Was passiert, wenn Frauen die Nachrichten auswählen

10. Oktober 2018 • Qualität & Ethik, Top • von

Auf der Plattform Newsmavens werden seit einem Jahr ausgewählte Nachrichten von und für Frauen aus ganz Europa präsentiert. Chefredakteurin Zuzanna Ziomecka zieht eine erste Bilanz.

Als Newsmavens im September 2017 an den Start ging, wurden Stimmen laut, die meinten, das Konzept sei sexistisch. Denn Newsmavens ist eine Plattform, auf der ausschließlich Frauen Nachrichten kuratieren, das heißt die ihrer Meinung nach besten mit ihrem Publikum teilen. Warum nur Frauen? Weil sie besser sind? Nein, einfach, weil es weltweit bislang noch keine einzige Nachrichtenredaktion gab, in der ausschließlich Frauen arbeiten.

Bis auf wenige Ausnahmen wurden die Mainstream-Medien bislang von Männern dominiert. Studien zeigen, dass nur 27 Prozent aller leitenden Positionen in Nachrichtenredaktionen mit Frauen besetzt sind. Das Newsmavens-Experiment wurde im September 2017 mit Journalistinnen von Medienunternehmen aus 12 europäischen Ländern gestartet, auch mit dem Ziel, herauszufinden, wie eine ausschließlich von Frauen besetzte Redaktion Nachrichten gewichtet und einordnet.

Mittlerweile ist die Newsmavens-Redaktion auf 27 Journalistinnen angewachsen, die von Montag bis Freitag die (englischsprachigen) Nachrichten kuratieren, die ihrer Meinung nach die wichtigsten des Tages sind. Wir betrachten unsere Auswahl als die alternative Titelseite Europas.

Ich versuche, mich auf Themen wie psychische Gesundheit, Rassismus oder Geschlechterungleichheit zu konzentrieren – anstatt auf Nachrichten aus den Bereichen Politik oder Wirtschaft, über die in den portugiesischen Medien am häufigsten berichtet wird. 

Als Chefredakteurin von Newsmavens kann ich nun eine erste Bilanz ziehen, welche Art von Nachrichten Frauen auswählen. Die Erkenntnisse sind nicht total überraschend, aber dennoch wichtig:

Frauen schenken Frauen und anderen marginalisierten Gruppen Aufmerksamkeit, und sie kümmern sich darum, welche Auswirkungen die große Politik und das ‚Big Business‘ auf das Leben der normalen Menschen haben.

Das sind die Geschichten, die sich auf den Rückseiten der Mainstream-Zeitungen verstecken, es aber an die Spitze schaffen, wenn Frauen das Sagen haben. Und sobald Journalistinnen sie als wichtig erachten, dann werden sich wahrscheinlich auch die Frauen in der Leserschaft über sie Gedanken machen.

Lassen Sie mich einige Beispiele nennen. Viele Geschichten, die für Newsmavens kuratiert werden, sind herzzerreißende Berichte über Kulturen und Systeme, die Frauen im Stich lassen. Wie der Fall von 15000 Frauen, die seit den 1970er Jahren für die katholischen „Schwestern vom Guten Hirten“ in unbezahlte Arbeit gezwungen wurden. Oder der Fall der ehemaligen Abgeordneten aus Österreich, die verklagt wurde, nachdem sie die ihr widerfahrene sexuelle Belästigung öffentlich gemacht hatte.

Unsere Journalistinnen haben auf Newsmavens auch auf das viel zu milde „Wolfpack“-Urteil in Spanien aufmerksam gemacht. Fünf Männer sollen nach dem Stierkampffest in Pamplona eine Frau vergewaltigt haben; die Richter sahen aber den Tatbestand der Vergewaltigung nicht gegeben, weshalb die Männer nur wegen sexuellen Missbrauchs angeklagt wurden. Als der öffentliche Aufschrei Tausende von Menschen aus Protest auf die Straße brachte, wurde die Gesetzeslücke, die das Urteil ermöglichte – und in 23 weiteren europäischen Ländern bestand – , einer dringend notwendigen Überprüfung unterzogen.

Unsere Journalistinnen sind auch wachsam gegenüber manipulierter Rhetorik, die versucht, die öffentliche Meinung über die Rechte von Frauen zu beeinflussen – Geschichten, die oft der Aufmerksamkeit eines männlichen Journalisten entgehen.

So auch an Ostern dieses Jahres, als kroatische Priester ihren Gemeinden erklärten, dass der Glaube an Gott die Frauen besser schützen würde als die Istanbul-Konvention gegen Gewalt gegen Frauen. Auch in Ungarn finden sich immer wieder solche Fälle, nämlich dann, wenn der ungarische Präsident Viktor Orbán öffentlich erklärt, dass Frauen von öffentlichen Angelegenheiten keine Ahnung hätten und die regierende Partei behauptet, dass Gender Studies kein „wirtschaftlich rationales“ Studiengebiet sei.

Die Journalistinnen, die für Newsmavens arbeiten, fühlen sich zudem zu Geschichten über benachteiligte Menschen hingezogen.  Während Mainstream-Medien oft die Big Player und Global Changemaker herausstellen, zeigen Frauen mehr Interesse an jenen, die keine Auswirkungen auf die große Politik oder das Big Business haben, deren Leben aber immer von beiden beeinflusst wird.

So berichteten sie zum Beispiel über die Eltern behinderter Kinder, die in den Gängen des polnischen Parlaments campierten, weil deren Unterstützung gerade von derselben Regierung gekürzt wurde, die, um die Wahlen zu gewinnen, kinderreiche Familien mit monatlichem Kindergeld lockte. Sie berichteten auch über die osteuropäischen Migrantinnen, die ihre Familien verlassen haben, um ihren Lebensunterhalt im Ausland zu verdienen, und nun unter einer besonderen Art von lähmender Depression leiden, die das „italienische Syndrom“ genannt wird. Und über die europäischen Roma-Volksgruppen, die gewaltsam angegriffen oder geächtet werden.

Ich glaube, dass Frauen mit dieser Auswahl das Nachrichten-Narrativ bereichern.

Während sich die Nachrichtenmaschine der Massenmedien auf das konzentriert, was die Hauptakteure der Welt an der Spitze der Machtstruktur tun, zeigen Frauen eine beständige Neugierde über das, was weiter unten passiert.

Die neuere Geschichte in den USA, Polen, Ungarn und der Türkei bekräftigt eine wohlbekannte feministische Tatsache: Wenn sich die Politik von der liberalen Demokratie abwendet, sind die Frauenrechte oft die ersten, die dran glauben müssen. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum wir Frauen eine besondere Sensibilität für die Auswirkungen politischer Entscheidungen auf die Gesellschaft haben.

Egal was der Grund dafür ist, es bleibt dabei: Wer die Ursache analysiert ohne die Wirkung zu beachten, sieht nur einen Teil der Geschichte. Um die Zeiten, in denen wir leben, zu verstehen und unsere Leser ganzheitlich zu informieren, müssen wir beiden die gleiche Aufmerksamkeit schenken.

Bis die Medienbranche ihre Spitzenkräfte aus einer heterogenen Gruppe auswählt und Frauen denselben Einfluss auf das Nachrichten-Narrativ haben wie Männer, wird Newsmavens dazu beitragen, dass die Selektion der Nachrichten aus Europa besser zwischen den Geschlechtern ausbalanciert wird.

Erstveröffentlichung: Newsmavens vom 21. September 2018

Dieser Beitrag erschien auch auf der englischen EJO-Seite 

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