Her mit den Wachhunden!

1. Juli 2013 • Qualität & Ethik • von

Die Öffentlichkeit ist noch immer der Ansicht, dass die Rolle des Wachhundes eine der wichtigsten Rollen von Medien ist. Das ist das Ergebnis einer aktuellen internationalen Studie.

Das Modell des Journalismus als kritischer Wachhund ist eines der beliebtesten unter Journalisten weltweit, es steht für die schon lange bestehende liberale Idee der Medien als vierte Gewalt. Kritiker bemängelten zuletzt jedoch immer häufiger, Journalisten würden in ihrer Berichterstattung zunehmend willkürlich kritisieren und bei der Berichterstattung einen zerstörerischen Zynismus gegenüber Beamten und politischen Persönlichkeiten an den Tag legen.

Dies könne in übertriebener Sensationsberichterstattung münden, die politische Apathie und Zynismus stärkt, die Öffentlichkeit nur weiter von der Politik wegführt und langfristig die Glaubwürdigkeit der Medienberichte selbst senkt.

In seiner Studie stellt der Kommunikationswissenschaftler Nael Jebril vom Reuters Institute for the Study of Journalism die Frage, ob „Wachhund-Journalismus“ befriedigender Journalismus sei und beleuchtet die Zufriedenheit der Öffentlichkeit mit der politischen Berichterstattung in Großbritannien, Dänemark und Spanien („Is Watchdog Journalism Satisfactory Journalism? A Cross-national Study of Public Satisfaction with Political Coverage”). Jebril kommt zu dem Schluss: Die Bürger wollen einen kritischen Journalismus. Mit Medienangeboten, in denen sie eine vierte Gewalt sehen, sind sie am zufriedensten.

Um geeignete Länder für ihre Untersuchung auszuwählen, stützten sich die Forscher um Jebril auf Daniel C. Hallins und Paolo Mancinis Mediensystemmodelle. Großbritannien steht in der Studie  für das liberale Modell, innerhalb dessen schon früh umfassende Pressefreiheit gewährleistet war und wo professionelle journalistische Strukturen eine lange Tradition haben. Dänemark repräsentiert das demokratisch-korporatistische Modell, das sich besonders durch eine auflagenstarke und einflussreiche Presse und Medien, die an bestimmten politischen Gruppen orientiert sind,  auszeichnet. Einerseits ist die journalistische Professionalisierung weit ausgeprägt, andererseits herrscht an einige Stellen eine starke Verquickung  zwischen Politik und Medien.

Die Pressefreiheit wird in diesem Modell garantiert und als schützenswertes Gut angesehen, darüber hinaus hat die Medienregulierung eine sehr lange Tradition und dem öffentlichen Rundfunk wird eine sehr wichtige Rolle eingeräumt. Spanien wurde stellvertretend für das polarisiert-pluralistische Modell ausgewählt, das durch einen hohen Grad an politischem Parallelismus und eine schwache kommerzielle Entwicklung der Medien auffällt. Das südeuropäische Land weist im Gegensatz zu Dänemark und Großbritannien auch eine relativ schwache Regulierung der Medien, etwa im Bereich des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, auf.

Die Studie hebt hervor, dass das Wachhund-Modell wichtige Konsequenzen für das Verhältnis zwischen Staat und Medien hat. Während autoritäre Theorien Journalismus meist die Rolle eines Sprachrohrs der Regierung zudenken und die Medien sich den Interessen des Staates und den ausgegebenen politischen Zielen verschreiben sollen, erwartet die Theorie einer liberalen Presse einen Journalismus, der einen Marktplatz der Ideen schafft. Die Regierung eines jeweiligen Landes sieht diese Theorie als die größte Bedrohung für Pressefreiheit an.

Zusätzlich bedingt das Modell der Presse als Wachhund ein bestimmtes Berufsverständnis der Journalisten. Das Ideal der Objektivität ist zentral für das professionelle journalistische Selbstverständnis innerhalb eines solchen Systems. Auch wenn niemand vollends neutral sein kann, erwartet das Modell doch, dass Journalisten Standards wie Fairness, professionelle Distanz zur Berichterstattung und Unparteilichkeit verinnerlicht haben. Der Wachhund-Journalist ist in erster Linie ein Vermittler von relevanten Informationen, die er möglichst objektiv und faktenorientiert weitergibt.

Um die Wahrnehmung der Bürger über Wachhund-Journalismus festzumachen, wurden sie gebeten, jedes Medienangebot in ihrem jeweiligen Land nach den folgenden Kriterien zu bewerten, die für kritischen Journalismus typisch sind: objektiv, informativ und regierungskritisch? Die genaue Frage lautete: „Medien unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Arbeitsweise und Berichterstattung. Bitte ordnen Sie die folgenden Medien den gegebenen Kriterien zu, falls diese zutreffen.“

Insgesamt wurden via Online-Fragebogen 1.539 Dänen, 1.571 Briten und 1.642 Spanier befragt. Daraus ergab sich, dass Dänen und Briten ihren Medien eine bedeutend stärkere Rolle als Wachhund zusprechen als  die Bevölkerung in Spanien. Das spanische Publikum ist auch am unzufriedensten mit der Arbeit der Medien ihres Landes. Um den Grad der Zufriedenheit mit der politischen  Berichterstattung zu erheben,  wurden die Probanden gebeten, die folgende Frage zu beantworten: Wie zufrieden oder unzufrieden sind Sie mit der Art und Weise, wie über die nationale Politik in den Medien berichtet wird?

Die Ergebnisse zeigen, dass in Dänemark die größte Zufriedenheit herrscht. Dort sind 55 Prozent der Befragten sehr zufrieden mit der Berichterstattung, während es in Großbritannien noch 40 Prozent und in Spanien nur 33 Prozent sind. Analog sind in Dänemark auch die wenigsten Probanden wirklich unzufrieden, nur 20 Prozent gaben dies in der Befragung an. In Großbritannien sind 26 Prozent und in Spanien 34 Prozent mit der Berichterstattung unzufrieden..

Die Forscher schließen aus den Ergebnissen, dass die Mediennutzer umso zufriedener  mit der politischen Berichterstattung ist, je stärker sie die Medien als Wachhunde wahrnehmen.

Journalismusforscher sind sich einig, dass das Modell vom Journalisten als Wachhund  nicht geeignet ist, einen Standard journalistischer Arbeit abzubilden. Objektivität, die Qualität der Informationen und eine kritische Haltung gegenüber den Machthabern innerhalb eines Landes sind nicht immer gleichermaßen zu gewährleisten. Jebril ist sich dessen bewusst, stellt aber fest, dass die Bürger sich offenbar dennoch einen Journalismus wünschen, der genau diese Standards einhält. Die breite Öffentlichkeit befürwortet Medien, die in die Rolle eines kritischen Beobachters schlüpfen – ungeachtet der Sorgen der Kritiker, dass eine solche Haltung der Medien langfristig zu Zynismus und politischer Unzufriedenheit führen könnte.

Kritiker sind auch der Ansicht, es könne zu einem Konflikt zwischen dem Ideal der Objektivität und dem Bedürfnis des Journalisten kommen, als aktiver Wachhund das öffentliche Interesse zu verteidigen. Der Studie Jebrils zufolge glauben viele Bürger jedoch, dass Journalisten sehr wohl gleichzeitig objektiv und der Regierung gegenüber kritisch berichten können. Mit Medien, die beides kombinieren, sind sie am zufriedensten.

Übersetzt aus dem Englischen von Karen Grass

Original-Artikel: More Watchdogs! Public Wants Critical Media

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