Ausbildung für die Kriegsfotografie? 

12. Dezember 2019 • Ausbildung, Qualität & Ethik • von

Wer in Deutschland das Berufsziel Fotojournalismus anstrebt, der hat neben einem Volontariat vor allem die Option eines Studiums an einer Fachhochschule. Während es an der Hochschule Hannover einen eigens auf dieses Themenfeld zugeschnittenen Studiengang gibt, wird das Thema an der Fachhochschule Dortmund über eine Professur abgedeckt. Als schwierig erweist sich für die Hochschulen der Umgang mit der Praxis der Kriegs- und Krisenfotografie. 

Vorträge internationaler Gäste, wie etwa des bengalischen Fotografen und Professors Shahidul Alam im Jahr 2017 an der Hochschule Hannover, bieten Fotografiestudierenden die Möglichkeit, Informationen über die fotografische Praxis in Konfliktregionen zu bekommen. Foto: Maximilian von Lachner

Alle zwei Jahre können sich Besucher*innen auf dem LUMIX Festival für jungen Fotojournalismus in Hannover davon überzeugen, dass die Kriegs- und Konfliktfotografie auch für den fotojournalistischen Nachwuchs nicht an Bedeutung verloren hat. So gibt es immer wieder Studierende, die genau hier ihren Interessenschwerpunkt setzen und für die dieses Thema große Relevanz hat. Viele Nachwuchs-Fotojournalist*innen fangen schon während des Studiums an, als Freie zu arbeiten und hinaus in die Welt zu ziehen: Sie sind also gleichzeitig Studierende und freie Fotojournalist*innen. Für die Studiengänge in Hannover und Dortmund stellt dies eine große Herausforderung dar. Neben dem Umgang mit der institutionellen Verantwortung geht es vor allem um die Frage, ob und inwieweit es legitim ist, Studierende auf die Arbeit in Kriegs- und Konfliktregionen vorzubereiten. 

Das Risiko eines falschen Sicherheitsgefühls 

Für den Fotografieprofessor Lars Bauernschmitt, Sprecher am Studiengang Fotojournalismus und Dokumentarfotografie in Hannover, ist es zu riskant, Studierende für die Praxis der Kriegs- und Krisenfotografie auszubilden, da sich die Studierenden dann in falscher Sicherheit wiegen. „Die Realität einer bewaffneten Auseinandersetzung in einem fremden Kulturkreis kann man nicht in zwei oder drei Semesterwochenstunden auf einem deutschen Hochschul-Campus vermitteln“, so Bauernschmitt. Seiner Ansicht nach sollte die Vorbereitung auf solche Einsätze vor allem von Akteuren wie den Fotoagenturen oder den Redaktionen organisiert und finanziert werden. Dirk Gebhardt, der an der Fachhochschule Dortmund die Professur für Fotojournalismus innehat, ist der Meinung, dass man auf die menschlichen und emotionalen Abgründe, die das Thema mit sich bringt, nur sehr bedingt vorbereiten kann. „Für mich sind das persönliche Erfahrungen, die jeder selber machen muss“, so Gebhardt. 

Die eher skeptische bis ablehnende Haltung bezüglich einer praktischen Ausbildung auf die Kriegs- und Krisenfotografie bedeutet jedoch nicht, dass das Thema an den Hochschulen völlig ausgeblendet wird. „Wir sind verpflichtet, dieses Thema zu behandeln und auf die damit verbundenen ethischen und moralischen Herausforderungen hinzuweisen“, so Dirk Gebhardt. Für Lars Bauernschmitt bedeutet dies, etablierte Bildmuster und Symbolbilder zu hinterfragen sowie nach zeitgemäßen Darstellungsformen zu suchen. In Hannover geschieht dies vor allem in den Theoriekursen aber auch über Symposien, wie der von Bauernschmitts Kollegin Karen Fromm organisierten Tagung „Images in Conflict“ im Jahr 2017. 

Fest im Curriculum beider Hochschulen verankert ist darüber hinaus das Thema Auslandsreportage. Dazu gehören Exkursionen, beispielsweise in die Türkei oder nach Georgien. Zumindest mittelbar werden dort Themen berührt, die auch für die Kriegs- und Krisenfotografie eine Rolle spielen, wie die Arbeit in Regionen mit fremden Sprachen oder anderer kultureller Prägung und die Kooperation mit lokalen Akteuren. Ebenfalls keine Hemmungen haben die beiden Professoren damit, eine individuelle Begleitung von Studierenden in Bezug auf fotografische Projekte in Konfliktregionen anzubieten. Immer jedoch mit dem Ziel, herauszufinden, was die Haltung der Studierenden ist und zu klären, ob sie den Herausforderungen der Arbeit in Konfliktregionen gewachsen sind. 

Die Notwendigkeit praktischer Ausbildung 

Agata Szymanska-Medina, Studentin am Studiengang Fotojournalismus in Hannover, schätzt es sehr, dass es eine theoretische Auseinandersetzung gibt. Was ihr jedoch fehlt, ist ein praktischer Kurs, in dem konkrete Fragestellungen der Arbeit in Kriegs- und Krisenregionen angesprochen werden. „Selbst wenn wir keine Kriegsfotografie machen, geraten viele von uns in Situationen, die eskalieren können, ohne dass wir je darüber gesprochen hätten, was das bedeutet“, erklärt sie. „Ich weiß bis heute nicht, wie ich mich verhalten soll, wenn geschossen wird. Da hilft die Theorie dann auch nicht weiter.“ Sie kritisiert, dass die Hochschule vor allem darauf achtet, sich gegenüber allen möglichen Eventualitäten abzusichern. 

Der Fotojournalist Felix Kleymann studierte an der FH Dortmund und kam während seines Diplomprojekts über den (Anti-)Drogenkampf in den Favelas von Rio de Janeiro zum ersten Mal mit dem Thema in Berührung. Er ist sich unsicher, ob die Vorbereitung darauf Aufgabe der Hochschulen ist. Gleichwohl hätte er sich gewünscht, dass es im Studium eine Auseinandersetzung damit gibt. Auch Jonas Wresch, der während seines Studiums in Hannover viel in Kolumbien gearbeitet hat, haben konkrete Angebote gefehlt. Für Kleymann wären vor allem Workshops mit Fotojournalist*innen wichtig, die von ihren konkreten Erfahrungen erzählen können. Jonas Wresch hat letztlich selbst die Initiative ergriffen und mit Kommiliton*innen die Teilnahme am Journalist*innentraining der Bundeswehr in Hammelburg organisiert. Bis heute zehrt er von dieser Erfahrung. Für unerlässlich hält Wresch auch spezialisierte Erste-Hilfe-Kurse, wie z.B. die von RISC (Reporters Instructed in Saving Colleagues) veranstalteten Trainings für Freelancer*innen sowie Workshops, in denen die Motivationen und Rollenbilder angehender Fotojournalist*innen hinterfragt werden. 

Den Mythos des Kriegsfotografen zerstören 

Der zögerliche Umgang der deutschen Hochschulen mit dem Thema hat für den Fotografiedozenten und ehemaligen Kriegsfotografen Christoph Bangert vor allem damit zu tun, dass die Institutionen Angst vor dem Mythos des heldenhaften Kriegsfotografen haben. „Man muss den Mythos zerstören, relativieren und in Kontext setzen“, so Bangert. Konkret heißt dies für ihn, dass neben die intellektuelle Auseinandersetzung mit der Kriegsfotografie eine praktische Beschäftigung treten muss. „Wichtig ist ganz angewandt und sachlich zu beschreiben, was es bedeutet in Kriegs- und Krisenregionen zu arbeiten“, zeigt sich Bangert überzeugt. Dies bedeutet, Fragen in Bezug auf den Selbstschutz, die Risikokalkulation und das Arbeiten mit lokalen Akteuren zu thematisieren. Dann würde sich laut Bangert das Problem, dass junge Menschen blauäugig und unvorbereitet in den Krieg ziehen, von selbst erledigen. 

Christoph Bangert weist noch darauf hin, wie wenig selbstverständlich es ist, dass in der deutschen Wohlstandsgesellschaft aufgewachsene junge Menschen sich für schwierige Themen interessieren. Er möchte das wertschätzen und ernst nehmen. Und auch Jonas Wresch wünscht sich, dass Studierende stärker motiviert werden, sich mit der komplexen Weltlage zu beschäftigen und auch harte Themen anzugehen. Aber eben nur, wenn es dazu auch eine Vorbereitung gibt. Notwendig erscheint in jedem Fall eine breitere Debatte darüber, was die Hochschulen leisten können und welche Lehrformate dem Thema gerecht werden. Denn was Studierende wie Lehrende eint, ist der Wunsch, den Fallstricken der Mythologisierung der Kriegsfotografie zu entgehen und die Augen nicht vor den – mitunter auch – grausamen Realitäten dieser Welt zu verschließen. 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich auf der Webseite von FREELENS e.V., dem Verband der Fotograf*innen und Fotojournalist*innen, im Rahmen eines Online-Schwerpunkts zur „Kriegs-, Krisen- und Konfliktfotografie“, mit dem dieser sich im Jahr 2019 intensiv beschäftigt hat. Bei EJO erscheint eine kleine Serie ausgewählter Artikel aus dem Projekt mit einem Schwerpunkt auf berufspraktische Fragen rund um das fotojournalistische Arbeiten in Kriegs- und Krisenregionen.

Diese Artikel sind in der Serie bei EJO erschienen:

Der Journalismus und die Kriegsfotografie 

Kriegsreporter – Mythos und Wirklichkeit eines Berufsbildes

Auf eigene Rechnung in den Krieg

Eine Kamera ist wie eine Waffe: alle haben Angst

Journalismus machen, der zeigt, was ist

Wir wollen neue Perspektiven zeigen“

 

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