Zahlungsbereitschaft für Online-Nachrichten steigt

19. Juni 2020 • Aktuelle Beiträge, Digitales, Medienökonomie • von

Der neue Digital News Report 2020 des Reuters Institute bestätigt, dass Medienumgebungen immer digitaler, mobiler und plattformdominierter werden. Er zeigt zudem, dass die Bereitschaft, für qualitativ hochwertige Online-Inhalte zu zahlen, weiterhin steigt. Die Corona-Krise hat diese Trends wahrscheinlich beschleunigt und auch dafür gesorgt, dass vertrauenswürdige Nachrichtenmarken im Fernsehen mehr Zulauf bekommen haben, heißt es in dem Bericht.

Die meisten Daten der Untersuchung, die auf einer Umfrage in 40 Ländern beruht, wurden im Januar und Anfang Februar erhoben, bevor die Corona-Pandemie ausbrach. Der Bericht enthält jedoch auch Daten aus aktualisierten Umfragen, die im April – auf dem Höhepunkt der Krise in vielen Ländern – durchgeführt wurden.

Der Bericht zeigt auch, dass die Besorgnis über die Verbreitung von Fehlinformationen im Internet weiterhin groß ist, wobei die meisten Menschen Politiker ihres Landes und nicht Aktivisten, Journalisten oder ausländische Regierungen dafür haftbar machen.

Wirtschaftliche Auswirkungen der Pandemie beschleunigen Wandel der Geschäftsmodelle

Die im April erhobenen Daten zeigen, dass die wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Krise auf das Werbegeschäft Verlage dazu bewogen haben, ihre Strategien auf Abos, Mitgliedschaften und Spenden zu fokussieren. Der Trend dazu war allerdings schon vor dem Pandemie-Ausbruch zu erkennen: Die Daten vom Januar zeigen, dass 2019 in einer Reihe von Ländern mehr Nutzer für Online-Nachrichten zahlten als im Vorjahr, in den USA waren es 20% (4% mehr als im Vorjahr), in Norwegen 42% (8% mehr als im Vorjahr). Auch in anderen Teilen Europas sowie in Lateinamerika und Asien ist ein Anstieg zu verzeichnen.

Als Entscheidungskriterien, warum Nutzer Online-Abos abschließen, wurden Besonderheit und Qualität der Inhalte genannt, gefolgt von Bequemlichkeit und Preis. Auch der Zweck oder die politische Ausrichtung einer Publikation ist für einige, insbesondere in den USA, ein Schlüsselfaktor. Trotzdem sind viele Nutzer mit den Nachrichten, auf die sie kostenlos zugreifen können, vollkommen zufrieden: Ein sehr hoher Anteil der Befragten, die keine Medien abonniert haben (z.B. 40% in den USA und 50%  in Großbritannien), sagt, dass sie nichts dazu bewegen könnte, für ihren Nachrichtenkonsum zu zahlen.

Der Bericht zeigt, dass Lokalzeitungen (und ihre Websites) in einigen Ländern viel mehr geschätzt werden als in anderen. Mehr als die Hälfte der regelmäßigen Lokalzeitungsleser in Deutschland (54%) sagen, sie würden ihre Lokalzeitung „sehr vermissen“, wenn es sie nicht mehr gäbe. In Norwegen sagen das 49%, in den USA 39% und in Großbritannien lediglich 25%.

„Wir sehen klare Beweise dafür, dass verschiedene, erstklassige Nachrichtenmedien in der Lage sind, eine wachsende Zahl von Menschen davon zu überzeugen, für Qualitätsnachrichten online zu bezahlen“, erklärt Co-Autor Rasmus Nielsen. „Aber die meisten Menschen zahlen weiterhin nicht für Online-Nachrichten, und angesichts der Fülle frei verfügbarer Alternativen wird auch nicht klar, warum sie das tun sollten. In einem derart umkämpften Markt kann nur herausragender Journalismus die Nutzer davon überzeugen, Geld dafür auszugeben.“

Fehlinformationen und die Rolle von Plattformen

Die weltweite Besorgnis über Fehlinformationen im Internet ist nach wie vor groß. Schon vor der Corona-Pandemie gab mehr als die Hälfte der weltweit befragten Nutzer (56%) an, dass sie sich wegen der Verbreitung von Fehlinformationen sorgten. Innenpolitiker sind die am häufigsten genannte Quelle für Fehlinformationen, obwohl in einigen Ländern – wie zum Beispiel den USA – Menschen, die sich selbst als rechtsorientiert betrachten, eher den Medien die Schuld geben.

Wenn es um die Verbreitung falscher Informationen über Online-Plattformen geht, hatten in den meisten Ländern die Befragten am ehesten Bedenken bezüglich Facebook (29%) und machten sich weniger Sorgen um eine Verbreitung auf anderen Netzwerken wie YouTube (6%) und Twitter (5%). In Ländern des globalen Südens, wie Brasilien, Mexiko, Malaysia und Chile, befürchten die meisten Befragten, dass über geschlossene Messenger-Dienste wie WhatsApp Fake News verbreitet werden. Falsche Informationen, die über diese privaten und verschlüsselten Netzwerke verbreitet werden, sind besonders heimtückischer Natur, da sie weniger sichtbar und daher schwieriger zu bekämpfen sind.

Ungenaue Aussagen von Politikern

Jüngste Äußerungen von Donald Trump und dem brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro haben die Frage aufgeworfen, ob Medien über ungenaue oder zweifelhafte Äußerungen von Politikern nicht berichten und Plattformen wie Facebook und Twitter diese blockieren sollten.

In allen Ländern sind die meisten Befragten (52%) der Ansicht, dass die Medien über diese Aussagen prominent berichten sollten, weil „es für die Öffentlichkeit wichtig ist, zu wissen, was der Politiker gesagt hat“, anstatt nicht auf die Aussage hinzuweisen (29%), um dem Politiker keine ungerechtfertigte Aufmerksamkeit zu verschaffen. Dies deutet darauf hin, dass sich die Menschen lieber selbst eine Meinung bilden möchten, als sich von einem Journalisten sagen zu lassen, was sie denken sollen – oder das Gefühl zu haben, dass ihnen Informationen vorenthalten werden.

Das allgemeine Vertrauen in die Medien sinkt weiter

In der Januar-Umfrage gaben in allen 40 Ländern weniger als vier von zehn (38%) Befragten an, dass sie „den meisten Nachrichten die meiste Zeit“ vertrauen – dies ist ein Rückgang um vier Prozent gegenüber 2019. Weniger als die Hälfte der Befragten (46%) gab an, dass sie den Nachrichten, die sie tatsächlich nutzen, vertrauen, während das Vertrauen in Nachrichten, denen sie in sozialen Medien begegnen, noch viel geringer ist (22%).

Nach den gewaltsamen Straßenprotesten in Hongkong ist dort das Vertrauen in Nachrichten erheblich gesunken, hier vertrauen ihnen nur noch 30% (Rückgang um 16%). Ähnlich sehen die Zahlen in Chile aus, wo zahlreiche Demonstrationen gegen soziale Ungleichheit stattfanden.

In Großbritannien haben noch weniger Menschen Vertrauen in Nachrichten, nämlich 28% (Rückgang um 12%) – Grund ist die Unterhaus-Wahl 2019, bei der viele Linke-Wähler die Medien zumindest teilweise für ihre politische Niederlage verantwortlich machten. Die mit zunehmender Unsicherheit verbundene politische Polarisierung scheint insbesondere das Vertrauen in den öffentlich-rechtlichen Rundfunk untergraben zu haben, der sowohl Unterstützer aus dem linken als auch dem rechten politischen Spektrum verloren hat.

„Gespaltene Gesellschaften scheinen den Medien weniger zu vertrauen, nicht unbedingt, weil der Journalismus dort schlechter ist, sondern weil die Menschen im Allgemeinen mit den Institutionen in ihren Ländern unzufrieden sind und weil die Nachrichtenmedien oft Ansichten vertreten, mit denen die Menschen nicht einverstanden sind,“ so Hauptautor Nic Newman.

 

Original-Version auf Englisch: News consumers ‘prepared to pay for quality and distinctiveness’ – DNR 2020

 

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