Aufbruchsstimmung und Vertrauensgefühle

20. Mai 2021 • Aktuelle Beiträge, Qualität & Ethik • von

Menschen brauchen zuverlässige Nachrichtenquellen, denen sie vertrauen, um informiert zu entscheiden. Doch aktuelle Studien zeigen: Das ist mehr ein Gefühl und weniger ein bewusster Akt.

Über das Vertrauen in Medien und speziell in Nachrichten wird viel geforscht. Dabei wird häufig das schwindende Vertrauen generell in Institutionen beklagt sowie zumeist angenommen, dass Vertrauen eine Angelegenheit der Vernunft ist. Zwei Studien haben den Spieß umgedreht und die Menschen gefragt, was tatsächlich ihr Vertrauen weckt. Eine Studie des Reuters Instituts verglich dazu Nachrichtenmedien in Ländern mit sehr unterschiedlichen Medienlandschaften: in Brasilien, Indien, Großbritannien und den USA. So groß die Unterschiede der Medienlandschaften dieser Länder sind, so frappierend sind ihre Gemeinsamkeiten bezogen auf das Medienvertrauen: Entscheidend für die Menschen ist, wie vertraut sie sich selber mit einer bestimmten Quelle fühlen und welches Ansehen diese in ihren Augen hat – aufgrund früher Nutzungserfahrung, aufgrund von dem, was über sie erzählt wird, und aufgrund ihrer individuellen Wahrnehmung, ob eine Medienmarke voreingenommen ist. Die inhaltlichen redaktionellen Praktiken – Welche Themen werden gesetzt, welche Faktenprüfungen vorgenommen? – spielten eine relativ geringe Rolle, obwohl diesen Faktoren in der bisherigen Vertrauensforschung ein hoher Stellenwert beigemessen wird. Überraschend wichtig war den Menschen, wie Nachrichten aufbereitet und präsentiert werden, und ob sie ein Nachrichtenmedium bequem und intuitiv nutzen könnten.

Diese Befunde wurden Anfang 2021 durch Fokusgruppendiskussionen und Interviews erhoben. Sie werfen unbequeme Fragen auf, bieten aber auch konkrete Handlungsansätze: Viele Menschen vermissten eine Orientierungshilfe, um zwischen Online-Quellen kundig zu navigieren. „Marke“ sei der Schlüssel: Nachrichtenorganisationen müssten folglich nicht nur zeigen, wie sie arbeiten, sondern zudem einprägsam erzählen, wer sie sind, welche Geschichte sie haben, wofür sie stehen und wo ihre besonderen Stärken verglichen mit Netzkonkurrenten und klassischer Medienkonkurrenz liegen. Der Wert einer Marke könne identitätsstiftend sein. (mehr dazu im EJO-Beitrag Vertrauen in Nachrichten: Wenn äußere Werte zählen)

Quellen vertrauen

In die gleiche Richtung forschten Joëlle Swart und Marcel Broersma. Gemeinsam mit Journalismusstudierenden interviewten sie 55 in den Niederlanden lebende Jugendliche aus 10 Nationen und ermittelten –über Geschlecht und kulturelle Hintergründe hinweg – neun Taktiken und Denkprozesse, wie diese an politische Nachrichten herangehen und ihre Verlässlichkeit beurteilen. Erneut ergibt sich ein auf den ersten Blick ernüchternder Befund: Es kommt auf das Vorwissen an, darauf, ob man sich bestätigt fühlt, ob einem das Nachrichtendesign gefällt, ob der Ton gefällt und ob das Bauchgefühl gut ist. Die jungen Menschen wollten gar nicht selber herausfinden, ob sie einer Quelle trauen können, also nicht nachprüfen, woher die Informationen stammen oder ob sie einem Vergleich mit Informationen aus Nachrichten anderer Anbieter standhalten. Für sie zählte das Gefühl, die Nachrichten seien „vertrauenswürdig genug“. Speziell die medienkompetenteren unter den Befragten, denen klar war, wie leicht man einer Fehlinformation aufsitzt, reagierten nicht quasi mit viel Prüfenergie, sondern tendierten dazu, dann lieber politischen Informationsquelle grundsätzlich zu misstrauen.

Stephanie Edgerly untersuchte den Nachrichtenkonsum ebenfalls aus der Nutzersicht. Sie wollte herausfinden, warum Menschen trotz des reichhaltigen Angebots an Nachrichten diese meiden. Dazu befragte sie Erwachsene in den USA und fand heraus, dass die oft beschriebene Neigung mancher Menschen, Negativem aus dem Weg zu gehen, nicht der Hebel ist, über den sich der Nachrichtenkonsum verbessern lässt. Auch Edgerlys Studie ergab, dass die Nachrichtenpräsentation sehr wichtig ist: Menschen, die sich für Politik interessieren, sind im Prinzip auch an Nachrichten interessiert, konsumieren sie aber oft eher selten, weil die Art, wie sie journalistisch dargeboten werden, sie abschreckt. Das gilt insbesondere für Menschen mit ohnehin niedrigem Selbstbewusstsein, die sich in einem komplexen, digital geprägten Umfeld schwer zurechtzufinden. Redaktionen müssten also lernen, Nachrichten so zu organisieren und zu verpacken, dass sie einladender wirken; und deutlicher darlegen, was Nachrichten relevant macht und wie das Nachrichtensystem funktioniert, wenn sie Nachrichten-Vermeider in regelmäßigere Nachrichten-Konsumierende verwandeln wollen.

Anpassung an Digitalisierung

All dies läuft auf eine ziemlich klare Strategie hinaus: Transparenz, Markenpflege, Publikumsbindung – und Aufgeschlossenheit Neuem gegenüber. Dass das machbar ist, zeigen Joy Jenkins und Pedro Jerónimo. Sie untersuchten lokale Nachrichtenmedien, für die der Switch in digitale Medienumgebungen besonders hart war; denn sie verloren Werbe- und Abo-Einnahmen sowie vielfach den direkten Zugang zu ihrem Publikum in einer disaggregierten Medienumgebung und hinkten aktuellen Entwicklungen lange hinterher. Jenkins und Jerónimo interviewten Personen aus Management und Journalismus in Finnland, Frankreich, Deutschland, Portugal und Großbritannien.

Demnach haben lokale Nachrichtenmedien ihre eher innovationsfeindlichen Tendenzen überwunden. Viele passten die Redaktionsstrukturen und -kulturen an die Anforderungen der Digitalisierung an, entwickelten neue Ressorts und Denkweisen und setzten auf von anderen digitalen Plattformen unterscheidbare neue Produkte auf lokaler Ebene – eine Haltung, die zukunftsweisend auch für überregionale Nachrichtenmedien sein dürfte.

 

Literaturhinweise:

Joëlle Swart und Marcel Broersma (2021): The Trust Gap: Young People’s Tactics for Assessing the Reliability of Political News. In: The International Journal of Press/Politics. Online 4/2021 https://journals.sagepub.com/doi/full/10.1177/19401612211006696

Benjamin Toff, Sumitra Badrinathan, Camila Mont’Alverne, Amy Ross Arguedas, Richard Fletcher, and Rasmus Kleis Nielsen (2021). Listening to What Trust in News Means to Users: Qualitative Evidence from Four Countries. Trust in News Project / Facebook Journalism Project & Reuters Institut der Universität Oxford. Online 4/2021 https://reutersinstitute.politics.ox.ac.uk/sites/default/files/2021-04/Toff_et_al_Listening_to_What_Trust_in_News_Means_to_Users_FINAL.pdf.

Stephanie Edgerly (2021). The head and heart of news avoidance: How attitudes about the news media relate to levels of news consumption. In: Journalism. Online 4/2021. https://doi.org/10.1177/14648849211012922

Joy Jenkins und Pedro Jerónimo (2021). Changing the Beat? Local Online Newsmaking in Finland, France, Germany, Portugal, and the U.K. In: Journalism Practise. Online 4/2021 https://doi.org/10.1080/17512786.2021.1913626

 

Erstveröffentlichung: derstandard.at vom 20. Mai 2021

 

Bildquelle: ian maina / Unsplash 

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