Nehmen europäische Medien den Klimawandel ernst genug?

18. Februar 2020 • Internationales, Qualität & Ethik, Top • von

Obwohl etliche Medien weltweit den Klimawandel als „das beherrschende Thema unserer Zeit“ anerkennen, müssen einige Medienhäuser in Europa ihr Profil hinsichtlich des redaktionellen Umgangs mit dem Thema schärfen. Das geht aus einer neuen Analyse des European Journalism Observatory hervor.

2019 war ein Jahr der Wetterextreme, in dem es auch zu verheerenden Buschfeuern in Australien kam. Foto: Flickr CC

Vor allem öffentlich-rechtliche Medienanstalten und traditionelle Medien sträuben sich, für die Berichterstattung über den Klimawandel spezifische redaktionelle Richtlinien zu formulieren und berichten über den Klimawandel anhand derselben Maßstäbe, die auch für alle anderen Themen gelten. Viele Medien berufen sich auf grundlegende journalistische Normen wie Unparteilichkeit, Objektivität und öffentliches Interesse und argumentieren, dass diese Kriterien auf alle Themen angewendet würden und die Berichterstattung über den Klimawandel keine Ausnahme sei. Digitale Medien hingegen haben oft klare Leitlinien für die Berichterstattung über den Klimawandel formuliert.

Das Jahr 2019 markierte zweifellos einen Wendepunkt für die Herangehensweise an das Thema vieler Medienhäuser. Europa erlebte das heißeste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen und die häufiger werdenden Wetterextreme brachten das Thema Klimawandel weltweit immer regelmäßiger in die Schlagzeilen.

Das EJO nahm diese Umstände als Anlass, die europäische Berichterstattung über den Klimawandel in Augenschein zu nehmen. Medien aus sechs EJO-Partnerländern (Deutschland, Großbritannien, Italien, Polen, Tschechien, Ukraine) wurden in die Analyse einbezogen. In der Regel sind für jedes Land eine öffentlich-rechtliche Medienanstalt, eine Zeitung und ein Online-Medium vertreten. Hatten die untersuchten Medien keine klaren Richtlinien für ihre Berichterstattung über den Klimawandel formuliert, bat das EJO-Team Redakteurinnen und Redakteure, ihren redaktionellen Umgang mit dem Thema zu beschreiben. Es fragte sie auch, was die größten Herausforderungen in der Berichterstattung über den Klimawandel sind.

Es zeigt sich, dass Medien in Europa zunehmend für das Ausmaß des Klimawandels sensibilisiert sind und es als wichtig betrachten, ihr Publikum lückenlos über die Folgen zu informieren – allerdings nicht in allen Ländern und allen Mediengattungen.

„Covering Climate Now“

Ein Maßstab, an dem das EJO die Bedeutung des Klimawandels für die Medienhäuser gemessen hat, ist die Teilnahme an der Initiative „Covering Climate Now” (CCN), die im Frühjahr 2019 von der Columbia Journalism Review und The Nation gestartet wurde. Zweck der Initiative ist es, sowohl die Qualität als auch Quantität der Berichterstattung über den Klimawandel zu steigern und so die Aufmerksamkeit der Gesellschaft auf die Situation zu lenken. Bis zum November 2019 schlossen sich bereits 350 Medienhäuser weltweit dem Projekt an.

Der britische Guardian, der seit Jahren ausführlich über den Klimawandel berichtet, beteiligte sich schon früh am CCN-Projekt und wurde leitender Medienpartner. Auch andere europäische Medienhäuser, die das EJO zu ihrem redaktionellen Umgang mit dem Thema Klimawandel befragte, nehmen an der Initiative teil. Rai (Radiotelevisione Italia) in Italien ist dabei die einzige öffentlich-rechtliche Medienanstalt.Doch obwohl sich der Großteil der öffentlich-rechtlichen Medien noch gegen eine Teilnahme an der Kampagne sträubt – womöglich aus Sorge vor dem Vorwurf der Parteilichkeit – sind sich die meisten Institutionen dennoch ihrer Verantwortung bewusst, das Publikum in angemessenem Umfang über den Klimawandel informieren zu müssen.

Öffentlich-rechtliche Medien sind sich auch generell der Herausforderungen bewusst, die mit dem allgemeinen Wandel in der Mediennutzung einhergehen: Während europaweit das ältere Publikum noch immer das Fernsehen als primäre Informationsquelle nutzt, tun sich  Medienhäuser zunehmend schwer, auch junge Nutzer zu erreichen. Sie versuchen aber, das Problem zu lösen, indem sie verstärkt über Themen berichten, die vor allem das Interesse der jüngeren Generationen wecken.

Frühere Studien wie „Something Old, Something New: Digital Media and the Coverage of Climate Change” (2015) von James Painters belegen, dass rein digitale Medien – deren Zielgruppe bedeutend jünger sind als die von traditionellen Medien – die Möglichkeiten neuer Arten der Berichterstattung und neue Darstellungsformen viel stärker ausschöpfen als es die etablierten Medien tun. Die EJO-Befragung legt nahe, dass viele der traditionellen Medien schon von ihrer „jüngeren” Konkurrenz gelernt haben und nun versuchen, ihre Geschichten aus verschiedenen Perspektiven und auch über die digitalen Kanäle zu erzählen.

Ost-West-Unterschiede

Unsere Analyse der europäischen Berichterstattung über den Klimawandel lässt einen Ost-West-Spalt erkennen. Dies könnte daran liegen, dass Länder wie Polen und Tschechien immer noch stark von ihren fossilen Brennstoffen abhängig sind. Viele Polen und Tschechen glauben, dass die Wirtschaft ihrer Länder unter einer Umstellung zu nachhaltigen Energiequellen leiden würde. Diese Einstellung könnte erklären, weshalb sich konservativ ausgerichtete Medien in diesen Ländern noch sträuben, den Klimawandel als Krise anzusehen und entsprechend über das Thema zu berichten.

Die Medien in europäischen Ländern, die nicht zur EU gehören, vertreten noch stärker die Auffassung, dass ihre Nutzerinnen und Nutzer zu sehr mit den Herausforderungen des Alltags beschäftigt sind, als dass sie sich Sorgen um die Umwelt machen könnten. Eine Journalistin des ukrainischen Nachrichtenportals Ukrainska Pravda Zhyttia sagte gegenüber dem EJO, dass der Klimawandel nicht zu den vordringlichsten Angelegenheiten ihrer Leser gehöre – viele müssten dafür kämpfen, Essen auf den Tisch zu bringen.

Deutschland

ARD – „gehört zu unserem Programmauftrag“

In der ARD gibt es keine redaktionellen Richtlinien für bestimmte Themen und deshalb auch keine für die Berichterstattung über den Klimawandel, sagte ARD-Chefredakteur Rainald Becker gegenüber dem EJO. In den Leitlinien 2019/20 für Das Erste kommen Umwelt-Themen indes zweimal zur Sprache. So überlege man, ob es statt wie bisher eine Themenwoche mehrere Thementage geben soll, die „gesellschaftspolitische Entwicklungen und ökologische Veränderungen abbilden, die eine aktuelle Diskussion widergeben“. Zudem werde sich die ARD-Sendung „W wie Wissen“ „verstärkt mit den Herausforderungen der modernen Welt wie etwa der Klimaveränderung beschäftigen“.

Die ARD berichte ausführlich in allen journalistischen Formaten wie Nachrichtensendungen, politischen Magazinen, Dokumentationen und Reportagen über den Klimawandel, die wissenschaftliche Debatte und Protestbewegungen wie „Fridays for Future“, so Rainald Becker. Zudem werde das Thema in den Talksendungen aufgegriffen. Dabei sind die größten Herausforderungen für Journalisten seiner Ansicht nach, die vielfältigen relevanten Aspekte des Themas angemessen zu beleuchten – „dazu gehören Politik, Soziologie und Ethik ebenso wie Wissenschaft, Technik und Ökologie”.

Der „Covering Climate Now“-Initiative hat sich die ARD nicht angeschlossen. „Das Erste informiert und berichtet umfänglich über den Klimawandel. Dazu bedarf es keiner international organisierten Initiative, denn das gehört zu unserem Programmauftrag“ betont Becker.

Der Spiegel – „nicht nur ein Thema für die Wissenschaft”

Im September 2019 hat der SPIEGEL die Covering Climate Now-Initiative unterstützt und seine Berichterstattung über das Thema hochgefahren.

Auch beim SPIEGEL gibt es keine spezielle Richtlinie, die sich nur auf Artikel zum Thema Klimawandel bezieht, aber: „Im Ressort Wissenschaft sprechen wir inzwischen da, wo es in der Berichterstattung sinnvoll erscheint, vermehrt von ‚Klimakrise‘“, erklärte Kurt Stukenberg, stellvertretender Ressortleiter Wissenschaft beim SPIEGEL, gegenüber EJO. „Wandel ist natürlich schon etwas anderes als Krise und ich glaube, wenn man sich anschaut, in welchen Kontexten in anderen Themenfeldern von Krise gesprochen wird – z.B. Konjunkturkrise, Eurokrise, Flüchtlingskrise – dann ist es bei der Veränderung des Weltklimas allemal angebracht, bei bestimmten Sachverhalten auch von Krise zu sprechen.“

Der SPIEGEL berichte hauptsächlich dann über den Klimawandel, wenn aktuelle Entwicklungen anstehen, aber Stukenberg betont, dass das Wissenschaftsressort das Thema kontinuierlich betrachte und es nicht nur darum gehe, neue Temperaturrekorde zu vermelden. Er und sein Team achten darauf, so Stukenberg, dass ihre Berichterstattung tatsächlich dem Forschungsstand entspreche. Wichtig sei dabei auch, aufzuzeigen, bei welchen Erkenntnissen noch Unsicherheiten bestehen. Sie beobachteten auch, was sich in anderen Weltregionen tue und hielten nach Lösungsansätzen Ausschau, zum Beispiel nach klimaneutraleren Produktionsweisen in der Industrie.

Stukenberg unterstreicht, dass „die Klimakrise nicht nur ein Thema für die Wissenschaft“ sei, sondern längst die Politik, die Gesellschaft, die Wirtschaft natürlich, aber auch die Kultur und andere Bereiche betreffe.  „Man muss halt nur hinschauen und dann sieht man auch, dass es sehr viele Berichtsanlässe gibt“, so Stukenberg.

Dies sei vor allem im September ersichtlich geworden, als der SPIEGEL die Covering Climate Now-Initiative unterstützt und sowohl online als auch im Heft seine Berichterstattung über den Klimawandel hochgefahren habe.

Süddeutsche Zeitung – „Lösungsansätze aufzeigen ”

Auch die Süddeutsche Zeitung (SZ) hat keine spezifischen Richtlinien formuliert. „Für die Berichterstattung über den Klimawandel gelten bei der SZ die gleichen Kriterien wie bei jedem anderen Thema auch“, sagte Vivien Timmler, die als Redakteurin in der Wirtschaftsredaktion vor allem über Nachhaltigkeitsthemen berichtet, gegenüber EJO.

Die Süddeutsche Zeitung berichte sowohl anlassbezogen in den unterschiedlichen tagesaktuellen Formaten wie der Meldung, der Kurzanalyse oder dem Kommentar als auch hintergründig in größeren Analysen, Reportagen, Interviews, Zukunftsutopien und -dystopien sowie datenjournalistischen Formaten. Im Sommer 2019 habe die Süddeutsche Zeitung darüber hinaus zwei Schwerpunkte zu dem Themenkomplex mit jeweils zehn bis 20 Texten konzipiert, um interessierten Lesern tiefergehende Informationen zu unterschiedlichen Aspekten des Themas bereitzustellen.

„Ich persönlich empfinde es als besonders herausfordernd, eine größtmögliche Menge an Rezipienten mit unseren Beiträgen abzuholen und für das Thema Klimawandel zu sensibilisieren“, sagt Timmler. „Es ist durchaus ein Spagat, einerseits tief in die teilweise nun mal doch sehr komplexe Materie einzudringen und gleichzeitig für bislang weniger informierte Rezipienten ein niedrigschwelliges Angebot zu schaffen.“ Ebenso sei es eine Herausforderung, „auch weniger optimistische Prognosen von Wissenschaftlern abzubilden, gleichzeitig aber im Sinne eines konstruktiven Journalismus Lösungsansätze aufzuzeigen – und das ohne erhobenen Zeigefinger, sondern auf Augenhöhe mit den Rezipienten“.

Correctiv – Ins Gespräch kommen, Handlungswege zeigen

Es gebe und es brauche keine speziellen Richtlinien für die Berichterstattung über den Klimawandel, findet Bastian Schlange, der bei Correctiv die Klimaredaktion leitet, man richte sich nach den grundsätzlichen journalistischen Qualitätsstandards. Correctiv hat sich der „Covering Climate Now“-Initiative angeschlossen, „weil es wichtig ist, zu netzwerken und sich zusammenzuschließen“, sagt Schlange. Die größte Herausforderung bei der Berichterstattung über das Thema Klimawandel sieht er darin, „wirklich konstruktiv zu sein. Im Zuge dieser tagtäglichen Hiobsbotschaften macht sich bei den Menschen ganz schnell ein Ohnmachtsgefühl breit.“ Das sei eine Einflugschneise zum einen für die Narrative der Klimawandelleugner, zum anderen für Populisten, dort die Leute abzuholen und zu spalten. Deshalb sei es so wichtig, „nicht den Untergang in Stein zu meißeln, sondern zu zeigen, wie jeder selbst aktiv werden und etwas bewegen kann“.

Das komme auch an bei den Menschen, ebenso wie das Konzept, in den Dialog zu treten. „Wir organisieren Klimawochen, wo wir über vier Abende pro Woche in verschiedenen Städten und Kommunen die Klimadebatte führen“, erklärt Schlange. Einer dieser Abende befasse sich mit „Fake News“ und Klimaleugnern. Da diskutiere man mit dem Publikum, die Narrative und die Mechanismen, die die Leugner anwenden.

Die Klimaberichterstattung von Correctiv gebe dementsprechend nicht den Positionen von Leugnern Raum, sondern den Faktenchecks zu diesen Behauptungen. Die diversen Positionen in der Klimaforschung hingegen erhalten einen Platz und werden aufgegriffen, und zwar „mit größtmöglicher Transparenz“ über den Hintergrund der Wissenschaftler und der Institute. Generell stehe die einordnende Hintergrundrecherche im Vordergrund oder auch langfristige Investigativgeschichten.

Großbritannien

BBC – klare Richtlinien

Die BBC will in einer neuen Serie ein Jahr lang über den Klimawandel berichten.

Die BBC hat im vergangenen Jahr erhebliche Anstrengungen unternommen, um das Thema Klimawandel in den Fokus zu rücken, aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten und  ihr Publikum darüber zu informieren, wie ihr persönlicher Lebensstil einen Unterschied machen kann.

In den Jahren zuvor gab es teils Schwierigkeiten, weil die BCC auch Klimawandelleugner zu Wort kommen ließ und deren Aussagen nicht deutlich genug einordnete, um für das Publikum klarzustellen, dass es sich dabei um persönliche Meinungen handelte, die konträr zum wissenschaftlichen Konsens waren. Nachdem die britische Medienaufsichtsbehörde Ofcom im Herbst 2018 wegen solch eines Falles eine Rüge ausgesprochen hatte, gab die BBC-Nachrichtendirektorin eine redaktionelle Richtlinie zur Berichterstattung über den Klimawandel heraus, die betonte, dass die BBC dem Thema unvoreingenommen gegenüber stünde und vor der Gefahr einer „falschen Gleichgewichtung“ („false balance“) warnte.

Auf die Anfrage des EJO, ob die Klimaberichterstattung sich seit der Veröffentlichung dieser Richtlinien verändert habe, reagierte die BBC nicht. 2019 gab es allerdings einige detaillierte Beiträge zum Thema im Fernsehen und auf der Webseite, und Klimawandelleugner kamen seltener zu Wort. In der Dokumentation „Climate Change: The Facts” betonte der sehr geachtete Moderator David Attenborough die Dringlichkeit der Situation. Im Januar 2020 kündigte die BBC außerdem Pläne für eine einjährige Serie zum Klimawandel mit dem Titel „Our Planet Matters” an.

The Guardian – zeigt Haltung

Der Guardian setzt sich sehr meinungsstark mit dem Thema Klimawandel auseinander.

Die Mitte-Links-Zeitung The Guardian nimmt seit langem eine sehr meinungsstarke Haltung zum Klimawandel ein. Wie der Redakteur für Umweltthemen Damian Carrington (zitiert von James Painter in der Studie „Poles Apart: The international reporting of climate scepticism”) beobachtet hat, wandelte sich die Klimaberichterstattung im Guardian bereits im Jahr 2008 sehr deutlich, nachdem das Team für Umweltthemen vergrößert wurde. Außerdem formulierte die Zeitung damals erstmals ihre Philosophie zur Klimawandelberichterstattung, die beinhaltet, das Thema nicht in einer eigenen Rubrik zu „ghettoisieren“, sondern immer in einen größeren Zusammenhang zu stellen und mit anderen Themen wie Wasser, Energie, Nahrung und Bevölkerung zu verknüpfen.

Nach dem Start der Initiative „Covering Climate Now“ verkündete die Zeitung, dass sie ihren Styleguide aktualisiert habe und ihren Journalisten empfehle, „Begriffe zu nutzen, die die Umweltkrise, welche die Welt gerade erlebt, besser beschreiben“. Demnach sollten „Klimanotfall“ („climate emergency“) „Klimakrise“ (climate crisis) oder „Klimakollaps“ („climate breakdown“) dem neutraleren “Klimawandel” („climate change“) vorgezogen werden. Chefredakteurin Katharine Viner begründet dies damit, dass Klimawandel eher passiv und sanft klinge, wohingegen die wissenschaftlichen Erkenntnisse eine Katastrophe für die Menschheit andeuten.

Der Guardian machte außerdem publik, dass er überdacht habe, mit welchen Bildern die Klima-Thematik am besten illustriert werden könnte. Bildredakteurin Fiona Shields erklärt, dass die Zeitung auf Anraten der Rechercheorganisation Climate Visuals sich entschieden habe, Bilder von Menschen zu zeigen, die vom Klimawandel betroffen sind, da diese den Einfluss des Klimawandels eindrücklicher darstellen würden als Fotos von Eisbären auf schmelzenden Eisschollen.

Vice UK – „Kern der Berichterstattung”

Als rein digitales Nachrichtenunternehmen, das sich hauptsächlich an ein jüngeres Publikum richtet, ist Vice UK ein typisches Beispiel für eine Plattform, die einen starken Fokus auf die Umwelt legt. Das Mutterunternehmen Vice Media Group definiert die Rolle aller Vice-Medien als „klare Orientierungshilfe für eine unsichere Welt”.  Im September 2019 erklärte Katie Drummond, Senior Vice President von Vice Digital, dass Umweltthemen den Kern der Berichterstattung ausmachen sollten.

Vice Media hat sich der CCN-Initiative angeschlossen, und die englische (ebenso wie die italienische) Webseite hat die Klimaberichterstattung zur höchsten Priorität erklärt. In der Rubrik „Save Yourselves” werden regelmäßig meinungsstarke Artikel veröffentlicht, die den Nutzern aufzeigen, wie sie selbst die Bedrohung für den Planeten abschwächen können (z.B. „Welche Deiner Lieblings-Apps und -webseiten am schlechtesten für die Umwelt sind“).

Jamie Clifton, Chefredakteur von Vice UK, sagte gegenüber dem EJO, dass es ein ganz natürlicher Schritt gewesen sei, der Initiative beizutreten. „Die Umwelt ist ein Thema, das uns in der Redaktion allen am Herzen liegt und über das wir mehr berichten wollen“, so Clifton. Es habe ohnehin schon vorher absolute Priorität gehabt. Wie alle Vice-Medien legt Vice UK großen Wert auf visuelle Kommunikationsformen wie Fotos und Videos, verlässt sich stark auf soziale Medien, um sein Publikum zu erreichen, und versucht kontinuierlich, die Rezipienten in Debatten einzubinden.

Italien

Rai Radio 3 – „Eine Priorität”

In Italien haben sich der Haupt-TV-Nachrichtensender der öffentlich-rechtlichen Medienanstalt Rai sowie zwei Rai-Radiosender, Radio 1 und Radio 3, der CCN-Initiative angeschlossen. Vor allem der kulturell und wissenschaftlich ausgerichtete Sender Radio 3 betrachtet das Klima in seiner Berichterstattung als Priorität.

Rossella Panarese, Journalistin und Moderatorin bei der täglichen Wissenssendung „Radio3 Scienza”, sagte gegenüber dem EJO: „Wir glauben, dass es wichtig ist, sowohl die komplexe Daten- und Wissenslage als auch soziale und kulturelle Aspekte im Blick zu haben.” Auch wenn sich Rai Radio 3 ursprünglich darauf fokussiert hat, über aktuelle Erkenntnisse der Wissenschaft zu berichten, scheut der Sender nicht davor zurück, auch praktische Ratschläge im Umgang mit dem Klimawandel zu geben. Es werden Vorschläge gemacht, wie Menschen ihr Handeln umweltfreundlicher gestalten können, z.B. indem über Herstellungsprozesse von Produkten und den Einfluss von Reisen und Tourismus auf die Natur informiert wird.

Panarese betont, dass es einen spürbaren „Greta-Effekt“ gegeben habe – als Folge des weltweiten Einflusses der jungen schwedischen Klimaschützerin Greta Thunberg – und dass das Engagement der jungen Menschen in der Protestbewegung für „Radio3 Scienza“ ein wichtiger Anlass zur Berichterstattung sei. Die Rai-Journalistin bemerkte auch, dass von Sendern oft erwartet werde, allen Aspekten und Standpunkten zu einem Thema gleich viel Aufmerksamkeit zu schenken. Die Annahme, dass über wissenschaftliche Fakten genauso diskutiert werden könne wie über politische Parteien oder Fußballmannschaften, zeige, dass es einen „Vertrauensverlust in die Wissenschaft” gebe, so Panarese.

Corriere della Sera – „Nachrichtenwert steht im Fokus“

Wie Paolo Virtuani, Journalist des Corriere della Sera, gegenüber dem EJO sagte, habe die Zeitung keine redaktionelle Richtlinie zum Umgang mit dem Klimawandel und berichte über Ereignisse (aller Art) „nicht auf der Basis von vorgefassten Meinungen, sondern auf der Basis des Nachrichtenwerts“.

Beiträge über das Klima seien bereits oft als Titelstorys erschienen, erklärt Virtuani, der für das Blatt seit mehr als 20 Jahren über Klimathemen schreibt. Die Fridays-for-Future-Bewegung habe „das Interesse an Umweltfragen verstärkt“ und die Klimaberichterstattung des Corriere della Sera erfahre außerdem viele positive Rückmeldungen: „Leser wollen mehr über dieses Thema wissen und unsere Online-Artikel zum Klimawandel zählen zu den meistgeklickten.”

Vice Italy – „Nicht nur ein Umweltproblem”

Vice Italy hat eine Facebook-Gruppe zum Thema Klimawandel gestartet.

Vice Italy gibt dem Thema Klimawandel in seiner Berichterstattung viel Raum, vor allem in der Rubrik „Wissen und Technologie“. Zurzeit gibt es auf der Webseite sogar eine eigene „Klimawandel“-Rubrik.

Giulia Trincardi, Journalistin bei Vice Italy, erklärte dem EJO, wie die Redaktionspolitik funktioniert: „In den vergangenen Jahren hat sich Vice Italy vor allem darauf fokussiert, international anerkannte Studien aufzugreifen, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu interviewen und konkrete Probleme, die der Klimawandel in Italien mit sich bringt, in den Blick zu nehmen.” Vice Italy hat mit der Zeit seine Berichterstattung über den Klimawandel immer mehr erweitert, u.a. eine Video-Dokumentation über die Auswirkungen des Klimawandels auf Venedig produziert und eine Facebook-Gruppe gegründet, in der Leser mit Journalisten diskutieren können. Trincardi betont, dass Vice Italy den Klimawandel „nicht nur als Umweltproblem, sondern gar als eine politische und soziale Krise“ ansehe.

Zusammen mit anderen Vice-Redaktionen weltweit beteiligt sich auch Vice Italy an der Initiative „Covering Climate Now“. Im Zuge dessen produziert es spezielle Inhalte, die in andere Sprachen übersetzt und dann auf anderen Vice-Portalen zweitveröffentlicht werden.

Polen

Polnisches Radio/Fernsehen – keine Antwort

Das EJO hat den polnischen öffentlich-rechtlichen Rundfunk – sowohl den Fernsehsender Telewizja Polska (TVP) als auch das Polskie Radio – um Auskunft über seine Klimawandelberichterstattung gebeten. Von beiden kam keine Antwort.

Zwei unabhängige Medien beantworteten hingegen unsere Fragen: die Tageszeitung Gazeta Wyborcza (die auflagenstärkste Qualitätszeitung des Landes) und das Online-Nachrichtenportal Onet (das mit fast 12 Millionen Nutzern monatlich zu den wichtigen Internetportalen in Polen gehört).

Gazeta Wyborcza – „Eins der wichtigsten Themen”

Laut Michał Olszewski, verantwortlicher Redakteur für Gazeta Wyborczas Umwelt-Seiten „Gazeta na zielono”, ist der Klimawandel eins der wichtigsten Themen, die die Zeitung je behandelt habe. Aus diesem Grund räume man dem Thema besonders viel Platz ein.

Wie der Guardian, mit dem die polnische Tageszeitung bereits in verschiedenen Projekten zusammengearbeitet hat, ist sie Mitglied der Initiative „Covering Climate Now“. Azch die Gazeta  Wyborcza verwendet statt des Begriffs „Klimawandel“ den Terminus „Klimakrise“, um auf die Dringlichkeit des Themas hinzuweisen.

In der Onlineausgabe der Zeitung gibt es mit „Wyborcza na zielono” ebenfalls eine Umwelt-Rubrik, in der Umweltthemen aus lokaler, nationaler und globaler Perspektive betrachtet werden. Olszewski betonte gegenüber dem EJO, dass die Gazeta Wyborcza Klimathemen nicht nur zur Priorität mache, sondern in der Berichterstattung auch mit neuen Darstellungsformen experimentiere.

Onet – wissenschaftliche Fakten im Fokus

Das Projekt „Oddychaj Polsko” („Atme, Polen“) soll Bewusstsein für die starke Luftverschmutzung in Polen schaffen.

Das Nachrichtenportal Onet nimmt das Thema Klimawandel ernst, räumt ihm aber keine so prominente Stellung ein wie die Gazeta Wyborcza. Piotr Kozanecki, Chef des Internetportals, erklärt, dass er und sein Team sowohl die Erwartungen der Leser als auch aktuelle Ereignisse in Polen und weltweit einbezögen, um Themen und Richtlinien für die Berichterstattung festzulegen.

Andererseits versuche Onet manchmal auch, die Initiative zu ergreifen und Leser von der Auswirkung gewisser Faktoren auf das Klima zu überzeugen – obwohl diese Themen nicht immer gut aufgenommen würden.

Laut Kozanecki bezieht sich die Klimaberichterstattung von Onet ausschließlich auf wissenschaftliche Fakten und nicht auf pseudo- oder parawissenschaftliche Stimmen und Narrative. Im November startete das Portal in Zusammenarbeit mit der Firma Airly, die die Luftqualität überwacht, ein Projekt mit dem Titel „Oddychaj Polsko” („Atme, Polen“), das Aufmerksamkeit auf die immense Luftverschmutzung in Polen richten soll.

Tschechien

Jahrelang waren die tschechischen Medien beim Thema Klimawandel gespalten. Die traditionellen Medien ignorierten ihn weitestgehend und überließen die Berichterstattung damit den unabhängigen, progressiveren Medienhäusern, deren Leserschaft zu einem Großteil aus der jungen Stadtbevölkerung besteht. Im Jahr 2019 begannen jedoch – unabhängig von politischer Ausrichtung und Gattung – auch die etablierten Medien, den Klimawandel ins Zentrum ihrer Berichterstattung zu stellen.

Als es darum ging, dem EJO Auskunft über ihre publizistische Linie in punkto Klimawandel zu geben, sträubten sich etablierte und konservative Medienhäuser allerdings mehr als die links ausgerichteten Medien.

Mainstream-Medien – keine spezifischen Leitlinien

Der öffentlich-rechtliche Sender Česká televize und die konservative Tageszeitung Hospodářské Noviny gaben auf die Anfrage des EJO, wie sie mit dem Thema Klimawandel umgehen, nur knappe und ausweichende Antworten. Auch wenn beide Medien regelmäßig über den Klimawandel berichten und das Thema erst nehmen, hat keines von ihnen besondere redaktionelle Leitlinien zum Thema formuliert, was damit begründet wird, dass Grundsätze wie Unparteilichkeit und Objektivität bei der Berichterstattung über alle Themen gelten sollen. Journalisten des tschechischen Fernsehens waren über die CCN-Initiative nur wenig informiert, Journalisten der Hospodářské noviny gaben dem EJO diesbezüglich keine Antwort.

Auch Journalisten der tschechischen Radiokanäle Radiožurnál (Hauptkanal des Tschechischen Radios Český rozhlas) und Plus (spezialisiert auf die Analyse von aktuellen Themen) gaben dem EJO keine Rückmeldung. Erik Tabery, Chefredakteur des etablierten Nachrichtenmagazins Respekt, war ebenfalls nicht bereit, einen Einblick in den Umgang mit dem Thema Klimawandel innerhalb seiner Redaktion zu geben. Obwohl Respekt zu den ersten tschechischen Medien gehört, die seit den 1990ern über Umweltthemen berichten, nimmt es wohl lieber – wie andere traditionelle Medien auch – eine neutrale Position ein, um nicht als aktivistisches Medium zu gelten.

Digitale Medien – „Die Zukunft ist jetzt”

Neuere alternative Medien hingehen schienen gerne bereit, über ihre publizistischen Grundsätze in punkto Klimawandel Auskunft zu geben. Jakub Patočka, Chefredakteur der links ausgerichteten Online-Nachrichtenseite Deník Referendum, sagte gegenüber dem EJO, dass das Medium bereits bei seiner Gründung im Jahr 2009 Grundsätze für den redaktionellen Umgang mit dem Klimawandel skizziert habe. Einer davon laute: „Relativismus und Leugnung des Klimawandels bekommen keine Plattform”.

Die Serie „Budoucnost je ted” („Die Zukunft ist jetzt“) von A2larm macht deutlich, wie wichtig das Thema Klimawandel ist.

Während Deník Referendum bisher das einzige tschechische Medium ist, das sich an der CCN-Initiative beteiligt, nimmt ein weiteres links ausgerichtetes Onlinemagazin den Klimawandel sehr ernst: A2larm veröffentlichte unter der Überschrift „Budoucnost je ted” („Die Zukunft ist jetzt“) bereits eine Vielzahl an Artikeln zum Klimawandel. Chefredakteur Jan Bělíček sagte gegenüber dem EJO, dass man sich dazu entschieden habe, den Begriff „Klimakrise” anstelle des Wortes „Klimawandel” zu nutzen, um die Gefahr, die von der Situation ausgehe, zu betonen. Sowohl Deník Referendum als auch A2larm sind der Auffassung, der „Apathie“ der Mainstream-Medien etwas entgegensetzen zu müssen.

Ukraine

In den ukrainischen Medien erfährt das Thema Klimawandel eher wenig Beachtung. Sie berichten hauptsächlich anlassbezogen: viele Medien griffen öffentlichkeitswirksame Themen wie Greta Thunbergs Rede beim UN-Klimagipfel im September 2019 auf, aber tiefergehende Betrachtungen der zugrundeliegenden Thematiken gibt es nur vereinzelt.

Das ukrainische EJO interviewte Vertreterinnen und Vertreter von drei Medienunternehmen hinsichtlich ihrer redaktionellen Richtlinien zur Klimaberichterstattung: Den öffentlich-rechtlichen Rundfunksender UA:PBC, die Wochenzeitung Ukrainskyi Tyzhden und die Nachrichtenwebseite Ukrainska Pravda Zhyttia.

UA:PBC – „Ein Mangel an Expertenwissen“

Mariya Frey, die Hauptverantwortliche für den regionalen Rundfunk bei UA:PBC, sagte gegenüber dem EJO, dass es keine redaktionelle Richtlinie zur Klimaberichterstattung gebe. Man berichte zwar über das Thema, aber es mangele in der Ukraine an Expertenwissen, was einer tiefergehenden Berichterstattung im Weg stehe.

Ukrainskyi Tyzhden – „Einen Hype vermeiden“

Der Chefredakteur des Wochenmagazins Ukrainskyi Tyzhden, Dmytro Krapyvenko, berichtete dem EJO, dass bereits mehrere Ausgaben dem Klimawandel gewidmet worden seien, wobei die Umweltprobleme in der Ukraine im Fokus gestanden hätten.

Er betont, dass Ukrainskyi Tyzhden es sich zur Aufgabe gemacht habe, „Trends zu setzen, nicht Trends zu folgen“. Das Wochenmagazin wolle Probleme aufzeigen und verschiedene Perspektiven dazu beleuchten.

Krapyvenko zufolge bevorzugt die Wochenzeitung eine nüchterne und objektive Herangehensweise und will vermeiden, in die Falle eines „Hypes“ oder des „Dogmatismus“ zu tappen. Dabei lasse sie sich von der konservativen deutschen Tageszeitung Die Welt inspirieren, die, so Krapyvenko, einen „ausgewogenen Ansatz“ verfolge und Themen „in einem größeren Kontext“ präsentiere.

Ukrainskyi Tyzhden veröffentliche oft auch Übersetzungen von Artikeln aus der Welt, da deren nüchterner Ton gut in seine Publikation passe, erklärt der Chefredakteur. Seiner Ansicht nach sollten Medien sich sowohl dem Extrem der Panikmache als auch dem Extrem der Verleugnung entziehen und das Thema Klimawandel stattdessen „mit Vorsicht betrachten und gefährliche Vereinfachungen und Verallgemeinerungen meiden“.

Ukrainska Pravda Zhyttia – Wenig eigene Inhalte

Wie die Journalistin Iryna Andreytsiv erklärt, verlasse sich die Nachrichtenwebseite Ukrainska Pravda Zhyttia in ihrer Berichterstattung über den Klimawandel stark auf Übersetzungen aus anderen Medien und gebe nur selten eigene Inhalte in Auftrag.

Der Hauptgrund dafür sei ein Mangel an Ressourcen, aber auch die fehlende Expertise vieler Journalisten in diesem Bereich und das relative Desinteresse der ukrainischen Öffentlichkeit spielten eine Rolle, so Andreytsiv.

Da vielen ukrainischen Journalistinnen und Journalisten das fachliche Wissen fehle, um das Thema selbst zu verstehen, falle es ihnen auch schwer, es einem breiteren Publikum zugänglich machen, so Andreytsiv.  Es sei außerdem eine große Herausforderung, die Nutzer, die es schwer hätten, über die Runden zu kommen, zu überzeugen, dass sie sich um ihren ökologischen Fußabdruck kümmern müssten.  „Wenn jemand nicht genug Geld hat, um Essen zu kaufen, dann ist es schwierig, ihm klar zu machen, dass der Klimawandel wichtig ist. Man muss in der Lage sein, ihnen zu zeigen, dass es einen direkten Zusammenhang zwischen Klimawandel und unseren grundlegenden menschlichen Bedürfnissen gibt.“

 

Projektkoordinatorin/Autorin:

Paula Kennedy, Reuters Institute for the Study of Journalism, University of Oxford, EJO English

 

Mitarbeiterinnnen und Mitarbeiter:

Tina Bettels-Schwabbauer, Erich-Brost-Institut für Internationalen Journalismus, TU Dortmund, EJO Deutschland

Marlis Prinzing, Macromedia Hochschule Köln

Philip Di Salvo und Antonio Nucci, Università della Svizzera italiana, Lugano, EJO Italien

Adam Szynol und Michal Kuś, Universität Wrocław, EJO Polen

Miloš Hroch und Sandra Štefaniková, Karls-Universität Prag, EJO Tschechien

Halyna Budivska, Kyiv Mohyla School of Journalism, EJO Ukraine

Mit Dank an Richard Black, Scott Brennen, James Painter, Mike Schäfer und Meera Selva für ihre Ideen und Ratschläge.

 

Übersetzt aus dem Englischen von Johanna Mack, Roman Winkelhahn und Tina Bettels-Schwabbauer. Die deutsche Version wurde um eine vierte deutsche Redaktion – Correctiv – erweitert.

 

Bildquelle: robdownunder/Flickr CC: Kangaroo Island Fire; Lizenzbedingungen: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

 

 

 

 

 

 

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