Ein neues Tool für mehr Glaubwürdigkeit

22. Mai 2019 • Aktuelle Beiträge, Digitales, Qualität & Ethik • von

Gestern ist NewsGuard in Deutschland gestartet; das Medien-Start-up aus den USA hat es sich zum Ziel gesetzt, der Verbreitung von Online-Desinformation entgegenzuwirken. Internetnutzer, die die kostenlose Software installieren, bekommen angezeigt, ob eine Nachrichtenwebseite vom NewsGuard-Team als glaubwürdig eingestuft wird oder nicht.

Nach dem Launch in den USA vor einem Jahr und dem Start in Großbritannien vergangenen Monat steht NewsGuard jetzt auch in Deutschland und seit kurzem auch in Italien den Internetnutzern in Form eines kostenlosen Browser-Plugins zur Verfügung. Morgen wird das Unternehmen auch in Frankreich an den Start gehen. Gegründet wurde Newsguard im März 2018 vom Medienunternehmer Steven Brill und dem ehemaligen Herausgeber des Wall Street Journal, Gordon Crovitz, die beide als CEOs fungieren.

Webseiten, die das NewsGuard-Team des jeweiligen Landes als glaubwürdig einschätzt, bekommen ein grünes Label. Nicht vertrauenswürdige Quellen werden rot markiert und ein orangefarbenes Label zeigt, dass es sich um eine Satireseite handelt. Ein graues „i“ weist auf Inhalte hin, die von den Nutzern der Website erstellt wurden und von der jeweiligen Redaktion nicht überprüft wurden, weshalb die Informationen nicht unbedingt glaubwürdig sind (wie zum Beispiel bei Wikipedia). Ein Label mit einem Bindestrich bedeutet, dass der Bewertungsprozess noch nicht abgeschlossen ist.

Nutzer können über ein Browser-Plugin auf die Bewertungen und Mediensteckbriefe zugreifen, die nicht nur beim Aufrufen einer Nachrichtenwebseite angezeigt werden, sondern auch bei den Ergebnissen von Suchmaschinen und in den Feeds von Facebook und Twitter. Bei Microsoft Edge ist das Tool schon vorinstalliert und kann auch für andere Browser heruntergeladen werden, darunter Safari, Chrome und Firefox.

Neun Qualitätskriterien für Glaubwürdigkeit und Transparenz

Das NewsGuard-Team – bestehend aus Journalisten und Medienwissenschaftlern – bewertet die Webseiten anhand von neun Qualitätskriterien für Glaubwürdigkeit und Transparenz. Unter anderem prüft es, ob die Nachrichtenseiten regelmäßig Falschinformationen publizieren, ob und wie diese korrigiert werden, ob verantwortungsvoll recherchiert wird, ob Nachricht und Meinung klar voneinander getrennt werden, ob die Eigentümerstruktur des Mediums offengelegt wird, und ob transparent gemacht wird, wer die redaktionell Verantwortlichen und die Journalisten sind.

Zur Bewertung gehört auch immer eine ausführliche Begründung, die auch die Reaktionen der Verantwortlichen der bewerteten Nachrichtenseite beinhaltet.

Die Verantwortlichen der deutschen Webseite des russischen Staatssenders RT haben NewsGuard schon im Januar vorgeworfen‚ „subtile Zensur“ auszuüben. Diese Kritik weist NewsGuard-Mitbegründer und Co-CEO Steven Brill zurück. Newsguard helfe den Nutzern lediglich, die Glaubwürdigkeit einer Webseite besser einschätzen zu können. Die  Bewertungskriterien von NewsGuard seien transparent und die Verantwortlichen ansprechbar. Damit setze das Unternehmen auf menschliches Urteilsvermögen und nicht auf künstliche Intelligenz und Algorithmen, betont Brill.

Die Leitung des deutschen NewsGuard-Teams übernimmt Alina Fichter, zuletzt Mitglied der Chefredaktion von Zeit Online. Ihr zur Seite steht als beratender Redakteur Florian Meißner, Kommunikationswissenschaftler an der Heinrich Heine Universität Düsseldorf und ehemaliger Journalist.

Rotes Label für Sputnik, RT Deutsch und Epoch Times

Quelle: Screenshot

Zehn weitere Journalisten bewerten als Analysten die Nachrichtenseiten. Viele von ihnen haben an der TU Dortmund Journalistik studiert und arbeiten für renommierte Medien wie zum Beispiel das ZDF. Die Anzahl der Artikel, die NewsGuard-Mitarbeiter lesen müssen, um eine Seite bewerten zu können, kann laut Alina Fichter sehr unterschiedlich sein, auf jeden Fall fließen aber viele Stunden Arbeit in den Bewertungsprozess ein. Fact Checking aber sei nicht die Aufgabe von NewsGuard: „Es ist nicht unser Ziel, einzelne Artikel in großer Menge fact-zu-checken, sondern wir setzen an der Marken-Ebene an. Es geht darum, ob eine Marke insgesamt glaubwürdig ist.“

Beim Kriterium „Veröffentlicht eine Nachrichtenseite regelmäßig Falschinformationen?“ sieht sich das Team deshalb u.a. die Ergebnisse von anerkannten Fact-Checking-Organisationen genau an; auch Presseratsbeschwerden und -rügen sowie Diskussionen, die in Medien aufgeflammt sind, fließen in die Bewertung mit ein – „etwa als Bild fälschlicherweise berichtete, Kevin Kühnert (Bundesvorsitzender der Jusos der SPD; Anm. d. Red.) sei von einem Russen Unterstützung zur Beeinflussung der deutschen Politik angeboten worden“, erklärt Fichter. Bei anderen Kriterien wie „Werden Fehler richtiggestellt?“, „Wird zwischen Meinung und Nachricht unterschieden?“, „Werden die Eigentumsverhältnisse offen gelegt?“ etc., recherchieren die NewsGuard-Analysten selbst auf der jeweiligen Webseite.*

Erfüllt eine Webseite auch nur eines der neun NewsGuard-Qualitätskriterien nicht, werden die Betreiber der jeweiligen Seite von den NewsGuard-Analysten um eine Stellungnahme gebeten. Bislang wurden etwa 70 Prozent der deutschen Online-Nachrichtenseiten bewertet; bis Juni sollen es 90 Prozent sein.

„In Deutschland haben wir bisher ungefähr 80 Seiten bewertet, unter denen drei ‚rot‘ sind: Sputnik, RT, und Epoch Times. Wir haben mit ihnen Kontakt aufgenommen und ihnen eine E-Mail mit detaillierten Beispielen geschickt, aber wir haben bislang kein Feedback bekommen. Wir haben auch angerufen, aber niemanden erreicht, der unsere Fragen beantworten konnte. Sobald wir doch noch eine Antwort bekommen, werden wir sie unseren Bewertungen  hinzufügen“, erklärte Alina Fichter gegenüber dem EJO.

Newsguard plant Expansion fortzusetzen

Die Webseiten können auch auf die NewsGuard-Bewertungen reagieren und Verbesserungen vornehmen,  um dann eine bessere Bewertung zu erreichen. „Besonders in den USA ist es häufig vorgekommen, dass die Medien nicht offengelegt haben, wer die Journalisten, Chefredakteure und Geschäftsführer sind. Kontaktmöglichkeiten sind auch wichtig, um auf Fehlern hinweisen zu können. Es ist relativ leicht, da etwas zu ändern“, sagt Alina Fichter.

NewsGuard arbeitet gewinnorientiert. Seine Einnahmen erzielt es unter anderem von digitalen Plattformen, Suchmaschinenanbietern und sozialen Medien, die für die Aufahme des Tools eine Lizenzgebühr zahlen – für die meisten Unternehmen im Vergleich zu anderen Aktivitäten, mit denen sie Transparenz und Glaubwürdigkeit stärken möchten, eine eher kleine Investition, betont Brill. „Wir wollen mit NewsGuard in den Bereich einsteigen, den wir ‚Cyber Trust Industry‘ nennen“, erklärt der Co-CEO gegenüber dem EJO.

Laut Brill plant Newsguard, seine Expansion fortzusetzen und sein Tool auch beispielsweise in Osteuropa anzubieten. Einen genauen Zeitplan dafür habe das Unternehmen aber noch nicht, es brauche dazu erst noch weitere Recherchen über die Medienlandschaft dieser Länder.

*Diesen Absatz haben wir nachträglich hinzugefügt, um die Vorgehensweise von NewsGuard transparenter zu beschreiben.

Bildquelle: pixabay.de / NewsGuard / EJO-Grafik

 

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