Schweiz: Die Corona-Krise und die Medien

18. Juni 2020 • Aktuelle Beiträge, Qualität & Ethik • von

Die Corona-Berichterstattung in der Schweiz durchlief mehrere Phasen. Auf dem Höhepunkt der Krise fokussierten sich die Medien vornehmlich darauf, offizielle Bekanntmachungen zu verbreiten. Das führte zu Kritik, da einigen Medien vorgeworfen wurde, die Regierungslinie nicht zu hinterfragen. Dennoch hielten die meisten Redaktionen an ihrer wenig kritischen Haltung fest.

Nachdem das Virus in China entdeckt wurde, dauerte es noch etwas, bis das Thema in den Schweizer Medien Aufmerksamkeit erlangte. „Zwischen Dezember und Januar wurden Storys über COVID-19 als Auslandsberichterstattung angesehen. Die Epidemie war zu der Zeit noch eine lokale Krise in China. Bei uns spürte man keine Gefahr”, erklärt Philippe Amez-Droz, Dozent an der Universität Genf.

„Nicht alle Medien zeigten sich besorgt”, erinnert sich Pierre Ruetschi, Geschäftsführer des Schweizer Presseclubs in Genf. Das änderte sich jedoch über Nacht – dann, als die Regierung die ersten Restriktionen erließ. „Alle begriffen den Ernst der Lage”, sagt Ruetschi.  „Wir waren nicht mehr sicher. Von da an war das Virus das Thema Nummer eins.”

Die Berichterstattung wurde noch intensiver, als am 16. März der Lockdown in Kraft trat. „In den darauffolgenden zwei Monaten lag der mediale Fokus auf der Bekämpfung des Virus, sagt Ruetschi. „Während dieser Phase versuchte die Presse vor allem, die Krankheit zu verstehen und die Maßnahmen zu erklären. Das Problem war nur, dass sie die Restriktionen nicht hinterfragte”, sagt er.

Wissen, wie man kritisiert

Der unreflektierte Ansatz der Medien ließ kritische Stimmen laut werden, vor allem in der deutschsprachigen Schweiz. „Während der ersten drei bis vier Wochen der Krise gaben die Medien einfach die Anweisungen der Regierung wieder, ohne diese zu hinterfragen”, sagt Artur Vogel, ehemaliger Chefredakteur der Berner Tageszeitung Der Bund. „Es ist aber nicht ihr Job, Sprachrohr der Behörden zu sein.”

Philippe Amez-Droz merkt an, dass „das Streben nach Unabhängigkeit erst gegen Ende der Krise eintrat”, während „anfangs das Gefühl der Angst dominierte”. Ruetschi betont: „Um zu jener Zeit die Regierungslinie kritisieren zu können, brauchte es fundierte, sehr aussagekräftige Quellen. Wir konnten nicht grundlos Kontroversen heraufbeschwören. Ohne Faktenbasis bestand das Risiko, dass aus Kritik ein bloßer Austausch individueller Meinungen wird.”

In einer digitalen Debatte zur Rolle der Medien in dieser Krise wurde Claude Ansermoz, Chefredakteur der Tageszeitung 24 heures, auf die Kritik an der Presse angesprochen: „Wenn Dinge falsch liefen, übten wir Kritik. Andererseits waren wir als öffentliche Dienstleister für einen Teil des Krisenmanagements verantwortlich.” Serge Michel, Redaktionsleiter von Heidi.news, fügt hinzu: „Unsere Absicht war nicht, um jeden Preis kritisch zu sein. Wir hatten auch die Aufgabe, wichtige Informationen zu verbreiten.”

Ein Abkommen zwischen dem Rundfunksender Radiotelevisione Svizzera (RSI) und der Regierung des Kantons Tessin, die darauf abzielte, dass Journalisten von RSI Botschaften der Behörden verbreiten sollten, stieß auf viel Kritik, blieb jedoch ein Einzelfall.

Ab Mitte Mai taten sich Risse in der anfangs homogenen Berichterstattung zur Krise auf: „Als die Lockdown-Maßnahmen aufgehoben wurden, ließ sich eine Spaltung zwischen den deutsch- und den französischsprachigen Medien erkennen”, sagt Ruetschi. Die deutschsprachige Schweiz, die von der Krise weniger betroffen war, habe großes Interesse daran gehabt, „die Wirtschaft wieder zum Laufen zu bringen – diese Haltung übertrug sich ganz klar in die Medien.”

Neue Ansätze

Inhaltlich gesehen inspirierte die Krise Medien zur Kreativität. TV-Sender ersetzten ganze Sendungen und nutzten dabei oft Material, das ihnen von Zuschauern zugesendet wurde. Die meisten Online-Zeitungen entwarfen spezielle Seiten, die sich nur mit der Krise beschäftigten und live geupdatet wurden. Außerdem gab es vermehrt Seiten mit Daten und Grafiken, Fact-Checking-Artikel und Podcasts.

Darüber hinaus versuchten die Medien, „sich mit den Menschen in Verbindung zu bringen, und blieben dabei sehr faktenbasiert. Zu Beginn der Krise brauchten die Menschen Basisinformationen”, sagt Ruetschi. Verschiedene Verleger entschieden, ihre Inhalte zur Pandemie frei zugänglich zu machen, so zum Beispiel Die Wochenzeitung, die der französischen Unternehmensgruppe ESH Médias angehört, sowie die Tageszeitung Le Temps. Andere Zeitungen, so auch die Neue Züricher Zeitung und der Tages-Anzeiger, machten diesen Schritt nicht, da sie bereits große Einbußen im Werbegeschäft verzeichnet hatten.

Wachsendes Publikum, sinkende Umsätze

Der Rückgang der Werbeeinnahmen, die in einigen Fällen um 95% einbrachen, ist nicht neu – die Krise verstärkte ihn bloß. Gerhard Lob, ein freischaffender Journalist, sagt dazu: „Diese Krise macht ein Problem sichtbar, das es schon seit Jahren gibt.” Der Rückgang der Umsätze führte dazu, dass Zeitungen mit weniger Seiten erschienen und viele Redaktionen auf Kurzarbeit umstiegen.

Journalisten, die für die TX-Gruppe (Tages-Anzeiger, Der Bund, Basler Zeitung, 24 heures, Tribune de Genève u.a.) arbeiten, mussten auf 20% ihrer Wochenstunden verzichten. Bei den Lokalzeitungen waren es noch mehr: 30% bei Le Nouvelliste und ArcInfo. Der Verlag CH Media (Aargauer Zeitung, Luzerner Zeitung, St. Galler Tagblatt u.a.) schickte Ende März 2.000 Angestellte in Kurzarbeit.

„Das ist eine trostlose Situation, denn anders als in der Vergangenheit hat die Öffentlichkeit gezeigt, dass sie informiert werden muss und will”, sagt Lob.  „Das spiegelt sich jedoch nicht im Umsatz wider.” Die Pandemie brachte einen spektakulären Anstieg der Publikumszahlen mit sich, vor allem zu Beginn der Krise: Die Nachrichten des öffentlich-rechtlichen Fernsehens erreichten 80% Marktanteil. Le Temps verzeichnete eine Verdreifachung der Online-Leser.

 

Dies ist eine leicht abgeänderte Version des Originaltextes, der auf der französischen EJO-Seite erschienen ist: “Comment les médias suisses ont-ils couvert la crise du coronavirus?”

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