Forscher empfehlen: EU sollte investigativen Journalismus fördern

16. Juli 2018 • Redaktion & Ökonomie, Top • von

Ein Forschungsteam hat acht Finanzierungsmodelle für investigativen Journalismus hinsichtlich Unabhängigkeit, Qualität, Marktstruktur, Prozessen, Nachhaltigkeit und Wettbewerbsfähigkeit unter die Lupe genommen.

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von der Hamburg Business School der Universität Hamburg und dem Hans-Bredow-Institut sind der Frage nachgegangen, wie sich investigativer Journalismus am besten finanzieren lässt. Um das Ergebnis der von den Grünen im Europäischen Parlament in Auftrag gegebenen Studie gleich vorwegzunehmen: Keines der untersuchten Finanzierungsmodelle ist einem anderen in den sechs Kriterien, die für die Bewertung herangezogen wurden, überlegen. Dem Investigativjournalismus komme zugute, dass es eine große Vielfalt an Finanzierungsmodellen gebe, schlussfolgern die Studienautoren.

Michel Clement, Anke Letphien und Petra Schulz von der Hamburg Business School und Wiebke Loosen vom Hans-Bredow-Institut haben acht Finanzierungsmodelle auf dem Medienmarkt identifiziert und untersucht. Die Wissenschaftler merken an, dass die meisten Modelle auf mehrere Finanzierungsarten angewiesen und auch nicht alle Beispiele, die sie auf dem Medienmarkt identifiziert hätten, nur für eine Kategorie repräsentativ seie

– Das Verlagshaus, z.B. die Washington Post

Verlagshäuser finanzieren sich aus Eigenkapital und Zuschüssen, sie nehmen Geld vor allem über den Verkauf von Inhalten und Werbung ein. Investigativer Journalismus kann dort erstens querfinanziert werden und zweitens geht man davon aus, dass er sich bezahlbar macht – nicht, indem die investigative Story an sich Gewinn abwirft, sondern weil investigativer Journalismus dabei hilft, das Markenimage und die Bekanntheit des Mediums zu steigern, so das Forschungsteam.

– Der Unternehmerjournalist, z.B. Richard Gutjahr und Edwy Plenel

Bei Unternehmerjournalisten handelt es sich um eine neue Generation von freiberuflichen Journalisten, die sich als „menschliche Marke“ vermarkten und unternehmerisch denken. Sie verkaufen ihre produzierten Inhalte direkt an die Medien und nutzen auch ihren Markenwert gewinnbringend, indem sie gut bezahlte Vorträge halten oder im Consulting tätig werden. In Europa schreitet die Verknüpfung von Journalismus und Unternehmertum nur langsam voran, dennoch gibt es laut der Autoren inzwischen erfolgreiche Beispiele, darunter Richard Gutjahr und Edwy Plenel, der in Frankreich das Start-up Mediapart gegründet hat. Unternehmerjournalisten finanzieren sich aus Eigenkapital und Stiftungsgeldern und nehmen Geld hauptsächlich über den Verkauf von Inhalten, manchmal auch Werbung ein.

– Das partizipative Modell, z.B. Merkurist (Deutschland) und Bellingcat (Großbritannien)

Das partizipative Modell sieht die Nutzer nicht nur als Empfänger der Nachrichten, sondern als Mitgestalter, die Themen vorschlagen und Material wie z.B. Fotos zuliefern. Als Beispiel nennen die Studienautoren das 2015 gegründete deutsche Medien-Start-up Merkurist, das sich auf hyperlokale Berichterstattung konzentriert. Bürger werden hier zu journalistischen Quellen, indem sie lokale Themen vorschlagen können. Finden sich genug andere am Thema interessierte Leser, die ihr Interesse über einen Button auf der Online-Plattform kundtun können, wird ein Journalist zum Recherchieren und Schreiben losgeschickt. Medien, die nach dem partizipativen Prinzip arbeiten, finanzieren sich aus einer Kombination von Beteiligungskapital und Eigenkapital, das aus dem Verkauf von Inhalten und Werbung generiert wird. Partizipative Medien können mit Verlagshäusern oder Unternehmerjournalisten kooperieren, weshalb sie, so die Forscher, auch in die Kategorie Netzwerkmodell fallen können.

– Das Genossenschaftsmodell, z.B. Project R (Schweiz), Krautreporter und taz (Deutschland)

Das Genossenschaftsmodell basiert auf der Idee des gemeinsamen Eigentums; der Ursprung geht auf die 70er Jahre zurück, als in Deutschland die taz gegründet wurde. Genossenschaftliche Medien können sowohl gemeinnützig als auch gewinnorientiert arbeiten. Sie finanzieren sich aus einer Kombination von Beteiligungskapital und Eigenkapital, das vor allem über den Verkauf von Inhalten und Crowdfunding gewonnen wird; Werbung gibt es hier keine.

– Das philantrophische Modell, z.B. Correctiv, ProPublica

Philantrophische Medien basieren auf dem Modell der 2007 in den USA gegründeten investigativen Nonprofit-Redaktion ProPublica. Sie finanzieren sich durch gemeinnützige Stiftungsgelder, Spenden und Mitgliedsbeiträge. 2014 wurde in Deutschland Correctiv gegründet, das in den ersten drei Jahren mit insgesamt drei Millionen Euro von der Essener Brost-Stiftung unterstützt wurde. Medien können die Recherchen und Geschichten von Correctiv kostenlos veröffentlichen.

– Das (internationale) Journalisten-Netzwerk, z.B. das International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ)

In den vergangenen Jahren sind immer mehr journalistische Cross-Border-Projekte entstanden, die über Ländergrenzen hinweg komplexe Themen recherchieren und ihre Beiträge öffentlichkeitswirksam publizieren. Das wohl bekannteste Beispiel sind die Panama Papers des International Consortium of Investigative Journalists, an deren Recherchen 375 Journalisten aus 76 Ländern beteiligt waren, die insgesamt mehr als 4700 Beiträge publizierten. Journalisten-Netzwerke arbeiten laut der Studienautoren spendenfinanziert und gemeinnützig.

– Öffentlich-rechtliche Medien z.B. BBC, ARD/ZDF

Um wirtschaftliche und politische Unabhängigkeit sicherzustellen, gibt es in den meisten europäischen Ländern einen öffentlich-rechtlichen Rundfunk, dessen Programm sich an alle Bürgerinnen und Bürger richtet. Er finanziert sich aus Rundfunkgebühren und Werbung.

– Politisch kontrollierte Medien

Unter politisch kontrollierten Medien verstehen die Studienautoren zum einen staatliche Medien, zum anderen private Medien, die eng mit den Machthabenden verknüpft sind, weil sie Politikern oder Unternehmern mit politischen Ambitionen gehören. So übt zum Beispiel in Ungarn Ministerpräsident Viktor Orbán auch auf nicht-staatliche Medien Einfluss aus. Staatliche Medien werden durch Steuern oder indirekt durch Regulierungsmechanismen finanziert, indem sie zum Beispiel exklusive Werbeplätze erhalten. Auch private Medien, die im Besitz von Politikern sind, profitieren oftmals von Vorzügen, die ihnen einen Wettbewerbsvorteil einbringen.

Vielfalt der Modelle stärkt investigativen Journalismus

Um zu bewerten, welches Modell am besten investigativen Journalismus finanzieren kann, zog das Forschungsteam sechs Kriterien heran: Unabhängigkeit, Qualität, Marktstruktur, Prozesse, Nachhaltigkeit und Wettbewerbsfähigkeit. Die Unabhängigkeit stellt dabei einen Schlüsselfaktor dafür da, inwieweit investigativer Journalismus realisiert werden kann. Unabhängigkeit werde, so das Autorenteam, vor allem vom jeweiligen Mediensystem, in dem der Journalismus betrieben werde, beeinflusst und könne von vielen Faktoren abhängen: einerseits von etablierten Machtverhältnissen wie der Regierung, andererseits von privaten Geldgebern wie Werbetreibenden oder den Lesern und auch öffentlichen Geldgebern wie beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

Alle untersuchten Finanzierungsmodelle könnten bis zu einem gewissen Grad von Kapitalgebern beeinflusst werden, heißt es in der Studie. Wie stark der Einfluss sei, hänge davon ab, ob die Kapitalgeber direkte oder indirekte Macht ausübten. Keines der acht Finanzierungsmodelle sei einem anderen in allen Bewertungskriterien überlegen, so Clement, Letphien, Schulz und Loosen. Die Funktion der vierten Gewalt im Staat erfüllten aber die Medien am besten, bei denen Finanzierung und Produktion der Inhalte unabhängig voneinander stattfinde und die Selbstwahrnehmung als Watchdog gefördert werde.

Der investigative Journalismus und die Watchdog-Rolle würden durch die Vielfalt der Modelle, die momentan am Markt zu finden sind, gestärkt, schlussfolgern die Autoren. So hätten sich Start-ups wie das französische Mediapart vor allem der Kontrolle von Machthabenden verschrieben; internationale Journalistennetzwerke schöpften Kraft aus weltweiten Synergien; das Genossenschaftsmodell, in dem es mehrere Kapitalgeber gibt, reduziere das Risiko, dass eine Partei zu mächtig und einflussreich werde.

Empfehlungen an die Europäische Union

Je mehr Finanzierungspluralismus es gebe, desto geringer sei das Risiko, dass Kapitalgeber die Medien kontrollierten, und das nicht nur auf einem lokalen oder nationalen Level, sondern auch auf einem europäischen und einem weltweiten Level, betonen die Autoren und sprechen deshalb abschließende Empfehlungen an staatliche Stellen und die Europäische Union aus.

Da investigativer Journalismus auf einer regionalen, nationalen, europäischen und weltweiten Ebene als vierte Gewalt gebraucht werde, sei auch der Zugang zu Fördermöglichkeiten auf allen Ebenen nötig. Globale Förderungen sollten auch lokalen Teams, die lokale Themen adressieren, zugänglich sein. Vor allem für Journalisten, die in Ländern mit massiven Pressefreiheitsbeschränkungen tätig sind, seien ausländische Finanzierungsquellen von großer Bedeutung. Zudem sollten Geldquellen für investigativen Journalismus auch für Nicht-Journalisten und Teams zugänglich sein – mit der zunehmenden Verfügbarkeit von Daten vergrößere sich das Potential von Nicht-Journalisten, Teil eines journalistischen Teams zu sein.

Trotz der wachsenden Möglichkeiten, investigative Recherchen per Crowdfunding zu finanzieren, brauche es noch staatliche Unterstützung, betont das Forschungsteam. Die EU sollte deshalb sowohl gemeinnützigen als auch gewinnorientierten investigativen Journalismus unterstützen. Marktinitiativen und Stiftungen seien dabei wichtige Ergänzungen zu staatlicher Unterstützung. Auch eine projektbasierte finanzielle Unterstützung sei wichtig, da diese Art von Vorgehen immer mehr an Bedeutung gewinne, nicht nur bei Unternehmerjournalisten, sondern auch bei etablierten Medienorganisationen

Investigativer Journalismus werde immer querfinanziert werden müssen, schlussfolgern Clement, Letphien, Schulz und Loosen: „Reine Marktmechanismen werden nicht zu einem zufriedenstellenden Level von investigativem Journalismus führen.“

Der Forschungsbericht „Alternative models of financing investigative journalism“ steht hier zum Download bereit.

 

Bildquelle: pixabay.com

 

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