Klarname motiviert Nutzer zu besserem Verhalten

16. Oktober 2018 • Forschung aus 1. Hand, Qualität & Ethik • von

Kommentarspalten im Netz sind von Hass und Beleidigungen geprägt. Wie können Nachrichtenorganisationen gegensteuern und die Diskussionskultur auf ihren Portalen verbessern? Eine Masterarbeit an der KU Eichstätt-Ingolstadt liefert neue Ansätze.

Ein Mittel gegen Hass und Beleidigung im Netz: Die Abschaffung der Nutzer-Anonymität.

Meist dauert es nicht lange, bis man in Diskussionen auf Facebook oder auch auf Nachrichtenseiten im Internet auf die ersten Kommentare mit Beschimpfungen oder Verunglimpfungen stößt. Geschützt von Anonymität und Pseudonymität fühlen sich viele frei, das zu äußern, was sie in der Offline-Welt nicht von sich geben würden.

Das Problem ist mittlerweile so groß geworden, dass sogar der Staat eingreifen musste: Zu Beginn des Jahres 2018 trat das Netzwerkdurchsetzungsgesetz in Kraft. Betreiber sozialer Netzwerke sind nun zur Löschung von Falschnachrichten und Hass-Posts auf ihren Angeboten verpflichtet. Doch nicht nur in sozialen Medien stellen die Botschaften ein Problem dar, sondern auch Onlinenachrichtenseiten haben in den Kommentarspalten unter ihren Artikeln mit Hass, Aggression und sogar Rassismus zu kämpfen. Manche Beiträge sind sogar in rechtlicher Hinsicht bedenklich – und sowohl für Nutzer als auch für Journalisten sind die Diskussionen kaum mehr lesenswert. Viele Nachrichtenanbieter gehen deshalb so weit, die Kommentarspalten unter ihren Artikeln komplett zu schließen oder zu ersetzen – die Süddeutsche Zeitung ist hier nur ein Beispiel unter vielen.

Deshalb stellt sich für Redaktionen immer häufiger die Frage, wie sie die Qualität der Diskussionen auf ihren Portalen anheben und rechtsverletzende Aussagen auf ein Minimum reduzieren können. Unter Journalisten wird häufig die Annahme laut, dass durch ein Verbot der Anonymität und Pseudonymität in den Kommentarspalten die Qualität der Nutzerdiskussionen angehoben werden. In Deutschland gibt es deshalb auch kein tagesaktuelles Nachrichtenportal, auf dem Nutzer anonym kommentieren können. Doch auch Pseudonymität wird immer häufiger verboten – wie beispielsweise bei der Badischen Zeitung. Dahinter steht der Gedanke, dass Nutzer mehr Verantwortung für ihre Kommentare übernehmen und zu besserem Verhalten motiviert werden, wenn ihr echter Name als Voraussetzung für das Kommentieren gefordert wird.

Analyse von 1.500 Nutzerkommentaren auf fünf deutschen Nachrichtenseiten

Diese Annahme wird durch eine aktuelle Untersuchung im Rahmen einer Masterarbeit an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt unterstützt. Anhand einer Analyse von 1.500 Nutzerkommentaren auf fünf deutschen Onlinenachrichtenseiten und den zugehörigen Artikeln untersuchte die Autorin, wie die Qualität von Nutzerdiskussionen auf den Seiten tatsächlich ausfällt und wie das Niveau der Diskussionen durch die Redaktionen erhöht werden könnte. Untersucht wurden Kommentare auf den Onlineangeboten der Passauer Neuen Presse, des Kölner Stadt-Anzeigers, von nordbayern.de, der Badischen Zeitung sowie des VRM Medienhauses. Die Analyse der Nutzerkommentare fand im August 2017 statt. Die Qualität eines Nutzerkommentars wurde über die drei Dimensionen Inzivilität, Minderwert und Mehrwert erfasst – diese Messung bietet den Vorteil, dass nicht nur negative Merkmale eines Nutzerkommentars, sondern auch positive Eigenschaften wie zusätzliche Informationen, Hinweise auf Fehler oder Quellenangaben für vorgebrachte Argumente erfasst werden konnten.

Die Auswertung der Inhaltsanalyse bestätigt, dass die Qualität von Nutzerkommentaren bei der Forderung von Realnamen signifikant ansteigt: Nutzer, die sich bei der Veröffentlichung eines Kommentars über ihren echten Namen identifizieren müssen, verhalten sich weniger ausfallend, beleidigten seltener andere Diskussionsteilnehmer sowie nicht-anwesende Personen wie Politiker, sie äußerten weniger Vorurteile und boten im Gegensatz dafür in ihren Beiträgen mehr zusätzliche Informationen, Hilfestellungen und zusätzliches Hintergrundwissen zum Artikel an.

Damit scheint die häufig diskutierte Option, Kommentarfunktionen zukünftig nur noch für über ihren Klarnamen identifizierte Nutzer freizuschalten, tatsächlich eine gewinnbringende Maßnahme zur Steigerung der Diskussionsqualität auf Onlinenachrichtenseiten zu sein: Da die kommentierenden Nutzer ihre Identität preisgeben müssen, können ihre Aussagen ihnen direkt zugeordnet werden und das Verantwortungsgefühl für ihre Beitrage scheint sich dadurch erhöhen – dies spiegelt sich auch in Inhalt und Ton der Kommentare wider.

Neben den Auswirkungen der Forderung des Realnamens wurde ebenfalls untersucht, welche weiteren Merkmale der Kommentarpolitik sowie des Nachrichtenartikels Auswirkungen auf die Qualität der Nutzerkommentare zeigen. So war auch von Interesse, ob sich journalistische Beteiligung an den Diskussionen ebenfalls positiv auf die Qualität dieser auswirkt. Allerdings zeigte sich schnell, dass in den erhobenen Diskussionen kaum Kommentare von Seiten der Redaktionen abgegeben wurden – von insgesamt 1.500 erhobenen Kommentaren stammten nur neun erkenntlich von Journalisten. Die meisten dieser neun journalistischen Kommentare waren reine Informationen über stattgefundene Moderationsaktivitäten und somit auch keine aktive Beteiligung an der Diskussion. Obwohl die Vermutung naheliegt, dass den Nutzern in diesen Fällen die Anwesenheit einer Kontrollinstanz in Form der Redaktion bewusst wird, konnte in einer qualitativen Analyse kein unmittelbarer Effekt auf die nachfolgenden Kommentare festgestellt werden. Positive Auswirkungen journalistischer Beteiligung können deshalb nicht bestätigt, allerdings anhand der vorliegenden Daten auch nicht konkret abgelehnt werden.

Lokale Nachrichten wirken sich positiv auf Nutzerkommentare aus

Auf der Ebene der Artikelmerkmale gab es allerdings einige Faktoren, die Auswirkungen auf die Qualität der Nutzerkommentare zeigten. Ein Einflussfaktor findet sich im Thema des Artikels, über den diskutiert wird. Es sind vor allem politische Themen, wie Donald Trump, oder Themen mit ungesicherter Informationslage, wie die Live-Berichterstattung über Terrorangriffe, die häufig unsachliche Diskussionen, Vorurteile und auch die Verwendung von Stereotypen in den Nutzerkommentaren zur Folge haben. Dies lässt sich darauf zurückführen, dass solche Themen viel emotionales Potential mit sich bringen und auch stark polarisieren, was sich wiederum in den Nutzerkommentaren widerspiegelt.

Lokale und regionale Nachrichten, die den Lesern nahegehen und für sie scheinbar von großer Bedeutung sind, motivieren hingegen zu verantwortungsvollem Kommentieren und besseren Kommentaren. Dieser Effekt scheint sich auch bei der Informationsquelle einer Nachricht zu wiederholen: Die Leser vertrauen dabei vor allem auf Quellen, die ihnen persönlich nahe sind, beispielsweise in Form anderer Leser oder den Redakteuren im Selbsttest. Dies wirkt sich auch positiv auf ihre Nutzerkommentare aus.

Außerdem scheint es sich auch auf die Kommentare auszuwirken, von wem eine Nachricht veröffentlicht wird: Vor allem die Beteiligung von Nachrichtenagenturen führt zu qualitativ minderwertigen Nutzerkommentaren. Wird der Urheber eines Artikels hingegen nicht angegeben oder ist der Artikel einem Autor aus der Redaktion zugeschrieben, fallen die Nutzerkommentare im Vergleich hochwertiger aus. Dies spiegelt auch die Beobachtungen diverser Journalisten wider, die im Redaktionsalltag Vorbehalte ihrer Leser gegenüber den Inhalten von Nachrichtenagenturen wahrnehmen.

Verbot von Anonymität und Pseudonymität könnte Diskussionsqualität steigern

Als Fazit kann festgehalten werden, dass es tatsächlich Möglichkeiten für Medienunternehmen gibt, die Diskussionsqualität unter ihren Beiträgen anzuheben und ein sinnvolles und ziviles Diskussionsklima unter ihren Nutzern zu fördern. Maßnahmen hierfür könnten ein Verbot von Anonymität und Pseudonymität sowie der Ausschluss bestimmter emotionsgeladener Themen, bei denen aktuell noch eine ungesicherte Informationslage vorliegt, sein.

Außerdem könnten die Redaktionen mit dem Wissen um negative Einflussfaktoren in den betreffenden Fällen die Diskussionen gezielt durch aktive Moderation und Beteiligung am Diskurs gegensteuern und ihre Nutzer zu qualitativ hochwertigem Dialog motivieren.  Letzen Endes liegt es allerdings beim Leser – eine Diskussion macht erst dann Sinn, wenn sich ihre Teilnehmer mit gegenseitigem Respekt gegenübertreten.

Bildquelle: pixabay.com

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