Deutschland: Die Corona-Krise und die Medien

24. März 2020 • Aktuelle Beiträge, Qualität & Ethik • von

EJO-Mitarbeiter werfen einen Blick auf die deutsche Berichterstattung, die Reaktionen der Medienunternehmen und Journalistenverbände und lassen Journalisten zu Wort kommen, die gerade für ein regionales oder lokales Publikum berichten.

Die traditionellen Nachrichtenformate der öffentlich-rechtlichen Medien erreichen in den letzten Wochen Zuschauerrekorde. Fast neun Millionen Zuschauer schauten sich Bundeskanzlerin Angela Merkels Ansprache am 18. März jeweils im ZDF und der ARD an – die Menschen versammeln sich in der Krise um das vertraute „mediale Lagerfeuer” der Tagesschau, kommentiert der Deutsche Journalistenverband (DJV). Dies könnte in der Debatte um die Rolle des öffentlich-rechtlichen Rundfunks für neue Perspektiven sorgen, heißt es in einem Kommentar auf Netzpolitik.org.

Das Virus bestimmt die journalistische Agenda. Im Deutschlandfunkinterview erklärt Medienethiker Christian Schicha, die gegenwärtige Monothematik der Medien sei in diesem Fall angemessen. Kathrin Wesolowski erzählt im Interview mit dem EJO, wie sie ihre Arbeit als freie Autorin beim politisch-investigativen Magazin de facto des Hessischen Rundfunks momentan erlebt. Sie arbeitet inzwischen von Zuhause aus, außer, wenn sie – mit dem nötigen Abstand – dreht. „Von einem Tag auf den anderen wurde als Reaktion auf die Krise alles umgestaltet”, so Wesolowski. In der Redaktion gebe es kaum noch ein anderes Thema; de facto und andere regelmäßige Formate pausieren bis nach Ostern. „Alle Mitarbeiter sollen stattdessen ihre Fähigkeiten nutzen, um tagesaktuell zu berichten”, erklärt die Journalistin. Themen werden täglich verteilt. Diese Woche berichtet Wesolowski unter anderem darüber, wie Zahnärzte während der Corona-Pandemie arbeiten.

Journalistin Kathrin Wesolowski

Einige Medien reflektieren auch in Beiträgen die Veränderungen, die sie aktuell erleben. Der Spiegel hat seine Auslandskorrespondenten per Video über die Situation an ihren Einsatzorten befragt. Zeit Online schreibt im Transparenz-Blog „Glashaus” über das Arbeiten im Homeoffice: Die Technik funktioniert noch, vor jedem „Außeneinsatz” frage man sich aber, ob dieser unbedingt nötig sei oder man das Herumreisen besser vermeiden sollte. Die Mediensendung @mediasres des Deutschlandfunks hat seine Hörer einbezogen und gefragt, was diese in Corona-Zeiten vom Radio erwarten. Einige Hörer lobten, andere wünschten sich Rat oder detailliertere Berichte zu verschiedenen Themen

Systemrelevanz

Der DJV beleuchtet die Situation von Journalisten in dieser Krise aus verschiedenen Perspektiven. Bereits am 16. März forderte der DJV, Journalisten in ihrer Funktion, verlässliche und aktuelle Informationen zu liefern, als „systemrelevant“ einzustufen und ihnen damit auch im Falle einer Ausgangssperre uneingeschränkte Bewegungsfreiheit und weitere Sonderrechte wie zum Beispiel Zugang zu Kinderbetreuung zuzusichern. Diesem Vorschlag sind einige Bundesländer nachgekommen. Das Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) der Madsack-Mediengruppe betont außerdem, im Gegensatz zu professionellen Medien seien soziale Netzwerke „systemirrelevant” – „sie befeuern Ängste, sie belohnen die Lüge mit Aufmerksamkeit”, heißt es auf der Website.

„Ich halte Journalisten für absolut systemrelevant, da die meisten Menschen ihre Informationen über die Medien bekommen”, meint Kathrin Wesolowski. „Und zwar die ganze Medienlandschaft, mit öffentlich-rechtlichen und privaten Medien. Es ist ganz wichtig, auch jetzt diese Diversität zu haben.”

Konstruktive Berichterstattung in der Krise?

„Im Fernsehen haben wir kaum eine andere Wahl, als Corona in den Vordergrund zu stellen”, beobachtet Kathrin Wesolowski. „Jeden Tag gibt es so viele Neuigkeiten, dass Vorproduziertes schon am Folgetag nicht mehr aktuell sein könnte.” Gleichzeitig betont sie auch, dass die Medien aufpassen müssten, ihre kritische Haltung zu bewahren. „Die Ansprachen der Kanzlerin wurden viel gelobt, und kaum jemand hat in Frage gestellt, warum es nicht schon früher eine Kontaktsperre gab oder warum Tests fehlen.”

Was macht die Qualität der Berichterstattung in einer Ausnahmesituation aus, in der ein einziges Thema die Nachrichten dominiert? Dies fragen sich viele Medienschaffende auch selbst, zum Beispiel im Welt-Artikel „Aufklärung oder Panikmache”. „Vielleicht wäre es hilfreich, öfter auch konstruktiv zu berichten, zum Beispiel über Erfolge in der Eindämmung des Virus oder auch über ganz andere Themen, um die Menschen nicht noch stärker psychisch zu belasten als sie es aufgrund der angespannten Lage schon sind”, überlegt Wesolowski. Bereits im Februar kritisierte die Initiative für Nachrichtenaufklärung, dass auch bei der Corona-Berichterstattung blinde Flecken blieben: So werde beispielsweise nicht darüber berichtet, dass es in Deutschland im Gegensatz zu anderen Ländern keine spezifische Facharztausbildung für Infektiologen gebe (EJO berichtete).

Freie Mitarbeiter: Mit Sicherheitsnetz durch die Krise?

Schwierig ist die aktuelle Situation gerade für Journalisten ohne festen Vertrag. Ähnlich wie freischaffende Künstler und andere Selbstständige brauchen sie jetzt Unterstützung, forderte der DJV – das Bundeskabinett versprach inzwischen, ihnen unter die Arme zu greifen. „Einige haben tatsächlich Existenzsorgen”, erzählt Kathrin Wesolowski, „vor allem Kameraleute und Tonleute, die sonst viel bei Veranstaltungen arbeiten. Ich habe von Kameraleuten gehört, die überlegen, sich einen Nebenjob im Supermarkt zu suchen. Auch für freie Kulturjournalisten ist es schwierig.”

Der HR habe für seine freien Mitarbeiter aber eine Lösung, so Wesolowski: Wer in Bereitschaft stehe, werde auch dann weiterhin bezahlt, wenn es ein oder zwei Tage lang mal kein Thema gebe.

Optimismus in der Lokalpresse

Lokaljournalisten sind stärker auf Einzelschicksale und -geschichten angewiesen als ihre Kollegen von der überregionalen Presse. Das Lokale lebt vom direkten Kontakt zwischen Redakteur und Protagonist. So entsteht – vor allem in sehr kleinen Landkreisen – ein Vertrauensverhältnis, das es so zwischen den Journalisten von überregionalen Zeitungen und deren Lesern kaum gibt. In einer Stadt mit 5.000 Einwohnern begegnet man sich öfter als in einer Stadt mit 500.000 Einwohnern. Und wer sich kennt, hilft sich in der Regel. Heute, während der COVID-19-Pandemie, wird einmal mehr deutlich, was Lokaljournalismus und die überregionale Presse voneinander unterscheidet.

„Corona-Krise auf Föhr und Amrum”, schrieb der “Insel-Bote” (Schleswig-Holstein) am vergangenen Dienstag. „Die Tourismusorganisationen […] rufen zum Zusammenhalt der Inselbewohner auf.” Dieser Zusammenhalt wird in der Berichterstattung des „Insel-Boten” deutlich: „Wyker Apotheke bereitet sich für den Ernstfall vor” (18. März 2020), „Corona: Klinikum Nordfriesland sieht sich gewappnet” (18. März 2020), „Auf Amrum und Föhr wird das Essen jetzt geliefert” (19. März 2020).

Zwischen den für diese Zeit typischen Veranstaltungsabsagen, Todesmeldungen und  Nachrichten über Krisensitzungen tauchen in der Lokalpresse immer wieder Beiträge mit positivem Klang auf. Das ist auch im Westfalen-Blatt (Nordrhein-Westfalen) der Fall: „Jugenddorf trotzt Corona-Krise” (23. März 2020) oder „Auch in der Krise wächst Leben” (23. März 2020). Diese Nachrichten stehen im Kontrast zu all den Krankheitsschicksalen und Absagen.

Immer wieder Mutmacher-Geschichten bringen

Redaktionsleiter Marius Thöne; Quelle: Westfalen-Blatt

„Um die Veranstaltungsabsagen kommen wir nicht herum. Deshalb haben wir zwei bis drei Mutmacher-Geschichten pro Woche eingeplant”, sagt  Marius Thöne, Redaktionsleiter des Westfalen-Blatts in Höxter gegenüber dem EJO. Das Ziel sei es, konstruktiv zu berichten. Im Landkreis Höxter gab es am Montag, 23. März, insgesamt 21 gemeldete COVID-19-Fälle. Höxter ist der bevölkerungsärmste Kreis in NRW und in der Bevölkerungsstatistik wurden 2016 mehr als 20 Prozent seiner Bevölkerung der obersten Altersgruppe 65+ zugeordnet.

Mit Blick auf inhaltliche Kapazitäten sagt Thöne: „Das werden wir so wahrscheinlich die nächsten zwei Wochen durchhalten, dann müssen wir umdenken.” Er befürchtet, dass man die tägliche Ausgabe noch weiter kürzen müsse, weil sich abseits der Corona-Pandemie momentan kaum lokale Themen finden ließen.

Der Redaktionsleiter hat sich schon auf „wirtschaftliche Schwierigkeiten” eingestellt: „Der Handel hat zu – und vom Handel leben wir.”

 

 

 

Print Friendly, PDF & Email

Schlagwörter:, , , , , ,

Send this to a friend