Kriegsreporter – Mythos und Wirklichkeit eines Berufsbildes 

7. November 2019 • Qualität & Ethik, Top • von

Jene, die nicht im Krieg waren, habe ich gelernt, vergeben am ehesten die Bezeichnung Kriegsreporter. Medien in der Heimat sind das. Diese fragwürdige Aufwertung von Berufsgenossen produziert vielerlei Mythen und Missverständnisse. Kriegsreporter wird bereits genannt, wer von kurzen Einsätzen zurückkehrt.

Selbst wenn die Medien dies nur selten zeigen, auch im Krieg gibt es Normalität. Was sich ändert, sind höchstens die Bedingungen: So gehören Bewaffnete am Spielfeldrand zum Alltag, wie hier beim Fußball-Länderspiel zwischen Afghanistan und Pakistan am 20. August 2013. Foto: Martin Gerner

Die Jahre, die ich im Irak, in Nahost, in Afrika, der Türkei und in Afghanistan gearbeitet aber auch gelebt habe, helfen zu verstehen: Krieg ist mehr als nur die ominöse Front. Krieg ist vor allem das Fehlen von Sicherheiten: Der Klang von Drohnen und Geschützen in der Luft. Jungen, die Leichenteile vom Baum holen. Frauen, die hinter Gitter sitzen als Opfer von Vergewaltigungen. Gefängnisinsassen, die sich freikaufen. Staaten, die erpressbar sind aber ebenso korrupt. Regierungen, die sich nicht verteidigen können gegen innere wie äußere Feinde. Wenn der Westen darauf mit militärischer Intervention reagiert, dann vor allem, wenn er seine Ressourcen und seinen strategischen Einfluss in Gefahr glaubt. Dem Militär folgen Entwicklungshelfer*innen, mittlerweile eine eigene Industrie, die mitunter Konflikte auch verschärft. 

Auf beides, das Militär und die Hilfsorganisationen, folgen die Medien, Journalist*innen und Fotograf*innen in den Konflikt. Die „vierte Gewalt“ mutiert dabei erstaunlich oft zum Vehikel offizieller Verlautbarungen. Der Vietnam-Krieg in den 1960er Jahren, das letzte Einfallstor vom Militär zugelassener kritischer Berichterstattung im Krieg, scheint vor allem Jüngeren, wenn überhaupt, nur noch eine blasse Erinnerung. In den heutigen Kriegen dominiert das Embedding die Berichterstattung. Dabei unterstellen sich (Foto-)Journalist*innen den Regeln militärischer Medienführung. Bilder können also jederzeit gelöscht werden. Das macht gefügig. Dafür gibt es Anreise, Unterkunft und Interviewpartner*innen zu Vorzugskonditionen. Ein guter Deal, finden viele Reporter*innen. Eine wichtige Arbeit, meinen sie, weil es um unsere Soldat*innen geht, oder um unsere vermeintlichen Verbündeten. 

Embedding als Regelfall 

Ein Embedding dauert mehrere Tage, selten Wochen. Für Print- und Agenturmedien ist es die Regel. Dies folgt auch ökonomischen Erwägungen. Berichte von außerhalb des Militärs kosten Zeit und Geld, bedürfen erheblicher Recherche und der Hilfe durch lokale Begleiter*innen und Übersetzer*innen. Der journalistische Mehrwert, heißt es gerne aus den Redaktionen, sei fraglich. So bleibt die Bevölkerung des Landes, in das interveniert wird, häufig außen vor und die Zusammenhänge des Krieges geraten aus dem Blickfeld. Al Qaida und Taliban etwa haben in Afghanistan bis heute verschiedene Agenden (globale gegen nationale). Jahrelang aber hat man uns glauben gemacht, sie seien ein und dasselbe. 

Die Medien scheinen sich mit dem Embedding abgefunden zu haben. Die Kritik daran, etwa im zweiten Golfkrieg, währte nur kurz. (Foto-)Journalistische Erzählungen sind damit permanent in der Gefahr, Helden-Narrative zu verstärken, während in Wirklichkeit Hilflosigkeit und Ohnmacht herrschen. Zeit-Reporter Ulrich Ladurner hat es auf Recherche in Kunduz einmal wie folgt erlebt: „Als ich im deutschen Lager ankam, war ich von der Aussichtslosigkeit des Einsatzes der Bundeswehr überzeugt. Doch dann traf ich die Deutschen. Als ich das Lager verließ, war es mir, als träte ich aus einer gigantischen Waschmaschine. Ich stank nach Optimismus. Es war wie ein Wunder. Doch seine Wirkung hielt nicht lange an.“ Er erzählt das in einem Buch, nicht in der Zeitung. Ein signifikanter Unterschied. 

Immer wieder sind es Redaktionen zu Hause, die über Thema und Fokus entscheiden. Ihr Wissen, ihre Phantasie sind dabei geografisch wie kulturell eingeschränkt: Vielfalt im Kriegsland, die unser Weltbild in Frage stellt, fällt so schwer, zuzulassen. Dabei ist die Vielfalt real: Burka und Niqab sind meist nicht die erste Priorität von Frauen im Konflikt und Bauern in muslimischen Ländern oft mehr am Fortschritt ihrer Töchter interessiert, als wir gemeinhin unterstellen. So gerät das Bild vom Krieg in Schieflage. Charlotte Wiedemann, freie Autorin, sagt in ihrem Buch „Vom Versuch, nicht weiß zu schreiben“: „Wie das diplomatische Korps die politischen und wirtschaftlichen Interessen Deutschlands vertritt, so sind die Korrespondenten das Korps zur Verteidigung unserer Weltanschauung“. Ähnliches gilt für den Fotojournalismus. Das Foto einer Frau in Burka markiert, wo wir uns befinden. Zugleich verstellt es den Blick. Warum sonst meinen viele Leser*innen bis heute, in Afghanistan trügen Frauen die Burka selbst in geschlossenen Räumen über dem Kopf? 

Wissen und glaubwürdige Darstellung brauchen Zeit. Beides gibt es in der digitalen Medienwelt immer weniger. Früher nahmen sich Korrespondent*innen Zeit, ihr Berichtsgebiet zu bereisen. Heute fehlt diese. Deutsche Medien haben im Afghanistankrieg seit 2001 fast durchweg auf feste Korrespondent*innen vor Ort verzichtet. Die Schönfärberei von Militär und, ja, teilweise auch von Hilfsorganisationen fällt damit umso leichter. Afghanistan und Irak zeigen exemplarisch, dass und wie sich Medien auch von den Agenden der Entwicklungshilfeindustrie und ihren Akteuren leiten lassen. Manche Hilfe scheitert. Das „Warum“ bleibt oft unreflektiert. Wichtig erscheinen vor allem Erfolgsmeldungen für zu Hause, am besten gut bebildert. Im Wettstreit um immer knappere Spendengelder investieren viele NGOs mittlerweile in eigene Foto- und Filmteams. (Foto-)Journalismus als kreativer Akt kämpft dabei ums Überleben. 

Weitgehend unreflektiert bleibt in der Berichterstattung der sogenannte „Conflict-Chic“: Afghanische Skateboarder*innen und Ski-Fahrer*innen am Hindukusch oder Heavy-Metal-Bands in ehemaligen IS-Hochburgen wirken auf den ersten Blick exotisch. Oft sind sie mehr von unseren Medien gemacht als Ausdruck einer realen Bewegung. Stereotypen und Fehlurteile verstärken sich so. Sich ein authentisches Bild vom Konflikt zu machen, wird immer schwieriger. Der andere, der frische Blick ist rar. Am ehesten liefern ihn freie, unabhängige Autor*innen mit Zeit und Zugang zu Land und Menschen. Ihr Risiko, neben Sicherheit und enormen Kosten: nicht mehr eingeladen zu werden, weil sie als zu kritisch gelten. 

Kriegsberichterstattung, das sind auch Erzählungen mit westlicher Deutungshoheit. Das Leid anderer zu zeigen, ist vermutlich alternativlos, aber bleibt gleichwohl ein Instrument visueller Deutungsmacht. Wo ökonomische und humanitäre Abhängigkeiten bestehen, ist ein Dialog, ein Fotografieren auf Augenhöhe nur schwer möglich. Die Empathie von Fotograf*innen mit dem Opfer erscheint mir oft eingeredet, weniger real. Denn schon geht es weiter zum nächsten Ort oder Schlachtfeld. Zugespitzt formuliert manifestiert sich in der Kriegsfotografie mithin ein verschärfter Nord-Süd-Konflikt. 

Die Bedeutung lokaler Perspektiven 

Besseren Zugang zu Mensch und Gesellschaft haben oft einheimische (Foto-)Reporter*innen. Die meisten kennen wir nicht. Sie verschwinden anonymisiert hinter dem Kürzel von Nachrichtenagenturen. Agentur-Kolleg*innen, die aus dem Westen einfliegen, profitieren von ihrer Vorarbeit. Lokale Reporter*innen tragen immer das größere Risiko, sind sofort am Ort eines Anschlags, jahrein, jahraus. Trotzdem sind sie nicht annähernd so gut versichert wie ihre internationalen Kolleg*innen: eine Zweiklassengesellschaft. Die Bilder und Berichte dieser lokalen Reporter*innen und Fotograf*innen nehmen wir oft erst dann wahr, wenn für uns der Zugang zum Konflikt schwieriger wird, wie im Syrienkrieg. Oder wenn es politisch opportun ist, sich ihren Arbeiten zu öffnen, wie etwa im Zuge der Flüchtlingsdebatte. Meinem Freund und Kollegen, dem afghanischen Fotojournalisten Massoud Hossaini, habe ich jahrelang nahegelegt, bei seiner renommierten Nachrichtenagentur auf gleichen Versicherungsschutz zu pochen. Er zögerte. Immer wieder. Erst als er den Pulitzer-Preis in den Händen hielt, traute er sich: „Jetzt werden sie mich wohl nicht vor die Tür setzen, wenn ich danach frage.“ 

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich auf der Webseite von FREELENS e.V., dem Verband der Fotograf*innen und Fotojournalist*innen, im Rahmen eines Online-Schwerpunkts zur „Kriegs-, Krisen- und Konfliktfotografie“, mit dem dieser sich im Jahr 2019 intensiv beschäftigt hat. Bei EJO erscheint eine kleine Serie ausgewählter Artikel aus dem Projekt mit einem Schwerpunkt auf berufspraktische Fragen rund um das fotojournalistische Arbeiten in Kriegs- und Krisenregionen.

Bislang sind in der Serie bei EJO folgende Artikel erschienen:

Der Journalismus und die Kriegsfotografie

 

 

 

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