinformationen krank vor Angst: Infodemie!

Das Coronavirus ist eine ernsthafte, globale Herausforderung, die transparente, sachgerechte Information verlangt. In China, wo die Pandemie ausbrach, verhindert das politische System eine unabhängige Medienberichterstattung. Hierzulande hätten wir hingegen die nötigen Rahmenbedingungen, doch gerade hier grassiert eine Art „Fake News“-Infektion, die die Weltgesundheitsorganisation (WHO) passend Infodemie getauft hat.

Die Infodemie hat drei Hauptsymptome: falsche, verschwörungstheoretische Behauptungen, woher die Krankheit kommt (Biowaffe!, Chinesen, die Fledermaussuppe aßen!); stereotype Diskriminierung  von Chinesen (Titel des „Spiegel“: „Die gelbe Gefahr“), absurde Tipps (Knoblauch!). Was heilt Infodemie? Akut: Webseiten offizieller Stellen (Bundesgesundheitsministerium etc.), die auch über soziale Netzwerke laufende Aufklärungskampagne der WHO sowie journalistische Faktenchecker z.B. von Correctiv oder ARD-Faktenfinder, die schnelle Aufreger auf ihren Wahrheitsgehalt prüfen.

Aber Journalisten können gerade bei schwierigen Themen weit mehr. Auch weil sie auswählen, welchen Fachleuten sie ein öffentliches Forum bieten. Genau dies haben Markus Lehmkuhl und Melanie Leidecker-Sandmann vom Karlsruher Institut für Technologie am Beispiel von drei Infektionskrankheiten untersucht, die Medizin und Medien vergleichbar herausgefordert haben wie das neue Coronavirus: Antibiotika-Resistenz, Grippe-Pandemie Schweinegrippe und Ebola.

Sie analysierten 2422 zwischen 1993 und 2015 veröffentlichte Artikel aus „Spiegel“, „Welt“, „Süddeutscher Zeitung“, „dpa“, „Newsweek“ und „New York Times“. Unter den 378 dabei ermittelten Fachleuten war verglichen mit älteren Befunden insbesondere in Beiträgen, die in den jeweiligen Wissenschaftsressorts erschienen, der Anteil jener, die einschlägig publizierten und im Fach angesehen sind, deutlich höher. Die beiden Forscher räumen ein, dass Publikationstätigkeit aber nicht das einzige wichtig Kriterium sie, sondern z.B. auch die zugedachte Rolle (ist Erklären gefragt oder Skepsis?) oder ob jemand gerade erreichbar ist.

Markus Lehmkuhl, Melanie Leidecker-Sandmann, „Visible scientists revisited“: Zum Zusammenhang von wissenschaftlicher Reputation und der Präsenz wissenschaftlicher Experten in der Medienberichterstattung über Infektionskrankheiten. In: Publizistik (2019) 64: 479-502. https://doi.org/10.1007/s11616-019-00530-1

Erstveröffentlichung: tagesspiegel.de vom 9. Februar 2020

Bildquelle: pixabay.de

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