Verschwörung entzaubern, Mechaniken entlarven

16. Juni 2020 • Aktuelle Beiträge, Qualität & Ethik • von

Ein Forscherteam will Menschen gegen Desinformation „impfen“: Indem man Menschen die trügerische Argumentation manipulativer und irreführender Behauptungen erkläre, impfe man sie dagegen, Fehlinformationen zu erliegen.

Corona-Demo in Frankfurt.

Die Corona-Krise erzeugte von Anfang an immense Mengen an Falschinformationen. Mittlerweile rückten Demonstrationen, wo Menschen die Pandemie leugnen sowie Weltverschwörungen rund um Impfungen und Grundrechtsentzug verbreiten, in den medialen Fokus. In Deutschland sind solche Proteste besonders laut, aber auch in Österreich werden Plakate gebastelt mit Sätzen wie „Wir wollen keine Diktatur, keine Zwangsimpfung“. Eine sogenannte Initiative für evidenz-basierte Corona-Informationen (ICI) bündelte den Widerstand gegen die Corona-Maßnahmen der österreichischen Regierung und rief zu Demonstrationen auf. Unter die Demonstranten mischte sich unter anderem Martin Sellner, Chef der rechtsradikalen Identitären; Schlagwörter wie „Mund-Tot-Masken“ gegen die Maskenpflicht kursieren; irgendein Arzt nennt Social Distancing Folter. Es gärt.

Dabei stehen die Menschen in Österreich wie in Deutschland laut diverser Umfragen zwar nicht mehr so stark, aber weiterhin mit deutlicher Mehrheit hinter den Corona-Maßnahmen ihrer Regierungen. Für Deutschland ermittelte das Krisenbarometer der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) ein erstaunliches Stimmungsbild: Die Menschen äußerten sich vor der Pandemie-Krise dreifach pessimistischer als während der Krise, und 88 Prozent pflichteten der Einschätzung bei, letzten Endes werde alles gut.

Außerdem stieg offenbar das Vertrauen in die Wissenschaft: Neun von zehn Menschen in Deutschland sprechen sich dafür aus, Einschätzungen von Wissenschaftlern künftig stärker bei politischen Entscheidungen zu berücksichtigen. Das ergab eine Umfrage, die das Meinungsforschungsinstitut Forsa im Auftrag der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) durchgeführt hat. Ähnlich wie in der Pandemie-Krise solle auch bei der Klima-Krise mehr auf Wissenschaftler gehört werden. Interessant ist auch die Einschätzung, dass 59 Prozent die Folgen der Corona-Krise für geringer einschätzen als die Folgen des Klimawandels, 23 Prozent fanden, beide Herausforderungen hätten vergleichbar schwere Folgen.

Verunsicherung als Ziel

Aber all diese Krisen sind immer mit Unsicherheiten und Ungewissheiten verbunden. Genau hier setzen Fehlinformationen und insbesondere Verschwörungstheorien an. Sie stoßen in eine Lücke (keiner kennt genau die Dimensionen und die tatsächliche Dauer der Corona-Pandemie). Es handelt sich um meistens konspirative Gegenerzählungen (zum Beispiel mit Bill und Melinda Gates als Zielscheibe). Die Erzählungen können Menschen in Zweifel, Unzufriedenheit, Alarmbereitschaft bis hin zur Notwehrbereitschaft stürzen. Sie sind menschenfeindlich und gefährlich, weil sie vorhandene negative Emotionen verstärken und weil sie Vertrauen zerstören (in Wissenschaft, Politik, Journalismus etc.) – und genau diese Verunsicherung ist im Sinne der „Erfinder“ dieser Storys.

Ihre Verbreitung läuft zunächst vor allem übers Netz, nehmen dort viel Fahrt auf, sobald auch Menschen mit großer Reichweite sie teilen, werden aufgegriffen durch „Corona-Demos“ und oft verstärkt durch Medien, die über diese Theorien berichten. Verschwörungstheorien sind im Kern ein Minderheitenphänomen, das man weder überhöhen darf, noch verdrängen. Dies auch, weil es denjenigen, die sie sich ausdenken, oft gelingt, mit ihrer Verschwörungspropaganda viele verunsicherte und ernsthaft besorgte Menschen zu ködern. Deren Sorgen muss professioneller Journalismus ernst nehmen und ihnen Raum im gesellschaftlichen Diskurs geben, sie also solcher Propaganda nicht einfach überlassen.

Faktenchecks

Kernproblem ist die bewusste Fehlinformation. Darin liegt in einer Krise, wie wir sie durch Covid-19 erleben, die große Herausforderung, weil hier Desinformation ganz rasch und unmittelbar die öffentliche Gesundheit und das öffentliche Handeln gefährden kann. Es ist gut, dass viele Medienhäuser ihre Anstrengungen nochmals verstärkt haben und immense Ressourcen in Faktenchecks stecken, um insbesondere in sozialen Medien kursierende, irreführende Behauptungen über die Pandemie zu entkräften.

Wie Desinformation genau aussieht und wie sie wirkt, hat ein Wissenschaftlerteam des Reuters Instituts der Universität Oxford anhand einer Stichprobe von 225 von Faktenprüfern identifizierten Fehlinformationen zu Covid-19 analysiert (mehr dazu auch hier). Die meisten waren recht schlicht gebaut: Meistens (59 Prozent) wurden wahre, verdrehte und aus dem Zusammenhang gerissene Informationen kombiniert; sie machten zudem 87 Prozent der Social Media-Interaktionen aus. 38 Prozent der Desinformationsbeispiele waren erfunden, aber leicht durchschaubar. Komplexe Formen von Fehlinformationen, bei denen Deep Fakes oder andere KI-basierte Instrumente eingesetzt wurden, haben die Forscher nicht gefunden. Thematisch bezog sich der größte Teil (39 Prozent) auf irreführende oder falsche Behauptungen über die Handlungen oder die Politik von Behörden, einschließlich von Regierungen und internationalen Organisationen wie der WHO oder der UNO.

Keine große Bühne geben

Aufhorchen lässt der Faktor Prominenz: Nur 20 Prozent der Falschinformationen kamen von bekannten Personen, aber diese liefen zu 70 Prozent auf sozialen Medien. Hier kann Journalismus ansetzen, indem gerade den bekannten unter den Desinformationsverbreitern bewusst keine weiteren großen Bühnen gegeben wird – in Deutschland bezöge sich dies zurzeit vor allem auf einen Koch, einen Sänger, eine ehemalige Nachrichtensprecherin und einen ehemaligen Radiojournalisten.

Die Social-Media-Plattformen haben auf die Mehrheit der von Faktenprüfern als falsch eingestuften Beiträge reagiert, indem sie diese entfernt oder Warnhinweise angebracht haben, mit allerdings erheblichen Unterschieden: Twitter beließ 59 Prozent der als falsch eingestuften Postings auf der Seite, YouTube nur 27 Prozent, Facebook 24 Prozent.

Der Kognitionswissenschaftler John Cook (Universität Fairfax, USA) hat gemeinsam mit Kollegen (Universität Queensland, Australien) die Folgen von Desinformation bezogen auf den Klimawandel untersucht. Die Desinformation habe unter den Menschen derart Verwirrung gestiftet, dass manche Maßnahmen zur Eindämmung der Erderwärmung blockiert worden seien. Je weniger die Menschen sich auskennen, desto eher seien sie anfällig für einfache Erklärungen und irreführende Informationen. Deshalb empfiehlt Cook eine „Impfung“, um den Einfluss von Fehlinformationen „wirksam zu neutralisieren“ und Abwehrkräfte zu mobilisieren. Indem man Menschen die trügerische Argumentation manipulativer, wissenschaftliche Evidenz verleugnender, irreführender und teils auch verschwörungstheoretischer Behauptungen erkläre, impfe man sie dagegen, Fehlinformationen zu erliegen.

Behauptungen von Klimawandelleugnern dekonstruieren

Cooks Team dekonstruierte und widerlegte 42 besonders häufige Behauptungen von Klimawandelleugnern, identifizierte versteckte Prämissen und mehrdeutige Wortwahl. Das Team erarbeitete daraus eine Ressource für Kommunikatoren und Pädagogen, mit der sie kritisches Denken und ein Grundverständnis der Klimawissenschaft lernen sowie lehren können. Da diese Form der „Impfung“ auf der Grundlage von allgemeinen Methoden des kritischen Denkens erfolge, sei sie gerade für jene gut zugänglich, denen es an Fachwissen in der Klimawissenschaft fehlt.

Das Onlineportal „Klimafakten“ hat Cooks Ansatz als „PLURV“-Modell ins Deutsche übertragen und nennt fünf Hauptmechaniken der Desinformation: Erstens Pseudo-Experten als Quelle relevanter Einwände, zweitens Logikfehler (zum Beispiel werden aus korrekten Informationen falsche Schlüsse gezogen), drittens unerfüllbare Erwartungen an die Wissenschaft („ich kenne keinen Corona-Kranken, also gibt es das nicht“), viertens Rosinenpickerei (Informationen werden bewusst so gewählt, dass sie die eigene Position stützen), und fünftens Verschwörungsmythen (Unterstellung geheimer Bünde, Absichten, Machenschaften).

Wer diese Mechaniken versteht und erkennt, geht verzerrten Informationen nicht auf den Leim und schützt sich damit selbst. Ein darin geschultes Medienpublikum kann im Schulterschluss mit den Faktencheckern in Medienhäusern und in anderen Institutionen eine gesunde Debattenkultur, eine konstruktive Krisenbewältigung und ein besseres Miteinander in der Gesellschaft fördern.

 

Erstveröffentlichung: derstandard.at vom 10. Juni 2020

Bildquelle: Flickr CC, photoheuristic.info: Warning against digital dictatorship; Lizenzbedingungen: https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/

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