Kampagne statt Kritik: Was bei „Bild“ vs. Drosten schief lief

8. Juni 2020 • Aktuelle Beiträge, Qualität & Ethik • von

Die Kampagne der Bild gegen Christian Drosten ist keine neue Form des medialen Gelehrtenstreits, sondern zeigt exemplarisch, wie Medienschaffende das wissenschaftliche System nicht verstehen (wollen) und entsprechend die Forschungsergebnisse auch nicht adäquat vermitteln (können).

Quelle: Screenshot bild.de

Wissenschaft ist „work in progress“. Deshalb werden auch vorläufige Forschungsergebnisse veröffentlicht. Im modernen Wissenschaftssystem werden Vorabveröffentlichungen (sogenannte Preprints) im Internet auf allgemein zugänglichen Plattformen (sogenannte Preprint-Server) abgelegt und mit dem unmissverständlichen Hinweis versehen: „Vorsicht: Vorabdrucke sind vorläufige Arbeitsberichte, die nicht durch Peer Review geprüft wurden. Sie sollten nicht als Richtschnur für die klinische Praxis oder gesundheitsbezogenes Verhalten dienen und sollten nicht als etablierte Information in den Nachrichtenmedien veröffentlicht werden.“

Mit der Forschung zu Covid-19 ist die Zahl der Preprints massiv gestiegen: Seit Januar sind über 23.000 Artikel zu Covid-19 veröffentlicht worden. Das Science Magazine bezeichnete diese Entwicklung als „die größte Explosion wissenschaftlicher Literatur“. Für diese Entwicklung gibt es insbesondere zwei Gründe, die miteinander zusammenhängen: Zum einen dauert der Begutachtungsprozess durch andere wissenschaftliche Fachpersonen einige Wochen oder Monate. Zum anderen werden Erkenntnisse zu Covid-19 dringend benötigt, denn diese dienen als Grundlage für politische Entscheidungen und für weitere Forschung. Vorabveröffentlichungen bieten zudem den Vorteil, dass sie sich zu einem sehr frühen Zeitpunkt im Forschungsprozess bereits der Kritik anderer Fachleute stellen und damit die Verbesserung von Manuskripten ermöglichen.

Die Bild-Zeitung riss diese vereinzelten kritischen Kommentare aus dem Kontext und behauptete, die Studie sei „grob falsch“.

Die Bild-Zeitung hat nun eine solche Vorabveröffentlichung von Christian Drosten zur Corona-Ansteckung von Kindern herausgepickt und die Kritik daran skandalisiert. Das Boulevardblatt nimmt den prominenten Virologen ins Visier, will aber vor allem Angela Merkel treffen, die auf Drosten hört.

In seiner Vorabveröffentlichung vom 29. April kam Drosten zum Schluss, dass Kinder genauso ansteckend sein könnten wie andere Altersgruppen. Statistiker monierten daraufhin die Art und Weise wie Drosten die Zahlen ausgewertet hatte. Die Bild riss diese vereinzelten kritischen Kommentare aus dem Kontext und behauptete, die Studie sei „grob falsch“ und hätte zur Schließung von Kindergärten und Schulen geführt. Diese waren jedoch zum Zeitpunkt der Vorabveröffentlichung bereits seit Wochen geschlossen. Zudem distanzierten sich die zitierten Kritiker von der Bild-Kampagne und betonten, wie ihre Hinweise im Kontext zu lesen seien.

Die Kampagne der Boulevardzeitung basierte somit auf einer verzerrten Sichtweise auf das moderne Wissenschaftssystem. Diskurs und Kritik sind eine Notwendigkeit für die Wissenschaft. Deswegen ist Kritik an wissenschaftlichen Studien, zumal an deklarierten Vorabveröffentlichungen, nicht die Zurschaustellung eines Mangels. Sie dient vielmehr dem wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt. Die Bild-Zeitung stellt also einen normalen Vorgang als Problem dar, indem sie die Kritik an einem vorläufigen Befund als absolut hinstellt.

Man stelle sich vor, politische Entscheidungen würden heute auf Basis der Erkenntnis von Anfang Januar getroffen.

Die fortwährende Arbeit an neuen Erkenntnissen, die jeweils als vorläufig gelten, ist unverzichtbar für den wissenschaftlichen Fortschritt. Sie passt aber denkbar schlecht zum Bedürfnis vieler Menschen nach Sicherheit und Eindeutigkeit in Zeiten der Unsicherheit. Dennoch: Gerade in einer Krise wäre das Verharren auf alten Erkenntnissen problematisch und möglicherweise gefährlich. Man stelle sich vor, politische Entscheidungen würden heute auf Basis der Erkenntnis von Anfang Januar getroffen. Damals wurde das Coronavirus noch nicht als bedrohlich für das Gesundheitssystem eingestuft.

Deswegen wäre es widersinnig, wissenschaftliche Studien auf Grund eines starken öffentlichen Drucks nicht mehr vorab zu veröffentlichen. Wissenschaft muss ihrer grundständigen Aufgabe nachkommen können, Erkenntnisse zu produzieren, zu kritisieren und neu zu bewerten. Die Rolle des Journalismus ist in diesem Kontext zentral. Es ist seine Aufgabe, den wissenschaftlichen Prozess einer breiten Öffentlichkeit zu vermitteln und die Erkenntnisse kritisch zu beleuchten. Das ist heute nur noch beschränkt möglich. Wissenschaftsjournalismus hat in den Redaktionen einen schweren Stand und ist in den letzten Jahren vielerorts gänzlich verschwunden.

Angesichts der enormen Mengen an wissenschaftlichen Publikationen und Fachleuten zu Covid-19 fokussierten viele Medien auf ein paar wenige Studien und wenige Personen. Entsprechend unvollständig ist das Bild, das die Medien von der realen Forschung zeichnen.

Wissenschaft und Journalismus müssen enger zusammenarbeiten. Nur so kann die Öffentlichkeit die Funktionen und Leistungen beider Systeme verstehen.

Der Journalismus muss Wissenschaft kritisieren. Dazu benötigen die Medienschaffenden aber Informationen zum Kontext von Studien und verschiedene, auch von einander abweichende Stimmen aus der Forschung. So wie die Wissenschaft auf den Journalismus angewiesen ist, um ihre Erkenntnisse und Ergebnisse öffentlich zu vermitteln, braucht auch der Journalismus die Wissenschaft, um diese zu verstehen. Darum müssen Wissenschaft und Journalismus enger zusammenarbeiten. Nur so kann die Öffentlichkeit die Funktionen und Leistungen beider Systeme verstehen.

Das gelingt aber nur, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind. Zum einen muss die Wissenschaft die Vorläufigkeit der Forschungsergebnisse stärker betonen, damit Medienschaffende begreifen, wie belastbar die Befunde sind und welche Schlüsse sich daraus ziehen lassen – und welche sicher nicht. Das bedeutet: Forschende müssen offenlegen, welches die Einschränkungen einer Studie, der Methode oder der Auswertung sind. Diskutieren, inwieweit Ergebnisse übertragbar sind und für welche Bereiche sie gelten. Zum anderen müssen Vorabveröffentlichungen klar erkennbar als solche ausgewiesen werden, sowohl auf den Servern als auch in den Artikeln selbst.

Was ebenfalls hilft, sind zügige Begutachtungsverfahren. Im Fall der zahlreichen Corona-Studien in den Fachzeitschriften scheint sich dieser Prozess bereits beschleunigt zu haben, um dem dringenden Bedarf nach gesichertem Wissen nachzukommen.

Einen Brückenschlag für eine engere Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Journalismus bieten die sogenannten Wissenschaftszentren. Das Science Media Center für Medienschaffende in Deutschland, der Schweiz und Österreich bietet beispielsweise Einschätzungen zu Studienergebnissen und untermauert diese mit Statements von anderen Forschenden. Das funktioniert aber nur, wenn auf der anderen Seite auch Journalistinnen und Journalisten arbeiten, die ein Verständnis für die Grundbegriffe von Forschung und Wissenschaft haben – was leider nicht auf alle zutrifft, die über Wissenschaft und Forschung berichten.

Erstveröffentlichung: Medienwoche vom 4. Juni 2020

 

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