Vergessene Welten in der Corona-Pandemie

9. August 2021 • Forschung aus 1. Hand, Qualität & Ethik, Top • von

Wie eine Analyse zeigt, spielt in der ARD-Berichterstattung über die Corona-Pandemie der Globale Süden nur eine untergeordnete Rolle.

Es gibt wohl kaum einen Ort auf der Welt und kaum einen Bereich des Lebens, der von den Auswirkungen der Corona-Pandemie unbeeinflusst geblieben ist. Umso wichtiger ist die Frage, wie die Medien, in denen die Pandemie dominierte, mit diesem Thema umgingen und insbesondere auch, ob geografisch ausgewogen berichtet wurde. Ein großer Teil der Betroffenen lebt im Globalen Süden, dessen medizinische und wirtschaftliche Möglichkeiten im Vergleich zum „Westen“ sehr begrenzt sind, um den Folgen der Pandemie zu begegnen.

Eine Auswertung der Berichterstattung der wichtigsten deutschsprachigen Nachrichtensendung, der „Tagesschau“ um 20:00 Uhr, zeigt, dass im Jahr 2020 fast die Hälfte der Sendezeit (ohne Sport und Wetter) auf das Virus und seine Auswirkungen entfiel – im Zuge der ersten Corona-Welle waren es im April des Jahres sogar ca. 80 % (Abb. 1).

Abb. 1: Verteilung der Sendezeit in der „Tagesschau“-Hauptsendung 2020 (ohne Sport und Wetter)

 

An 224 von 366 Tagen war in der „Tagesschau“ die Pandemie das Topthema des Tages. Wichtig ist dabei aber zu differenzieren und aufzuschlüsseln, über welche geografischen Räume im Zusammenhang mit dem Corona-Virus berichtet wurde, denn lediglich ein Bruchteil der Sendezeit entfiel auf die Staaten des Globalen Südens. In der Tat berichtete die „Tagesschau“ in etwa nur 5 % ihrer Sendezeit, in der sie sich mit der Pandemie beschäftigte, über den Globalen Süden (Abb. 2), und hier v.a. über China.

Abb. 2: Verteilung der Sendezeit über die Corona-Pandemie in der „Tagesschau“-Hauptsendung 2020

 

Etwa zwei Drittel der Pandemie-Sendezeit widmete sie den Entwicklungen in Deutschland, ca. 29 % dem zum Globalen Norden gehörenden Ausland (v.a. der EU bzw. den europäischen Staaten und den USA). Eine Karte mit der Anzahl der Berichte, in denen die jeweiligen Länder erwähnt wurden, verdeutlicht, wie intensiv die mediale Vernachlässigung des Globalen Südens im Jahr 2020 ausfiel (Abb. 3).

Abb. 3: Anzahl der Berichte, in denen die jeweiligen Staaten in der „Tagesschau“-Hauptsendung im Jahr 2020 erwähnt wurden

 

Mediale Vernachlässigung von Katastrophen im Globalen Süden

Dabei machten zahlreiche Hilfsorganisationen und Institutionen auf die dramatische Lage im Globalen Süden aufmerksam und warnten vor massiven Auswirkungen der Corona-Pandemie.

Die „Welthungerhilfe“ z.B. wies darauf hin, dass „[s]owohl das Virus selbst als auch die damit einhergehenden Beschränkungen […] zum Hungertod von mehr als 10.000 Kindern pro Monat führen“ könnten und machte darauf aufmerksam, dass diese „stille Tragödie“ zunehmend in den Hintergrund rückte. Der „Tagesschau“-Beitrag, der in der Sendung vom 28. Juli die Warnung von UNICEF thematisierte, dass durch die Pandemie zusätzlich 6,7 Mio. Kinder bis zum Ende des Jahres unter akuter Mangelernährung leiden könnten, dauerte allerdings lediglich 25 Sekunden. Auch der Beitrag über den Welternährungsbericht zwei Wochen zuvor, in dem darauf hingewiesen wurde, dass die Gesamtzahl der Hungernden infolge der Auswirkungen des Virus im Laufe des Jahres um 130 Mio. Menschen auf dann 820 Mio. steigen könnte, war nur 35 Sekunden lang. Symptomatisch für den nachrangigen Stellenwert, den der Globale Süden in der Verteilung der Berichte einnimmt, ist wohl auch, dass der Beitrag über die Vergabe des Friedensnobelpreises an das „World Food Programme“ (WFP), das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen, am 9. Oktober als letzter von insgesamt 8 Beiträgen an diesem Tag ausgestrahlt wurde.

Die Berichterstattung der „Tagesschau“ stellt keine Ausnahme dar. Im Jahr 2020 wurden 74 „ARD-Extra“-Sondersendungen zur Corona-Lage in Deutschland ausgestrahlt. Die Pandemie-Situation in den Ländern des Globalen Südens und zahlreiche andere Katastrophen, die sich dort ereigneten, wurden in den Medien dagegen nur marginal behandelt oder erst gar nicht berücksichtigt. Hierzu gehört z.B. die Hungersituation im Jemen, wo laut Angaben des Hilfsbündnisses „Aktion Deutschland Hilft“ bereits Mitte des Jahres über 80 % der Bevölkerung auf Lebensmittelhilfe angewiesen waren. Weder der Super-Zyklon „Amphan“, der im Mai 2020 Küstenregionen von Indien und Bangladesch verwüstete und von dessen Auswirkungen bis zu 60 Mio. Menschen betroffen waren, noch der Hurrikan „Iota“, der im November in Mittelamerika (v.a. in Nicaragua) zahlreiche Opfer forderte und Schäden in Milliardenhöhe hinterließ, wurden in der „Tagesschau“-Hauptsendung signifikant berücksichtigt. Ebenso verhielt es sich mit den Überflutungen im erst kurz zuvor von Heuschreckenschwärmen heimgesuchten Osten Afrikas im Frühjahr 2020, in deren Folge allein in Kenia über 150.000 Menschen ihre Heimat verlassen mussten. Und obwohl seit November 2020 in der Region Tigray in Äthiopien ein Bürgerkrieg stattfindet, widmete die „Tagesschau“ dem afrikanischen Land, in dem etwa 110 Mio. Menschen leben, von den im Jahr 2020 insgesamt knapp 3.200 ausgestrahlten Berichten (ohne Sport und Wetter) lediglich 12 Beiträge.

Deutlich wird die massive Vernachlässigung des Globalen Südens beim Vergleich der Anzahl der Berichte, in denen die entsprechenden Staaten erwähnt wurden (Abb. 4). Während z.B. Irland, das ca. 5 Mio. Einwohner zählt, im Jahr 2020 in 21 Berichten der „Tagesschau“ Erwähnung fand, wurde Bangladesch mit ca. 165 Mio. Einwohnern in lediglich 9 Beiträgen berücksichtigt. Bei Nigeria (ca. 214 Mio. Einwohner) waren es lediglich 6 Beiträge, bei Indonesien, das mit ca. 271 Mio. Einwohnern der viertbevölkerungsreichste Staat der Welt ist, sogar nur 5. Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang das Verhältnis von Bevölkerungszahl und der Anzahl der Berichte: So kommt bei Irland z.B. auf etwa 240.000 Einwohner ein Bericht in der „Tageschau“, bei Äthiopien sind es dagegen ca. 9,3 Mio. Einwohner, bei Bangladesch 18,3 Mio. und bei Indonesien sogar 54,2 Mio.

Abb. 4: Anzahl der Berichte, in denen ausgewählte Staaten des „Westens“ und Globalen Südens in der „Tagesschau“-Hauptsendung im Jahr 2020 erwähnt wurden und das jeweilige Verhältnis der Bevölkerungs- zur Berichtzahl (Angaben teilweise gerundet)

 

Langfristige Marginalisierung des Globalen Südens

Die massive Vernachlässigung dieser Staaten in der Berichterstattung der „Tagesschau“ im „Pandemie-Jahr“ 2020 stellt den bisherigen Höhepunkt einer permanenten medialen Marginalisierung des Globalen Südens dar. Dies macht eine im Jahr 2020 publizierte Langzeitstudie mit dem Titel „Vergessene Welten und blinde Flecken“ deutlich, in der u.a. über 5.100 Sendungen der „Tagesschau“ aus den Jahren 1996 und 2007 bis 2019 sowie Berichte in deutsch-, englisch- und französischsprachigen Leitmedien untersucht wurden.

 

Die vollständige Studie, eine Videozusammenfassung sowie Informationen zu einer auf der Untersuchung beruhenden Poster-Wanderausstellung können kostenlos auf folgender Internetseite eingesehen bzw. heruntergeladen werden: www.ivr-heidelberg.de

 

Zum Thema auf EJO: Vergessene Welten und blinde Flecken

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