„Post Truth“-Debatte: Wo die Wahrheit hinfällt

14. Januar 2022 • Qualität & Ethik, Top • von

Die Wahrnehmung von Massenmedien als epistemische Instanz schreibt diesen eine Rolle zu, die sie in Zeiten divergierender „Realitäten“ – in der „Post-Truth-Ära“ – nicht mehr einnehmen können: die der Wahrheitsfinder. Ein angepasstes Verständnis von der Aufgabe der Massenmedien in Zeiten pandemischer und wahlpolitischer Wahrheitsdebatten umreißen Asimina Michailidou (Universität Oslo) und Hans-Jörg Trenz (Scuola Normale Superiore) in einem Artikel in der Fachzeitschrift Media, Culture & Society.

Einige Debatten erscheinen scharfkantig – ohne Schnittmengen – in schwarz und weiß unterteilt. Aufgabe von Journalisten sei es, im grauen Bereich als Mediatoren zu agieren, schreiben Michailidou und Trenz.

Michailidous und Trenz‘ Essay erschien kurz vor einer Zeit, in der ein 10 Milliarden US-Dollar teures Teleskop ins All geschossen wurde, um – wortwörtlich – die Wahrheit des Universums ans Licht zu bringen, in der sich ein politisch motivierter Überfall auf das Parlamentsgebäude einer der größten und mächtigsten Demokratien der Erde jährt und in der eine apokalyptische Filmkomödie in aller Munde ist, die das Ende eines Planeten durchspielt auf dem niemand auf die Wissenschaftler hört. Dies ist sicherlich Zufall, aber eben auch ein passender Zufall. Denn all diese Ereignisse haben gemein, dass sie mit Wahrheit im weitesten Sinne zu tun haben: sie zu finden versuchen, sie gefälscht zu glauben, sie vorherzusagen. Gleichzeitig eint alle drei – den Start des James-Webb-Teleskops, den Sturm aufs US-Kapitol am 6. Januar 2021 sowie den kürzlich erschienenen Film „Don’t Look Up“ –, dass sie die Aufmerksamkeit der Medien weltweit auf sich zogen und diese gleichzeitig mit einem Dilemma konfrontierten: das Einstehen für eben nur eine Realitätsauffassung impliziert scheinbar das Ablehnen anderer.

Aktuelle Debatten und das politische Klima in vielen Ländern beweisen, dass diese Realität längst nicht zwangsläufig von allen Beteiligten als Wahrheit akzeptiert wird. Hier setzen Michailidou und Trenz in ihrem Artikel an: Journalisten können nicht als Wahrheitswächter („truth keepers“) verstanden werden. Ihre Aufgabe muss sein, sich jener Wahrheit anzunähern, die einer empirischen Überprüfung am ehesten standhalten kann. Bringt man den Aspekt des Medienvertrauens in diese Überlegungen mit ein, erscheint diese Aufgabe umso schwerer. In Zeiten politisch radikalisierter Stimmen und offen zum Ausdruck gebrachtem Misstrauen in öffentliche Institutionen bedarf es einer grundlegenden ideologischen Neudefinition der Aufgabe des Journalismus: vom Berichten der Wahrheit hin zur Mediation von Fakten.

„Wahrheit“ ist relativ

In seinem Buch „The Knowledge Machine: How Irrationality Created Modern Science” (2020) führt der Autor, der Philosophie-Professor Michael Strevens, ein Beispiel an, das verdeutlicht: Überall dort, wo im Flickenteppich der Empirie Daten und Informationen fehlen, gibt es mehrere plausible Realitäten. Bis ins 19. Jahrhundert hinein stritten sich Wissenschaftler über die Eigenschaften von Wärme. Die Anhänger des Franzosen de Lavoisier hielten Wärme für ein unsichtbares Element, eine Art unaufhaltbare Flüssigkeit. Das ist die kalorische Theorie. Die Anhänger der kinetischen Theorie (welche sich bekanntlich durchgesetzt hat) hingegen verstanden Wärme als Bewegung auf molekularer Ebene. Bis zu jenem Tag jedoch, an dem de Lavoisiers Vorstellungen widerlegt werden konnten, galt die kalorische Theorie – Wärme als Flüssigkeit, was für uns heute aberwitzig klingt – als legitim, als potenziell wahr, aber eben noch unbewiesen.

Worauf kann man anhand dieser Anekdote nun im journalistischen Kontext schließen? Dass auch hier Ideen, Vorstellungen und Argumente zu verschiedensten Problemen und Debatten gegeneinander abzuwägen sind. So passiert es aktuell mit den politischen Maßnahmen gegen die Ausbreitung von Sars-CoV-2, mit der Diskussion um die Covid-19-Impfung und mit der Debatte um die Existenz eines Klimawandels.

Jetzt müssten sich Leser, die sich ansatzweise regelmäßig über die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse zu den obigen Themen informieren, fragen, was es da denn noch zu abzuwägen gibt, wenn sich nahezu alle ernstzunehmenden Wissenschaftler einig sind, dass Pandemie und Klimawandel existieren (und vor allem passieren) und dass Impfstoffe gegen Covid-19 deutlich mehr Vor- als Nachteile mit sich bringen.

Sind die Rechten schuld?

Der Film „Don’t Look Up”, der erst vor wenigen Wochen auf der Streaming-Plattform Netflix veröffentlicht wurde, thematisiert, was Michailidou und Trenz die „Erosion der Vertrauenswürdigkeit von Nachrichten und des Konsens über demokratische Werte“ nennen. Ein Komet droht die Erde zu zerstören. Wissenschaftler warnen die US-Regierung vor der bevorstehenden Apokalypse. Es werden keine Maßnahmen ergriffen, stattdessen spielt man die Gefahr herunter. Selbst übereinstimmende wissenschaftliche Evidenz kann die Leugner nicht überzeugen. „Is the comet a hoax?“, fragt jemand im Film. Das weckt Erinnerungen: “Ist Covid ein Schwindel?”, hörte man nicht selten zum Beispiel von Anhängern des ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump.

Doch sind Annahmen wie diese – dass es kein Virus gibt; dass sich die Erde nicht unnatürlich schnell erhitzt – bereits Beweise für die so häufig beschworene „Fake-News-Pandemie“? Nicht unbedingt, schreiben Michailidou und Trenz, die den Begriff „Fake News“ kritisch sehen. „Verschwörungstheorien, Desinformation und digital verbreitete Propaganda finden überwiegend bei Wählern aus dem rechtsextremen politischen Spektrum Anklang“, so die Autoren, die sich dabei auf das Buch „Computational Propaganda“ von Philip N. Howard und Samuel C. Woolley (2018) stützen. Gleichzeitig seien die sogenannten digitalen Echokammern, in denen sich Ansichten und Meinungen einer bestimmten Gruppe isoliert von externen Argumenten gegenseitig als Nährboden dienen, ein eher begrenzt nachweisbares Phänomen (nach Karlsen, Steen-Johnson, Wollebæck et al., 2017: Echo chamber and trench warfare dynamics in online debates). Faktoren, die viel mehr zur „Verbreitung unbewiesener Behauptungen und voreingenommener Quellen“ beitragen, seien hingegen „die Mainstream-Medien und ihre Clickbait-Strategien sowie der Mangel an aufwändigen Investigativ-Recherchen und Analysen“. In dieser Hinsicht, so die beiden Autoren, müsse der Journalismus selbst als „Hauptbösewicht“ der Post-Truth-Ära verstanden werden.

Neues Verständnis von „Fake News“

Doch würden sich jene, die das Vertrauen in die Medien verloren haben, wirklich noch auf die Performanz der Journalisten verlassen oder liegen die wahren Gründe für ihre Positionierung nicht eher in sozialen und sozioökonomischen Prädispositionen? Gleichzeitig muss man sich fragen, ob die individuellen Lebensrealitäten dieser Menschen, in denen sie sozialisiert wurden und die aus ihrer subjektiven Sicht plausibel sind, ihrerseits als Virus („Fake-News-Pandemie“) dargestellt werden sollten, das es auszumerzen gilt.

Die erste Frage gilt es im nächsten Absatz zu diskutieren. Auf die zweite Frage haben Michailidou und Trenz eine unkonventionelle Antwort: Sie verstehen die sogenannten „Fake News“ als „Parasit einer funktionierenden Öffentlichkeit“ und ihre Verbreitung als einen Indikator für die Redefreiheit und dafür, wie weit eine Gesellschaft von autoritärer Medienpolitik entfernt ist.

Virus oder Parasit – das sind bei Weitem nicht die gleichen Dinge. „Fake News“ als Parasiten beweisen, dass eine Öffentlichkeit strenggenommen funktioniert. Michailidou und Trenz dazu: „Auch wenn es ihr [gemeint sind „Fake News“] primäres Ziel ist, das Vertrauen in die Demokratie zu untergraben, sind sie immer noch insofern auf die Infrastruktur der Öffentlichkeit angewiesen, als dass sie selbst ihre Behauptungen als vertrauenswürdig darstellen müssen.“ Desinformation funktioniert hier also in etwa wie das Kontrastmittel in der Kernspintomographie: Die Substanzen sind systemfremd und tragen nicht zur natürlichen Funktion des Systems bei, jedoch erlauben sie ein schärferes Gesamtbild, lassen kleinste Arterien kontrastreicher erscheinen und können – krempelt man diese Analogie nun wieder auf die Medienwissenschaften um – als Indikatoren für die Forschung bestimmte Kommunikationswege und Informationsflüsse im digitalen Chaos besser nachvollziehbar machen – seien diese der informierten Demokratie nun sonderlich zuträglich oder nicht.

Laut der Autoren des Artikels setze die Tatsache, dass „Fake News“ auf bestimmte Pfade in der Infrastruktur der Öffentlichkeit angewiesen sind, auch voraus, dass sich selbst Anhänger dieser Desinformationen mit eben dieser Öffentlichkeit auseinandersetzen müssten: „[‚Fake News‘] erfordern eine kritische Auseinandersetzung mit Nachrichten und setzen ein Publikum voraus, das kritische Distanz einnimmt und die Wahrheit hinterfragt.“ Vor dem Hintergrund der Annahme von Meinungsführerschaften – die vor allem in populistischen Kreisen existieren: der Rechtsradikale Attila Hildmann, die AfD , Ex-US-Präsident Donald Trump – ist diese Behauptung jedoch fraglich. Es sind bestimmte Vordenker(-gruppen), die Informationen aus dem Kontext reißen, verfälschen oder unzulässig kürzen und dann an ihr Publikum weitergeben. Dieses Publikum selbst setzt sich nicht unbedingt mit den Quellen der ursprünglichen Information auseinander – zumal die Kommunikationswege häufig divergieren, das heißt, dass beispielsweise Bildschirmfotos aus dem Fernsehen oder Fotos von Zeitungsartikeln auf Plattformen wie Facebook landen. Und der Weg von Facebook zur Tagesschau ist dann für einige Nutzer doch eher lang.

Studien des Think Tanks dpart kommen zwar zu dem Ergebnis, dass der Anteil der Deutschen, die an Verschwörungsmythen im Kontext von Covid-19 glauben, in einem gewissem Zeitraum von 14 Prozent (Frühjahr 2020) auf 9 Prozent (Frühjahr 2021) geschrumpft ist, dennoch stellt sich die Frage: Wieso kann ein Journalismus, der sich auf Daten stützt, die sich in internationalen unabhängigen Reviews immer wieder als empirisch belastbar herausstellen, dieses gewisse knappe Zehntel der Bevölkerung nicht davon überzeugen, dass die Pandemie real bzw. nicht politisch inszeniert ist?

Die Antwort findet sich womöglich in der Kritik am linearen Kommunikationsmodell, das prominent von Harold Dwight Lasswell in der nach ihm benannten Lasswell-Formel notiert wurde: Wer sagt was in welchem Kanal zu wem mit welchem Effekt? Es gleicht dem Kinderspiel ‚Stille Post‘: Der Kanal als Black Box gibt nicht unbedingt dieselbe Information heraus, die durch ihn gesendet wurde. Diese ‚Dissonanz‘ ist natürlich und beweist, dass Kommunikation eben nicht feststehend ist; dass – so schreiben Michailidou und Trenz – in Lasswells Formel ein entscheidendes Element nicht zum Ausdruck kommt: die Einflussfaktoren „Kultur, Politik und Gesellschaft“. Und weiter: „Vertrauen ist somit nicht mehr als medialer Output zu verstehen, der aus informierten Inputs resultiert, sondern als ein komplexes Rückkopplungsverhältnis [zwischen Produzenten und Konsumenten]“. Oder etwas profaner ausgedrückt: Auch das hundertste Interview mit einem promovierten Top-Virologen wird einen bestimmten Teil der Bevölkerung nicht dazu bringen, seine Meinung zu überdenken – zumal vor dem Hintergrund des Phänomens der kognitiven Dissonanz davon auszugehen ist, dass diese Gruppe das betreffende Medium womöglich überhaupt gar nicht rezipiert oder – wenn doch – an die eigene Weltsicht angepasst interpretieren wird. Der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) hat das in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung jüngst selbst formuliert: „Die Menschen, über die wir jetzt sprechen, sind der festen Überzeugung, dass sie die Wahrheit wissen, und über die sozialen Netzwerke werden sie darin andauernd bestätigt.“

Das – aus demokratietheoretischer Sicht anzustrebende – Vertrauensverhältnis zwischen Volk und Institutionen ist in autoritären Systemen auf den Kopf gestellt: Misstrauen ist hier funktional, Vertrauen dysfunktional. Michailidou und Trenz schreiben mit Verweis auf die Wirtschaftswissenschaftlerin Shoshana Zuboff beispielsweise: „Misstrauen gegenüber Medienprodukten und journalistischer Leistung ist auch Teil einer neuen Oppositionsbewegung gegen den globalen Überwachungskapitalismus.“ Misstrauen sei nicht unbedingt negativ und Vertrauen nicht unbedingt positiv. Ersteres könne ein Akt politischen Widerstands gegen autoritäre Verhältnisse sein, Letzteres Nährboden für ideologische Hegemonie in Kultur und Politik.

Das Ziel: Der Weg zur Wahrheit

Wieso ließen sich also die Menschen, die am 6. Januar 2021 das US-amerikanische Kapitol stürmten, weil sie der Meinung waren, der heutige US-Präsident Joe Biden habe das Wahlergebnis zu seinen Gunsten gefälscht, nicht von den unzähligen Berichten über Nachzählungen und Überprüfungen der Ergebnisse überzeugen? Wieso gibt es weltweit noch immer Menschen, die sich – ohne einen plausiblen Grund zu nennen – einer Impfung gegen Sars-CoV-2 verweigern, obwohl die Zahlen nahelegen, dass der Impfstoff zuverlässig gegen einen möglicherweise tödlichen Verlauf von Covid-19 schützt? Wieso ‚glauben‘ die Menschen im Film „Don’t Look Up“ nicht an einen Kometen, der direkt über ihren Köpfen auf die Erde zurast?

Es sind unzählige Faktoren, die die Antwort auf diese Frage liefern. Eher nicht anzunehmen ist, dass der Grund darin liegt, dass die deutschen Leitmedien unzureichende Informationsarbeit leisten. Doch angesichts ebendieses Geflechts sozialer, kultureller und häufig auch ganz persönlicher Einflüsse muss der Journalismus sein Rollenverständnis umdefinieren: Es geht laut Michailidou und Trenz nicht mehr darum, einer gewissen Leserschaft kontinuierlich die Wahrheit zu servieren, sondern darum, eine „gemeinsame erkenntnistheoretische Grundlage zwischen Wahrheitsfindern und ihrer Öffentlichkeit“ („shared epistemology among the truth finders and their publics“) zu schaffen.

Die Vertreter der kinetischen Wärmetheorie hat es Jahre und einige Experimente gebraucht, um de Lavoisiers kalorische Theorie zu widerlegen. Lange Zeit hatten beide Gruppen „recht“, nur wusste keine der beiden so genau, wieso – bis irgendwann Weg der Wahrheitsfindung, auf den man sich geeinigt hat, zur Erkenntnis führte.

 

Michailidou, A., & Trenz, H.-J. (2021). Rethinking journalism standards in the era of post-truth politics: from truth keepers to truth mediators. Media, Culture & Society, 43(7), 1340–1349. https://doi.org/10.1177/01634437211040669.

 

Ferner:

Strevens, M. (2020). The Knowledge Machine. How Irrationality Created Modern Science. New York: Liveright Publishing Corporation.

 

Beitragsbild via unsplash.com

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