Computer schreibt, Redakteur liest

3. Dezember 2019 • Aktuelle Beiträge, Digitales, Internationales • von

In Kooperation mit der Tschechischen Nachrichtenagentur (ČTK) arbeiten tschechische Forscher an einer künstlichen Intelligenz, die Informationen aus Agenturnachrichten in eigenständige Artikel einarbeiten kann.

Schon seit langer Zeit arbeiten Redaktionen mit künstlicher Intelligenz (KI) und übergeben damit grundlegende Aufgaben an Maschinen: Datenmanagement, Fact Checking, die Erstellung von Grafiken. Die KI schafft es auch, die Verbreitung von Informationen präzise zu steuern – und entlastet damit die Redakteure. Doch auch deren Kernarbeit scheint mehr und mehr in den Zuständigkeitsbereich der Computer zu fallen: Die Zahl der Programme, die fähig sind, eigenständig journalistische Nachrichten zu verfassen, steigt stetig. Doch bekanntlich ist die Maschine nie schlauer als ihr Erfinder. Auf dem Weg zu vollautomatisierten Redaktionen braucht es noch einiges an Forschung.

Bekannte Beispiele für KI in Redaktionen sind die Programme Truth Teller (entwickelt von der Washington Post), Wordsmith (entwickelt von Automated Insights, genutzt von der Associated Press, um Nachrichten über US-amerikanischen Markt zu verfassen) und News Tracker (wird von Reuters zur Beobachtung der sozialen Netzwerke genutzt). Das Programm Wibbitz schafft es sogar, innerhalb von kurzer Zeit aus Texten Videos zu generieren. Genutzt wird diese Technik unter anderem von USA Today, der New York Times und Le Figaro. Graphiq erlaubt es seinem Nutzer, anhand künstlicher Intelligenz interaktive Grafiken zu produzieren. Dabei erweist sich das Programm als besonders effektiv: Es arbeitet schnell, kostengünstig und ganz ohne menschliche Aufsicht.

Mangelnde Infrastruktur in tschechischen Redaktionen

In  Tschechien hatte die Nutzung der KI im Journalismus zu Anfang Anlaufschwierigkeiten. Václav Moravec, Leiter des Zentrums für Künstliche Intelligenz im Journalismus (CAIJ) an der Prager Karls-Universität, kann die Gründe dafür erklären: „Die schlechte Ausstattung vieler Redaktionen verhindert die ausgeweitete Nutzung von KI-Journalismus. Die Kapazitäten sind begrenzt.” Es sei eine Herausforderung, die digitalen und die traditionellen Medien zusammenzubringen, sagte Moravec dem EJO.

Das CAIJ ist Teil des Instituts für Journalismus an der Karls-Universität. Sein Forschungsschwerpunkt liegt in der Anwendung von KI im Journalismus und deren gesellschaftlicher Auswirkung. Dem Team um Václav Moravec stehen auch Mittel zur Entwicklung von KI-Programmen, die Nachrichten auf Tschechisch verfassen sollen, zur Verfügung.

KI berichtete bereits über Wahlen

In den tschechischen Redaktionen verfasst die KI noch keine eigenständigen Nachrichten. Versuche mit automatisierten Inhalten und Textvorlagen, die vom Programm mit entsprechenden Daten ergänzt werden, hat es jedoch bereits gegeben. Diese Technik soll vor allem in zahlenlastigen Bereichen wie Finanzen, Sport und Wahlen angewendet werden.

Die Tschechische Nachrichtenagentur (ČTK) hat diese Art von Software bereits für die Berichterstattung über die Senats- und Kommunalwahlen 2018 genutzt. Die künstliche Intelligenz bezog dabei Daten vom Tschechischen Amt für Statistik und arbeitete diese in Nachrichtentexte ein.

„Wir haben drei verschiedene Textvorlagen für erstellt, auf deren Grundlage dann automatisch Nachrichten generiert wurden”, erklärte Jan Kodera, technischer Direktor der ČTK dem EJO. Daten des Statistikamtes, beispielsweise Informationen zu Wahlkreisen, Kandidaten und Städten, seien in das Programm importiert und „im richtigen Moment mit einer der Vorlagen kombiniert worden, um dann eine neue Nachricht melden zu können.” Die KI habe ihre Arbeit aber erst aufgenommen, nachdem bereits die Hälfte der Stimmen ausgezählt und das Wahlergebnis relativ deutlich war. „Als dann die Endergebnisse bekannt gegeben wurden, ließen wir einen umfassenden Bericht über die Wahlen generieren”, sagt Kodera.

Das System verlinkte alle Inhalte aus der Feder der KI automatisch mit Artikeln, die von Redakteuren geschrieben wurden. Dabei war das Programm fähig, Daten und Informationen von bereits bestehenden Inhalten aufzugreifen und in neue Texte einzuarbeiten. Diese wurden dann – wie üblich – vor Veröffentlichung noch einmal von Redakteuren gegengelesen und korrigiert.

Gebündelte Infos aus dem Computer

In Kooperation mit der ČTK arbeiten tschechische Forscher an einer künstlichen Intelligenz, die Informationen aus Agenturnachrichten in eigenständige Artikel einarbeiten kann.

„Wir haben uns dazu entschieden, das Programm zusammenfassende Artikel erstellen zu lassen”, erklärte CAIJ-Leiter Moravec dem EJO. „Die ČTK nutzt dieses Format, um die wichtigsten Informationen zu einem Thema zu bündeln… Für Redakteure bedeutet das meistens einen großen Zeitaufwand und viel Arbeit.” Die tschechische Agentur veröffentlicht täglich eine Vielzahl solcher Zusammenfassungen, in deren Produktion viele Mitarbeiter eingebunden sind. Durch künstliche Intelligenz könnten Redakteure auch in diesem Bereich entlastet werden. Der Weg hin zum automatisierten Newsdesk geht also einher mit effizientem Ressourcenmanagement.

IT-Experten der Westböhmischen Universität in Pilsen (ZČU) experimentierten mit einem Programm, das eine Zusammenfassung von Informationen aus ČTK-Nachrichten generieren sollte. Dabei arbeiteten sie mit zwei Methoden: die Extrahierung und die Abstrahierung, wobei erstere bloß die Kerninformationen aus den Nachrichtentexten entnimmt und zu einer Übersicht umformt, während bei der Abstrahierung versucht wird, einen Text zu generieren, der einer natürlichen Sprache möglichst nahe kommt. Jedoch konnten die Forscher mit keiner der beiden Methoden zufriedenstellende Ergebnisse erzielen. Jakub Sido, einer der IT-Experten der ZČU, vermutet als einen Grund dafür, dass die vorhandenen Daten den hohen Ansprüchen einer solch komplexen Aufgabe nicht genügten. Dem EJO erklärte er, dass man das Problem lösen könne, indem die Anforderungen an das Programm in Zukunft verringert werden.

KI erzielt erste Erfolge

Tatsächlich hat sich ein zweites Experiment der ZČU im Herbst 2019 als erfolgreich erwiesen. Ziel war es, Finanzberichte automatisch zu generieren. Die entsprechenden Daten bezogen die Forscher von der Prager Börse.

„Wir arbeiteten mit Textvorlagen, die auf Berichten der ČTK basieren”, erklärte Sido dem EJO. „Der Computer analysiert dann Sätze aus bereits geschriebenen Nachrichten.” Anhand lernender KI und künstlichen neuronalen Netzwerken versuchten die Wissenschaftler, auch die Erstellung der Textvorlagen auf Grundlage von älteren Berichten zu automatisieren. Das Ergebnis ist ein Programm, das, gespeist von Daten der Prager Börse, eigenständig Finanznachrichten verfassen kann. „Unsere Algorithmen sind fähig, in Sekundenschnelle Nachrichten samt Überschrift und Teaser zu schreiben”, wird Moravec in einer Pressemitteilung der ČTK zitiert. Das Programm könne zwischen sieben Arten der Darstellung auswählen – und das alles ohne die Hilfe von Journalisten.

Künstliche Intelligenz kann die Erstellung und Verbreitung von Nachrichten also stark beschleunigen. „Die Texte der KI durchlaufen vor Veröffentlichung dieselben Prozesse wie die Beiträge der Redakteure”, erklärte Jan Kodera, technischer Leiter der ČTK. Durch die Anreicherung des Inhalte-Pools mit schnellen Nachrichten, geschrieben von Computern, sollen mehr Nachrichten in kürzerer Zeit veröffentlicht werden können. Jakub Sido blickt optimistisch in die Zukunft der automatisierten Nachrichten: „Es wird funktionieren, und zwar gut”, sagte er dem EJO.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf der englischen EJO-Seite.

Übersetzt aus dem Englischen von Roman Winkelhahn.

 

 

 

 

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