Partnerschaft statt Wettbewerb

4. September 2019 • Internationales, Qualität & Ethik • von

Kollaborativer Journalismus hat der Welt großartige journalistische Recherchen beschert. Ein Allheilmittel ist er aber nicht.

Kollaborationen im Journalismus sind nicht gänzlich neu, doch vor dem Hintergrund technologischer und daraus resultierender wirtschaftlicher Umwälzungen haben sie heute ein Niveau erreicht, das noch vor zehn Jahren unvorstellbar gewesen wäre: Sowohl einzelne Journalisten als auch ganze Medienhäuser gehen Partnerschaften mit potenziellen Konkurrenten ein, Fallstudien und Handbücher geben Einblick in die vielfältige Praxis, Workshops und Universitätsseminare bereiten künftige Journalisten auf die spätere Zusammenarbeit vor.

Spätestens seit der vielbeachteten und mehrfach preisgekrönten Veröffentlichung der Panama Papers 2016 ist kollaborativer Journalismus ein fester Begriff in der Profession. Die grenzüberschreitende Recherche zu Offshore-Geschäften unter Leitung des Internationalen Konsortiums für investigativen Journalismus wurde zum Vorbild für Partnerschaften und Rechercheprojekte.

Früher teilten meist nur Auslandskorrespondenten ihre Quellen und Informationen miteinander – und passten auf, dass ihre Vorgesetzten von dieser Zusammenarbeit nichts mitbekamen. Bisweilen stach ein Reporter Informationen an die Kollegen des zweiten Pressehauses im Ort durch – wenn seine Geschichte den Verleger verärgert hätte und deswegen nicht im eigenen Blatt veröffentlicht wurde. Heute teilen sich Medienhäuser Reporter, technische Infrastrukturen wie Server und ganze Redaktionen, tauschen Journalisten Daten und Rechercheergebnisse aus, sprechen Redaktionen den Umfang und das Datum von Veröffentlichungen im Detail ab.

Kollaborativer Journalismus ist ein Trend, der seit etwa 2010 schrittweise die gesamte Branche erfasst und seinen Höhepunkt sicher noch nicht erreicht hat. Aber warum und wie genau werden Wettbewerber zu Partnern? Passt das kollaborative Zusammenarbeiten zu jeder Recherche, zu jedem Journalisten, zu jeder Redaktion?

Versucht man die Entwicklung des Trends zu kollaborativem Arbeiten im Journalismus verstehen, könnte man die Gründe für seinen Erfolg mit einem Wort zusammenfassen: Digitalisierung. Sinkende Einnahmen, veränderter Nachrichtenkonsum und Personalabbau sind nur einige ihrer negativen Folgen, die es für Medienhäuser und Journalisten notwendiger denn je machen, zusammenzuarbeiten. Auf der positiven Seite zu verzeichnen sind die erleichterten Kommunikationsmöglichkeiten – in Bruchteilen von Sekunden über Kontinente und Ozeane hinweg. Hinzu kommen der bessere Zugang zu großen Datenbanken, die ohne Programmierer und Statistiker nicht sinnvoll ausgewertet werden können, die Notwendigkeit eng mit Designern und Programmieren zusammenzuarbeiten, um ansprechende interaktive Grafiken zu gestalten, oder Möglichkeiten, die eigenen Inhalte weltweit zu verbreiten und das Publikum durch Crowdsourcing stärker in die Nachrichtenproduktion einzubinden.

Die erste Generation von Datenjournalisten war es, die als Pioniere des kollaborativen Journalismus journalistisches Urteilsvermögen und die Ethik der open source-Bewegung zusammenführte. Doch das für den Journalismus noch neue Verständnis des Arbeitens im Netzwerk, des Teilens von Informationen, Wissen und Infrastruktur wurde bald in weitere Bereiche übertragen – obwohl bei Redaktionskollegen, Vorgesetzten und Managern auch heute noch vielfach Überzeugungsarbeit geleistet werden muss.

Mit der Zunahme an entsprechenden journalistischen Projekten wuchs auch das wissenschaftliche Interesse: 2014 veröffentlichte das US-amerikanische Pew Research Center die erste umfangreiche Studie zu kollaborativem Journalismus. Fünf Beispiele wurden ausführlich untersucht und beschrieben, darunter waren sowohl traditionelle als auch neu gegründete Medienunternehmen, einzelne Journalisten und gemeinnützige Organisationen. Die Recherchen reichten von einer einmaligen gemeinsamen und grenzüberschreitenden Recherche zum Thema Kinderprostitution bis hin zu einem auf Dauer angelegten Austausch von diversen Inhalten.

Mit ihrem 2017 veröffentlichten Modell kategorisiert die Medienwissenschaftlerin Sarah Stonbely erstmals die neuen Formen des Journalismus. Sie unterscheidet sechs verschiedene Formen von kollaborativem Journalismus danach, ob sie auf eine kurz- oder langfristige Partnerschaft angelegt sind und ob die Zusammenarbeit in getrennt, parallel oder integriert arbeitenden Teams erfolgt. Formen der Kollaboration mit dem Publikum schließt sie aus ihrem Modell aus – erfolgreichen Beispielen zum Trotz, wie die Einbindung der Leserschaft des britischen Guardian in die Auswertung von mehr als 450.000 Ausgabenbelegen britischer Parlamentsabgeordneter im Jahr 2009, um auf diese Weise Spesenbetrug aufzudecken. Die Datenbank des von Stonbely geleiteten Center for Cooperative Media sammelt seit 2018 Beispiele aus der Praxis und wächst stetig.

Im April 2019 legte das Reuters Institut eine Analyse von drei Partnerschaften im lokalen Journalismus vor. Zwei der drei hier untersuchten Fälle reichen weit über die bislang bekannten Beispiele hinaus: So teilen sich in Finnland insgesamt zwölf Tageszeitungen unter anderem ein Content Management System sowie mehrere Reporter und Redakteure, während in Großbritannien die BBC über die „Local News Partnerships“ hunderte lokale und hyperlokale Redaktionen bei ihrer Berichterstattung unterstützt. Die Kooperation zwischen zwei digitalen Start-ups und einer Zeitungskette in Italien, die zum Thema Glücksspiel Inhalte gemeinsam entwickeln und mit anderen Medienunternehmen teilen, ist dagegen schon so gut wie Standard im kollaborativen Journalismus.

Bei fast allen untersuchten Kollaborationen fällt auf: Die Partner sind selten direkte Wettbewerber, sondern bedienen in der Regel verschiedene Märkte oder thematische Nischen. Das minimiert Reibungsverluste und sollte bei jeder neu aufzulegenden Kollaboration im Vorfeld bedacht werden. Das kollaborative grenzüberschreitende Netzwerk European Investigative Collaborations beispielsweise vereint namhafte Medien aus ganz Europa wie das deutsche Magazin Der Spiegel oder die niederländische Tageszeitung De Standaard. Und obwohl das Netzwerk vor der Veröffentlichung seiner umfangreichen investigativen Recherchen in der Regel weitere Medien mit ins Boot holt – um eine möglichst breite Öffentlichkeit zu erreichen – gehört zum Kern des Netzwerks jeweils nur ein Medienunternehmen pro Land.

Grenzüberschreitende Recherchen gewinnen im kollaborativen investigativen Journalismus immer mehr an Bedeutung und stoßen auch in der Wissenschaft auf immer größeres Interesse, wie auch das Erscheinen eines Sonderhefts des Journal of Applied Journalism & Media Studies zum Thema Cross-Border-Journalismus im Juni zeigt. Unter anderem werden darin der Einfluss grenzüberschreitender Journalismus-Projekte auf die Transnationalisierung der Öffentlichkeit untersucht und aufgezeigt, wie man mit Cross-Border-Journalismus Verzerrungen in der Berichterstattung entgegenwirken und Diversität fördern kann.

Nicht jede Recherche ist aber für eine Kollaboration geeignet. Partnerschaften fordern von den Beteiligten viel ab: Vertrauen, Toleranz, Geduld und nicht selten auch Investitionen. Die Recherchen müssen koordiniert werden, die Kommunikation zwischen den Partnern muss zugleich einfach und sicher sein, alle Partner müssen die notwendigen Ressourcen bereitstellen können. Der Journalist Nicolas Kayser-Bril, einer der Vorreiter des kollaborativen Datenjournalismus, warnte 2018 in einer Publikation des Reuters Instituts vor überzogenen Erwartungen vor allem von philanthropischen Geldgebern wie Stiftungen und NGOs, die sich der Fortentwicklung des Journalismus verschrieben haben. Kollaborationen würden mit hoher Wahrscheinlichkeit scheitern, wenn die Partner kein gemeinsames Ziel vor Augen hätten – sei es eine Recherche durch die kollektiven Anstrengungen zu verbessern oder eine größere Wucht durch eine koordinierte Veröffentlichung zu erreichen.

Fatalerweise sind es vor allem Philanthropen, die kollaborativen Journalismus finanzieren. Selbst etablierte Medien entwickeln ihre Kollaborationen häufig mit Hilfe von Stiftungsgeld und anderen Fördermitteln. Neuere Finanzierungsmodelle wie Crowdfunding oder Genossenschaften müssen selbst bei erfolgreichen Neugründungen wie der US-amerikanischen ProPublica oder der Texas Tribune durch weitere Beihilfen flankiert werden.

Gerade weil die Entwicklung einer erfolgreichen Kollaboration diffizil sein kann, zumal wenn kulturelle Unterschiede, diverse Zeitzonen oder Sprachschwierigkeiten hinzukommen, ist es erfreulich, dass auch die ersten Handbücher und andere Hilfsmittel erscheinen. Die Journalistin Heather Bryant nutzte die Erfahrungen aus ihrer Arbeit beim öffentlichen Rundfunk in Alaska, um mit Hilfe eines Stipendiums eine digitale Plattform und ein Handbuch zu entwickeln, die es Journalisten erleichtern, ihre Zusammenarbeit zu planen und durchzuführen. Die Journalistin Brigitte Alfter fasste 2018 ihre Erfahrungen im kollaborativen Cross-Border-Journalismus zusammen, das Buch ist im Sommer 2019 auch auf Englisch erschienen. Auf der Online-Plattform Hostwriter können sich Journalisten weltweit miteinander vernetzen und über Ländergrenzen hinweg zusammenarbeiten. Erste Workshops und Seminare zum Thema kollaborativer und Cross-Border-Journalismus werden derzeit unter anderem von Brigitte Alfter, Tabea Grzeszyk von Hostwriter und am Erich-Brost-Institut für internationalen Journalismus der TU Dortmund entwickelt.

Netzwerke zu bilden oder Dinge und Wissen zu teilen, entspricht dem Zeitgeist. Kollaborativer Journalismus ist dennoch sicher keine Eintagsfliege. Trotz zahlreicher Stolpersteine und einem oft erhöhten Einsatz von personellen wie finanziellen Ressourcen lohnt die Zusammenarbeit in sinnvoll ausgewählten Projekten. Denn in einer immer komplexer werdenden Welt steigen auch die Ansprüche an die Arbeit von Journalisten. Ansprüche, die der sprichwörtliche „einsame Wolf“ nicht mehr erfüllen kann.

 

Nadia Leihs entwickelt zurzeit im Rahmen des von der EU geförderten NEWSREEL-Projekts e-learning-Materialien für ein Seminar zu Kollaborativem Journalismus, das im Wintersemester 2019/20 erstmals am Institut für Journalistik der TU Dortmund stattfinden wird. Mehr zum NEWSREEL-Projekt auch auf EJO.

 

Bildquelle: pixabay.de

 

 

 

 

 

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