Wie demokratische Mediensysteme trotz Corona gefördert werden könnten

20. August 2021 • Aktuelle Beiträge, Internationales, Pressefreiheit • von

Eine kürzlich erschienene Studie der DW Akademie analysiert Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Medien und ihre Freiheit und formuliert darauf aufbauend politische Handlungsempfehlungen für die deutsche Entwicklungszusammenarbeit im Medienbereich.

Bildquelle: Screenshot DW Akademie

Mit dem Fokus auf Partnerländer der deutschen Entwicklungszusammenarbeit – darunter Ghana, Kenia, Libanon, Kolumbien, Tunesien, Uruguay, Burkina Faso und Myanmar – untersuchen Alexander Matschke und seine Co-Autorinnen und Autoren Johanna Mack, Dennis Reineck und Roja Zaitoonie von der DW Akademie Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Medienfreiheit und Medienentwicklung. Dafür haben sie, gefördert vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, aktuelle Berichte und Untersuchungen ausgewertet sowie mit zwölf Expertinnen und Experten aus Afrika, Asien, Lateinamerika und Europa gesprochen, die laut der Studie über spezielle Kenntnisse in Journalismus, Medienmanagement, Meinungsfreiheit und Medienentwicklung in den Partnerländern der deutschen Entwicklungszusammenarbeit verfügen.

Über die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Medien und Pressefreiheit weltweit wurde inzwischen schon viel geschrieben, dennoch geben vor allem die Kapitel, in die die Aussagen der Interviewpartnerinnen und Interviewpartner einfließen, wertvolle neue Einblicke.

So kommt im Kapitel über Desinformation unter anderem Rabiu Alhassan zu Wort, der 2019 die Faktencheck-Redaktion GhanaFact gegründet hat. „Als wir starteten, waren wir die einzige Vollzeit-Faktencheck-Organisation in Ghana. Und als die Infodemie uns traf, waren wir gerade dabei, unsere Rolle zu verstehen und herauszufinden, welche die effektivsten Strategien im Umgang mit Fehlinformation im Allgemeinen sind“, wird Alhassan in der Studie zitiert. Er macht darauf aufmerksam, dass die Vernetzung mit dem internationalen Faktencheck-Netzwerk IFCN, das bei der US-amerikanischen Medien-NGO Poynter angesiedelt ist, sehr hilfreich gewesen sei.  Wie es in der Studie heißt, haben sich rund 100 Faktencheck-Initiativen aus über 70 Ländern zusammengeschlossen, um Desinformationen rund um das Coronavirus entgegenzuwirken. GhanaFact arbeitet auch mit traditionellen Medienplattformen zusammen, da man, wie Alhassan sagt, über Radio und TV mehr Menschen erreichen könne.

Umsatzeinbußen, Entlassungen und Repressionen

Im Kapitel „Journalismus und wirtschaftliche Tragfähigkeit von Medien“ beschreiben die Autorinnen und Autoren, wie Medienschaffende seit Beginn der Pandemie weltweit unter schwierigen Bedingungen gearbeitet haben. Die durch die Corona-Pandemie verursachte Wirtschaftskrise habe weltweit bei Medien zu Umsatzeinbußen und Entlassungen geführt. So seien z.B. in Tunesien knapp 200 Journalistinnen und Journalisten in Folge der Corona-Krise entlassen worden. Im südlichen Afrika hätten etliche Medienhäuser Stellen abgebaut oder Löhne reduziert. Auch in Lateinamerika und Indien seien Hunderte Medienschaffende entlassen oder in Kurzarbeit geschickt worden. Die in Ägypten geborene Journalistin und unabhängige Medientrainerin Abeer Saady wird in der Studie wie folgt zitiert: „Es gab eine regelrechte Welle der Arbeitslosigkeit unter Journalistinnen und Journalisten. Egal, ob privat oder staatlich, alle Medienhäuser taten dasselbe: Leute entlassen. Leute ohne festen Vertrag, Leute kurz vor dem Rentenalter, Frauen und insbesondere junge Frauen.“

Ein weiteres Kapitel beschäftigt sich mit der Repression von Medienschaffenden und Angriffen auf die Pressefreiheit während der Corona-Pandemie. Die Autorinnen und Autoren schildern eindrucksvoll, wie Regierungen in Ländern rund um den Globus die Pandemie nutzten, um Meinungs- und Medienfreiheit weitreichend einzuschränken. Unter anderem haben sie mit Cheryl Akinyi von der Open Society Initiative for Eastern Africa (OSIEA) gesprochen. Sie berichtet, dass die Regierung in Tansania die Ausbreitung des Coronavirus geleugnet habe und mit den Medien „erbarmungslos“ umgegangen sei.  „Wer über Covid-19 berichtete, dessen Lizenz wurde entzogen. Journalistinnen und Journalisten wurde auf Grundlage aller möglichen Gesetze angeklagt, etwa Verbreitung von Falschinformation oder Aufwiegelung oder Geldwäsche. […] Medienschaffende wurden ins Gefängnis geworfen“, so Akinyi.

Vielerorts hätten Regierungen auch den Zugang zu Informationen erschwert. So berichtet Gustavo Gómez, Direktor der Medienfreiheits-NGO Observacom aus Uruguay von Pressekonferenzen, die mit Verweis auf den Infektionsschutz abgesagt worden seien oder nur für sehr wenige Journalistinnen und Journalisten zugänglich gewesen seien.

Handlungsempfehlungen für die Entwicklungszusammenarbeit

Für die deutsche Entwicklungszusammenarbeit im Medienbereich gelte es nun, so Matschke, Mack, Reineck und Zaitoonie, „verlässliche, demokratische, pluralistische und wirtschaftlich tragfähige Informations-Ökosysteme zu fördern.“ Sie haben fünf Empfehlungen formuliert, die als Leitlinien für Entwicklungspolitik, EZ-Organisationen sowie die Advocacy-Arbeit der Zivilgesellschaft dienen sollen:

1. Einsatz für Meinungsfreiheit und Recht auf Information in allen Ländern gemäß Artikel 19 des UN-Zivilpakts, um zum Schutz der Menschenrechte und zu nachhaltiger Entwicklung beizutragen

Unter anderem empfehlen die Autoren, alle Menschen mit verlässlichen Informationen zur Corona-Pandemie zu versorgen. Dafür sollte auch die Zusammenarbeit mit der WHO ausgebaut werden. Zudem sollten Initiativen für die Sicherheit von Medienschaffenden unterstützt werden.

2. Ein wirtschaftliches Umfeld unterstützen, das tragfähige Medien und Investitionen in journalistische Qualität begünstigt.

Dabei sollte auch auf eine größere Transparenz von Medienmärkten hingewirkt werden, vor allem mit Blick auf Besitzverhältnisse und wirtschaftliche Konzentration. Partnerländer der deutschen Entwicklungszusammenarbeit sollten dabei unterstützt werden, auf einen fairen Ausgleich zwischen Content-Produzenten und Social-Media-Plattformen bei der Verteilung von Werbeeinnahmen hinzuwirken, zum Beispiel auf Basis des Kartellrechts. Auch die Regulierung von digitalen Plattformen sollte vorangetrieben werden, es sollten vor allem Des- und Fehlinformationen bekämpft werden und die Transparenz von Algorithmen im Auge behalten werden.

3. Die Professionalität von Medienschaffenden steigern für solide geführte Medienunternehmen und innovative journalistische Produkte.

Hier sei es auch wichtig, Medienhäuser bei der Ausstattung ihrer Mitarbeitenden mit digitaler Infrastruktur sowie mit angemessener Schutzausrüstung gegen Infektionen mit dem Coronavirus zu unterstützen. Ein Anliegen ist den Autoren auch die Förderung von Community-Medien, so dass auch ländliche Gebiete mit qualitativ hochwertiger journalistischer Berichterstattung versorgt werden könnten.

4. Neue Formen der Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft etablieren, Kompetenzen der Nutzerinnen und Nutzer verbessern.

Die Autoren empfehlen, die Medien-, Informations- und Digitalkompetenz der Gesellschaften in Partnerländern zu schulen, so dass sie weniger anfällig für Desinformation werden und diese nicht unwissentlich verbreiten. Es sollten auch zivilgesellschaftliche Gruppen gestärkt werden, die sich z.B. für digitale Rechte, Sicherheit von Medienschaffenden und die Rechtsberatung von Medien einsetzen.

5. Do no harm – Sensibilität für Meinungs- und Medienfreiheit in der Entwicklungszusammenarbeit erhöhen.

Dafür sollte die Wissensgrundlage zu Informations-Ökosystemen in Partnerländern erweitert werden. Das Autorenteam empfiehlt eine verstärkte Anwendung der 2020 von der DW Akademie entwickelten Media Viability Indicators im Vorfeld von Projekten. Mit dem Analyse-Rahmenwerk können Stärken und Schwächen der Rahmenbedingungen, unter denen Medien arbeiten, strukturiert eingeschätzt werden. Bei der Planung in anderen Sektoren sollte der Sektor Meinungsfreiheit und Medienentwicklung angemessen berücksichtigt werden.

 

Die komplette Studie kann auf der Website der DW Akademie heruntergeladen werden.

 

Offenlegung: Die Co-Autorinnen Johanna Mack und Roja Zaitoonie sind neben ihrer Arbeit für die DW Akademie Fellows am Forschungskolleg MEDAS 21, das am Erich-Brost-Institut für internationalen Journalismus angesiedelt ist.

 

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